Von der Hochschule in die Politik: Marion Kiechle, die Ministerpräsident Markus Söder überraschend zur Wissenschaftsministerin gemacht hat, während ihres Besuches in der Redaktion des DONAUKURIER.
Von der Hochschule in die Politik: Marion Kiechle, die Ministerpräsident Markus Söder überraschend zur Wissenschaftsministerin gemacht hat, während ihres Besuches in der Redaktion des DONAUKURIER.
Richter
Ingolstadt

https://youtu.be/ILiJqwoSdU8

Die 57-jährige Ehefrau des Fußball-Kommentators Marcel Reif stammt aus dem badischen Oberkirch bei Offenburg. Sie studierte Medizin in Freiburg und wurde 1999 von der Technischen Universität München auf den Lehrstuhl für Gynäkologie berufen und zur Direktorin der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar ernannt - als erste Frau in ganz Deutschland. 2015 erhielt sie den Bayerischen Verdienstorden. Ihr Buch "Tag für Tag jünger" wurde 2017 ein Bestseller.

Frau Kiechle, woher kennen Sie eigentlich Markus Söder?

Marion Kiechle: Persönlich habe ich ihn erstmals im Januar auf einem Schwarz-Weiß-Ball der CSU getroffen. Da war ihm aber nicht so ganz klar, wer da eigentlich zufällig neben ihm sitzt. Wir haben uns gut verstanden und uns zehn Minuten lang sehr intensiv unterhalten, natürlich hauptsächlich über Wissenschaft in Bayern. Dann hat er es aber doch vorgezogen, mit meinem Mann über Fußball zu sprechen.

Wie ging es dann weiter?

Kiechle: Das Finanzministerium hat in der Woche vor Markus Söders Wahl zum Ministerpräsidenten in der Klinik angerufen und um einen Termin gebeten. Auf Nachfrage, um was es eigentlich geht, hieß es: "privat". Ich dachte zuerst, er bräuchte für jemanden eine medizinische Beratung. Ich bin dann hinmarschiert und es wurde schnell klar, dass es sich nicht um ein medizinisches Problem gehandelt hat.

Ist er gleich mit der Tür ins Haus gefallen?

Kiechle: Nein, er hat erst mal nur gefragt, ob ich mir ein politisches Amt vorstellen kann, woraufhin ich "Ja" gesagt habe. Warum auch nicht? Dann wollte er sich wieder nach seiner Wahl melden. Er musste das noch parteiintern klären. Parteilos, Quereinsteigerin, das kann man sich ja vorstellen. Am Dienstag vor der Vereidigung haben wir das in der Staatskanzlei finalisiert.

Was hat Sie daran gereizt, Ihre akademische und medizinische Karriere für die Politik einzutauschen?

Kiechle: Mein Mann hat treffend gesagt: "Das ist eine Chance, nochmal etwas anderes zu machen, und Real Madrid ruft nur einmal an." Ich habe jetzt ganz andere Möglichkeiten, Wissenschaft und Kunst in Bayern zu gestalten. Ich gehe die Aufgabe engagiert an, mein Lehrstuhl ruht. Als Hochschulprofessorin habe ich oft auf die Politik geschimpft. Jetzt habe ich die Möglichkeit, es selber besser zu machen.

Welche Vorteile bringen Sie als Quereinsteigerin mit?

Kiechle: Ich schaue ohne parteipolitische Vergangenheit manchmal mit ganz anderen Augen auf die Dinge. Ich glaube, ich bin sachorientiert. Am ersten Tag habe ich die Gesetzesinitiative für das Uniklinikum Augsburg ins Parlament eingebracht. Als der SPD-Frontmann dann etwas Tolles gesagt hat, habe ich geklatscht. Das wurde nicht nur mit Freude goutiert.

Sie werden weiterhin klatschen?

Kiechle: Ja, ich lasse mich da nicht ins Bockshorn jagen. CSU hin oder her, aber es geht uns allen doch um die Sache.

Und was sind die Nachteile als Polit-Neuling?

Kiechle: Ich brauche noch etwas Tanzunterricht auf dem politischen Parkett, aber ich denke, das lerne ich schnell.

Was qualifiziert Sie, ein Ministerium zu leiten?


Kiechle: Es gibt Schnittmengen. Mein jetziger Job ist eine Top-Management-Position, das ist der einer Klinikdirektorin aber auch. Inhaltlich geht es um etwas anderes, aber dass ein Laden funktioniert, dafür müssen Sie die Leute für Ihre Ideen begeistern können und hinter sich bringen. Damit habe ich Erfahrung.

Sie sind nun doch in die CSU eingetreten. Warum?

Kiechle: Jetzt habe ich ein Amt und ich will mich auch zur CSU bekennen. Sie ist mir von allen Parteien am nächsten. Jetzt kann ich es ja sagen: Ich habe schon immer die Union gewählt. In eine SPD-Regierung wäre ich wohl nicht eingetreten.

Wenn Sie nach der Landtagswahl im Oktober weiter Ministerin bleiben, welche Schwerpunkte möchten Sie setzen?

Kiechle: Wir sind Gott sei Dank ein Wissenschafts- und Kulturstandort mit Leuchtturmfunktion. Es gibt kaum ein Land, das auch in der Fläche so viele Hochschulen hat. Das gleiche gilt für den Kunstbereich. Diese Pole-Position gilt es zu halten und auszubauen.

Stichwort Bologna: Die Unis sind heute verschulter als früher. Wollen Sie daran etwas ändern?

Kiechle: Im Namen der Europäisierung und Globalisierung braucht es einen Gleichklang in den Universitäten und Hochschulen. Wir müssen vergleichen können, und die Studenten dürfen nicht in ihrer Freiheit eingeschränkt werden, auch mal die Hochschule zu wechseln. Ich empfinde das nicht als Gängelung, es braucht einen Grundstein an Lehrinhalten für ein Studium.

Wie bewerten Sie die finanzielle Ausstattung der Hochschulen?

Kiechle: Bayern steht hier im Ländervergleich durchaus gut da. Aber es gibt schon den einen oder anderen Kritikpunkt. Sagen wir's mal so: Die finanzielle Ausstattung darf in dem ein oder anderen Bereich dringend verbessert werden. Locker gesprochen: Ohne Moos nix los.

Zur Kulturpolitik: Das Georgische Kammerorchester hat spät staatliche Fördergelder erhalten. Wird der Klangkörper mal mehr Geld bekommen?

Kiechle: Ich kann keine Versprechungen machen, aber ich kann definitiv sagen: Weniger wird es auf gar keinen Fall. Vielleicht auch mehr.

Wir beobachten ein Gefälle zwischen Land und Stadt. Edmund Stoiber hat versucht, das mit dem Kulturfonds auszugleichen. Wird dieser Prozess intensiviert?

Kiechle: Die Förderung nach dem Bayerischen Kulturkonzept läuft. Das wird man sichernicht aufgeben. Es kann aber nicht in jedem kleinen Ort ein Staatstheater geben. Unsere kulturpolitische Aufgabe ist es, dass wir dafür sorgen, unsere Talente in der Fläche zu fördern. Deshalb bin ich dafür, unserer Idee treu zu bleiben und sie weiterzuentwickeln.