Frau Professor Boll, Sie beschäftigen sich mit dem digitalen Schuhkarton, was ist das?

Susanne Boll: Früher wurde Fotos gerne in Kartons, in Kisten aufbewahrt. Wir fragen uns, was heutzutage der Schuhkarton ist. Es geht um neue Formen des Umgangs mit digitalen Bildern, die auf dem eigenen Computer, dem Computer des Partners oder dem Handy liegen.

 

Haben wir noch den Überblick über unsere Datenfluten?

Boll: Das ist schwierig und aufwendig. Man geht davon aus, dass mehr digitale Fotos ungesehen liegen bleiben als einst die analogen. Allein schon, wenn man das Verhältnis der angeschauten Fotos zur großen Menge an gemachten Bildern berücksichtigt. In diesem Jahr werden das weltweit mehr als 1,3 Billion Digitalbilder sein.

 

Wie steht es um das Speichern?

Boll: Das individuelle Speichern ist gefühlt ja kein Problem, weil es immer größere Festplatten und größere Handyspeicher gibt. Schwierig wird es, wenn das Handy in die Toi-lette fällt, eingebrochen wird oder die Festplatte kaputt geht. Das Problem ist das Archivieren. Und da geht auch aus harmloseren Gründen vieles verloren: weil zwischen zwei Systemen gewechselt wird, weil die Daten nicht übertragen werden. Besonders tragisch, wenn ein Jahrzehnt des Familienarchives verloren geht.

 

Man sagt, die 90er- und die 00er-Jahre seien die schlecht archiviertesten Jahrzehnte.

Boll: Das ist sicher so, weil in den Anfängen der Digitalisierung nicht alles gespeichert wurde, Datenträger verloren oder defekt wurden oder auf nicht mehr lesbaren Datenträgern liegt.

 

Früher hat man Briefe aufbewahrt, heute müsste man sie ausdrucken - oder sicher speichern, was selten passiert. Verändert sich eine Form der Erinnerungskultur?

Boll: Da bin ich immer hin- und hergerissen. Auf der einen Seite gibt es diese Tendenz des Bewahrens, auch ich habe noch meine gesamte Brief- und Kartenpost. Gleichzeitig hat sich die Gesellschaft verändert. Erinnerung ist oder wird möglicherweise eine andere. Fakt ist aber, dass zwischenzeitlich vieles Haptische verschwunden ist, die Digitalisierung aber noch keine zufriedenstellende Alternative dafür anbietet. Das zeigt sich unter anderem auch an der Nachfrage an Fotobüchern. Es ist wohl doch noch ein Erlebnis, in einem Buch zu blättern.

 

Wie und wo sollte man seine Daten sichern?

Boll: Die Daten sollten an einem zweiten Ort gespeichert werden, der idealerweise nicht das eigene Zuhause ist. Ich kenne Leute, die bringen einmal im Jahre eine Festplatte, eine Kopie, zur Oma. Das ist ein wenig archaisch, aber sinnvoll. Man kann sich nach einem Anbieter für Clouds erkundigen. Es gibt immer mehr Firmen, die ihre Server in Deutschland haben, weil die Kunden in Sachen Datenschutz sensibler geworden sind. Jeder muss sich die Frage beantworten, wie sehr würde sein Herz bluten, wenn Daten verloren gehen? Und danach muss gehandelt werden.

 

Das Gespräch führte

Katrin Fehr. Foto: oh