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25.04.2010 22:01 Uhr | 804x gelesen
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Zwischen Traum und Albtraum


Bild: Zwischen Traum und Albtraum .  Regensburg (DK) Manche Menschen zerbrechen an so einem Leben, Irina André-Lang (49) nicht. Sie musste viele Schicksalsschläge verkraften. Sie habe das alles verarbeitet, sagt sie. \

Regensburg (DK) Manche Menschen zerbrechen an so einem Leben, Irina André-Lang (49) nicht. Sie musste viele Schicksalsschläge verkraften. Sie habe das alles verarbeitet, sagt sie. "Bis auf die vielen toten Kinder."



Die Kinderärztin aus Regensburg lebt und arbeitet in Südafrika. Es ist ihre Berufung, ihr Traum, der zeitweise zu einem Albtraum wird. Über sechs Jahre, von 1998 bis 2004, hat sie dort in verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet. "Es war der absolute Horror", sagt sie heute. Doch ihre Liebe zu den Kindern, ihre Fürsorge und ihr Mitgefühl hindern sie daran, rechtzeitig auszusteigen. "Im Krankenhaus während meiner Schicht habe ich funktioniert", sagt sie. Danach geht sie mit ihrem Hund am Strand spazieren und versucht, alles abzuschütteln, was sie erlebt hat. Das gelingt, so lange sie in Südafrika ist. "Bei meinen Besuchen zu Hause in Regensburg hat mich alles eingeholt, ich war ein Wrack." Albträume, Weinkrämpfe. Es wird immer schlimmer.

zur Diashow Kap meiner Hoffnung [Südafrika]

: Zwischen Traum und Albtraum
Ein außergewöhnliches Leben als Buch: Irina André-Langs "Kap meiner Hoffnung". - Foto: Hauser
Hilflos führt sie als Kinderärztin täglich einen aussichtslosen Kampf vor allem gegen Aids. Das Gefühl von Ohnmacht beschleicht sie, Wut kriecht in ihr hoch. Wut auf Politiker, weil sie nichts gegen diese Katastrophe unternehmen, weil sie die Krankheit verharmlosen. "Es ist wie an einer Straße zu stehen, die Ampel ist ausgefallen. Ein Kind nach dem anderen wird tot gefahren. Du stehst dabei, aber niemand erlaubt dir, die Ampel zu reparieren." Familie und Freunde sorgen sich um sie, raten ihr, aufzuhören, oder wenigstens eine Pause einzulegen. Sie kann es nicht. "Ich kann die hilflosen Kinder nicht im Stich lassen." Viele sterben in ihren Armen – aber nicht alle. Irina André-Lang rettet zahllose Buben und Mädchen. "Das war mein Trost in dieser Zeit." Aber Trost alleine reicht manchmal nicht.

Ihr Körper zieht schließlich die Notbremse. Radikal. Er zwingt sie, aufzuhören. Brustkrebs. Genau in diesem Moment, als das Schicksal ihr einen herben Schlag versetzt, gibt es einen Lichtblick. Er trägt das Pseudonym Kingfisher, das englische Wort für Eisvogel. Bei einem Dating Service im Internet hat die extrovertierte Frau ihr Profil eingestellt. Es schreiben einige, geantwortet hat sie nur Kingfisher. Dahinter verbirgt sich Peter Lang, ein international tätiger Geschäftsmann. Heute ist die 49-Jährige mit ihm verheiratet.

Peter Lang ist nicht ihr erster Mann. Bereits mit 28 Jahren wird die junge Ärztin Witwe. Die Liebe zu Wilhelm steht unter keinem guten Stern. Er ist 17 Jahre älter. Sie lernt ihn als Studentin bei einer Demonstration gegen die militärische Aufrüstung Anfang der 1980-er Jahre kennen und ist fasziniert. Drei Monate später verloben sie sich. Der Altersunterschied belastet, doch die selbstbewusste Irina kümmert das nicht, sie heiraten. Während die junge Frau für das Staatsexamen ihres Medizinstudiums lernt, verändert sich Wilhelm. Der "empfindsame und zärtliche Mann" wird rücksichtslos und unfreundlich. Er klagt über massive Kopfschmerzen und muss sich übergeben. Der Grund dafür ist ein Gehirntumor, die Ärzte geben Wilhelm noch drei Monate. An dem Tag, als das Paar die Diagnose bekommt, bricht für die Ärztin eine Welt zusammen. Hinzu kommt, dass sich Wilhelm seiner Ehefrau durch den Tumor immer mehr entfremdet. Sie erkennt ihn bald nicht wieder.

Nach seinem Tod sucht die damals 28-Jährige ihr Heil in der Flucht und landet in Südafrika. Sie ist dort angekommen, wo sie immer hin wollte. Das spürt sie. Die Frau verliebt sich in das gebeutelte Land, das von Apartheid und Aids zerrissen wird. Sie kehrt noch mehrmals nach Südafrika zurück, ehe sie 1998 endgültig übersiedelt und sich jahrelang engagiert.

Sie arbeitet bis zur Erschöpfung. Doch nach der Diagnose Brustkrebs benötigt sie selbst Hilfe und bekommt sie auch: Peter Lang alias Kingfisher gibt ihr Halt. "Ich habe Peter im richtigen Moment kennen gelernt. Ich weiß nicht, wie es sonst weiter gegangen wäre." Nach einer Chemotherapie und Bestrahlungen besiegt Irina André-Lang den Krebs.

Sie denkt sogar wieder daran, als Kinderärztin zu arbeiten. "Aber nicht mehr unter den Umständen von damals", schränkt sie ein. "Jeden Tag Kinder sterben zu sehen, war einfach zu viel".

Heute setzt sich Irina André-Lang für ein Kinderhilfsprojekt in Lesotho ein, sammelt Geld und Hilfsgüter. Durch Zufall lernt sie dabei Harald Rast, einen Redakteur des DONAUKURIER, kennen. Als er ihre Geschichte hört, entsteht die Idee, ein Buch herauszubringen. Mit "Kap meiner Hoffnung" will Irina André-Lang Frauen ermutigen, ihren "Traum zu verfolgen". Außerdem möchte sie ihr Wissen über Südafrika mit möglichst vielen Menschen teilen. Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft hofft sie auf großes Interesse. Die WM sei in Südafrika seit Monaten das einzige Thema, erzählt sie. "Das hat den Menschen dort einen unglaublichen Schub gegeben." Irina André-Lang wird sich kein Spiel vor Ort ansehen, sie tourt mit ihrem Buch auf Lesereise durch Deutschland. Aber durchaus mit einem weinenden Auge: "Ich verpasse die beste Party, die die Welt jemals gesehen hat."


Irina André-Lang kommt auch nach Ingolstadt. Am Mittwoch, 28. April, um 19.30 Uhr liest die Regensburger Kinderärztin in der Buchhandlung Ganghofer, Theresienstraße 4, aus ihrem Buch „Kap meiner Hoffnung“. Danach wird Irina André-Lang Fragen zur aktuellen Lage in Südafrika, dem Austragungsland der Fußball-WM, beantworten.

Das Buch „Kap meiner Hoffnung – Als Kinderärztin in Südafrika“ ist vor wenigen Tagen im A1 Verlag, München, erschienen. Es kostet 19,80 Euro.



 

Von Markus Meßner

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