Alexander Oberreiter vor dem Photopalast
Stäbler
München
Acht Jahre lang hat es Alexander Oberreiter wieder und wieder versucht. Er hat Hochglanzbilder von seinem „Photopalast anno 1900“ geschossen, in einem Bewerbungsschreiben wortreich dargelegt, wieso ausgerechnet dieses Geschäft unbedingt aufs Oktoberfest gehöre, und beides zusammen mit einem vierseitigen Antragsformular an die Stadt München geschickt. Zweimal sei er sogar persönlich vorstellig geworden, erzählt der 33-Jährige, und doch war das Ergebnis stets das gleiche: Immer um Ostern herum lag eine Absage in seinem Briefkasten – bis zu diesem Jahr.

„Ich war selbst nicht daheim, als das Schreiben angekommen ist, weil ich mit unserem Imbiss bei einem Weinfest war“, erzählt Oberreiter, der nahe Koblenz lebt. Und so waren es seine Eltern, die den Umschlag aufrissen und ihm die freudige Nachricht am Telefon übermittelten: Erstmals ist der Photopalast heuer für die Wiesn zugelassen. „Ein wenig hatte ich ja schon damit gerechnet“, erzählt Oberreiter. Schließlich habe er gewusst, dass der einzig vergleichbare Schausteller, der „Königlich Bayerische Hofphotograph“, heuer nicht mehr aufs Oktoberfest kommen werde. „Trotzdem war die Freude natürlich riesig, als die Nachricht kam“, sagt Oberreiter. „Für mich geht ein Traum in Erfüllung, denn als Kind einer Schaustellerfamilie war ich schon als kleiner Bub immer auf der Wiesn.“

Der Photopalast, wo sich Besucher in historischen Kostümen ablichten lassen können, ist heuer eines von nur rund fünfzig neuen Geschäften und Buden auf der Festwiese. Die Fluktuation bei den zugelassenen Bewerbern liege stets um die zehn Prozent, teilt eine Sprecherin des städtischen Wirtschaftsreferats mit – weit niedriger als bei anderen Festen. Und das, obgleich ein Standplatz auf der Wiesn mit ihren jährlich rund sechs Millionen Besuchern natürlich extrem begehrt ist: Allein für dieses Jahr gingen fast 1200 Bewerbungen ein; 545 davon wurden zugelassen.

Egal ob Festhalle oder Zuckerwattestand, ob Fünfer-Looping oder Flohzirkus: Wer letztlich auf dem Oktoberfest steht, das entscheidet der Wirtschaftsausschuss im Münchner Stadtrat. Er orientiert sich an einem Bewertungskatalog, der 13 Kriterien umfasst. Unter anderem gibt es Punkte für die Anziehungskraft des Geschäfts, für dessen Ausstattung und technischen Standard, aber auch die Volksfesterfahrung des Bewerbers sowie seine Sachkenntnis fließen mit ein. Überdies werden – und das ist eine Eigenheit der Wiesn – Betreiber aus München bevorzugt, und auch „historische und erhaltenswerte“ Geschäfte, die „eng mit dem Oktoberfest verknüpft“ und dort seit Jahrzehnten sind, erhalten Traditions-Bonuspunkte.

Selbige sind dem Autoscooter Lindner heuer jedoch verwehrt geblieben – und das, obwohl die Betreiberfamilie seit mehr als einem Jahrhundert auf der Wiesn vertreten ist. Oder genauer gesagt: vertreten war. Denn diesmal sind die Lindners mit ihrer Bewerbung durchgefallen. Stattdessen finden sich auf dem Festgelände fünf andere Autoscooter, deren Betreiber ebenso wie Alexander Oberreiter erst mal einen Berg Papierkram bewältigen mussten. „Zusammen mit dem Mietvertrag kamen zwanzig weitere Briefe“, erzählt der 33-Jährige. „Da ging's um Versicherungen, um Strom, Wasser, Parkausweise und all diese Dinge.“ Inzwischen habe er einen eigenen Leitz-Ordner für die Wiesn angelegt, bis obenhin gefüllt mit Formularen, Verträgen und Dokumenten.

Unter anderem geht’s darin auch um die Standmiete, die je nach Größe und Art des Geschäfts sowie dessen Standort zwischen 250 Euro bei einer Brotfrau und rund 250.000 Euro bei einem Festzelt liege, sagt die Sprecherin des Wirtschaftsreferats. Im Fall des Photopalasts seien die Kosten vertretbar, findet Alexander Oberreiter. „Die Miete liegt beispielsweise unter der, die ich beim Schützenfest in Düsseldorf zahle – und das obwohl dort nur halb so viele Besucher pro Tag kommen“, sagt der Schausteller. „Das hat mich ehrlich gesagt schon ein wenig überrascht.“