Ingolstadt: "Wir suchen Störfaktoren, nicht die Wahrheit"
Im Nebengebäude des Landgerichts ist die Landgerichtsärztliche Dienststelle untergebracht. Seit über 20 Jahren heißt der Leiter der Behörde Hubert Haderthauer.
Rehberger
Aufgedeckt hat das die Journalistin Ursula Prem, die ursprünglich in ganz anderer Angelegenheit recherchiert hatte. Sie wollte im Zusammenhang mit dem Fall Gustl Mollath von Sozialministerin Haderthauer wissen, ob es rechtens sei, dass Psychiatrie-Insassen zahlreichen nächtlichen Haftraumkontrollen ausgesetzt sind. Haderthauer bat um Verständnis, dass sie auf konkrete Fragen bezüglich Mollath nicht eingehen könne, also recherchierte die Journalistin weiter. Ein Psychiatrie-Patient erzählte ihr, dass er während seiner Zeit im Bezirkskrankenhaus in Straubing für 200 Euro im Monat - das entspricht bei 40 Wochenstunden einem Stundenlohn von 1,25 Euro - in einer therapeutischen Modellbauwerkstatt gearbeitet und dort Modellautos im Maßstab 1:8 für die Firma Heinrich Sandner Sapor Modelltechnik produziert hat. Hubert Haderthauer war von Anfang der 1990er Jahre bis 2008 Teilhaber dieser Firma mit Sitz in Ingolstadt. Er habe Heinrich Sandner Sapor Modelltechnik aber nicht gegründet, sagt er gegenüber dem "stern". 
 
Wie der "Spiegel" in seiner neuen Ausgabe am Montag berichtet, ist Hubert Haderthauer dem verurteilten Kunsthandwerker Roland S. in der forensischen Psychiatrie in Ansbach begegnet. Bis 2000 hätte die dortige Arbeitstherapie "Modellbau" die Modellautos angefertigt, danach sei die ganze Abteilung in den Maßregelvollzug nach Straubing umgezogen, schreibt das Nachrichtenmagazin. Roland S. hätte dort mit einem Team von zehn bis 14 Patienten täglich sechs Stunden lang Autos gebaut.
 

Arbeitslohn zwischen acht und 14 Euro pro Tag

 
Haderthauer Modellauto eBay
Über die Internetplattform eBay werden die von den Häftlingen des Bezirkskrankenhauses Straubing angefertigten Automodelle zu hohen Preisen gehandelt.
Screenshot eBay
Heinrich Sandner Sapor Modelltechnik verkaufte die Modellautos anschließend gewinnbringend weiter. Grundlage dieses Geschäfts war ein Vertrag zwischen Heinrich Sandner Sapor Modelltechnik und dem Bezirkskrankenhaus Straubing. Die Klinik hätte die Modellautofertigung als Arbeitstherapie angeboten, Heinrich Sandner Sapor Modelltechnik hätte eine Pauschalsumme für die Modellautos an die Klinik überwiesen, heißt es. Der Arbeitslohn hätte sich nach dem bayerischen Strafvollzugsgesetz gerichtet - zwischen acht und 14 Euro pro Tag.
 
Derlei Verträge sind an sich keine Besonderheit. Ungewöhnlich ist, dass ausgerechnet ein Gerichtsmediziner daran beteiligt ist. 2008, als seine Gattin Ministerin wurde, verkaufte Hubert Haderthauer seine Firmenanteile, um Interessenskollisionen auszuschließen. Der Käufer ist in Ingolstadt kein Unbekannter: es ist Messebetreiber Heinrich Sandner, bekannt vor allem durch die miba. Er ist noch heute Inhaber der Firma.
 
Die Intention hinter allem wäre, so Haderthauer gegenüber dem "stern", weniger Gewinnstreben als vielmehr seine Begeisterung für Oldtimermodelle gewesen. Sein Gewinn hätte bei etwa 7000 Euro pro Jahr gelegen. Während Experten monieren, dass Haderthauer als Beamter seine Beteiligung bei Heinrich Sandner Modelltechnik hätte anzeigen müssen, sah dieser dazu keine Notwendigkeit. Das Bayerische Gesundheitsministerium antwortete auf Anfrage des "stern", für diese Angelegenheit nicht zuständig zu sein. 
 

Digitaler Rückzug der Sozialministerin


Die Journalistin Ursula Prem bat Christine Haderthauer am 28. April über die Internetplattform abgeordnetenwatch.de, zu Fragen bezüglich der Modellbaufertigung im Bezirkskrankenhaus Straubing Stellung zu beziehen. Prem fragte, von wann bis wann die Geschäftsbeziehung zwischen dem Bezirkskrankenhaus Straubing und "einer Modellfirma aus Ingolstadt" bestanden hätte und ob für die in forensischen Werkstätten Arbeitenden eine Abführung von Sozialversicherungsbeiträgen erfolgt sei. 34 Interessierte warten auf der Internetplattform bis heute vergeblich auf eine Antwort der Sozialministerin. Wenige Tage nach der Anfrage, am 1. Mai, löschte die Sozialministerin ihren Twitteraccount.