Zwischen Taschendieben und Pornofilmern
München (DK) Taschendiebstähle, Maßkrug-Schlägereien und Bombendrohungen – während des Oktoberfests ist die Münchner Polizei im Dauerstress. Damit alle Einsätze koordiniert ablaufen, gibt es auf dem Festgelände die so genannte Wiesnwache.
"Der Alkohol ist das große Problem, weil er oft auch aus den friedlichsten Leuten aggressive macht", sagt Peter Reichl, Pressesprecher der Münchner Polizei. Schnell kommt es im Rausch zu Schlägereien und dann heißt es für die Beamten: Ausrücken! Allerdings immer in mindestens sechs Mann starken Gruppen. "Aus Gründen der Eigensicherung."
Gerade beim Umgang mit dem "schwierigen Publikum", wie Reichl die oft völlig Betrunkenen bezeichnet, sei Fingerspitzengefühl von den Beamten gefordert. Nachdem es im Jahr 1999 zu einigen Körperverletzungsdelikten seitens der Polizei kam, wurde das Wiesn-Konzept völlig reformiert. Die betroffenen Polizisten wurden entlassen. Seitdem melden sich die Beamten freiwillig für den Wiesn-Einsatz und müssen zudem ein spezielles Oktoberfest-Training absolvieren.
"Wir können da keine Heißsporne rausschicken, die gleich aus der Haut fahren", sagt Reichl. "Wenn man beim Gang durch ein Zelt ,Scheiß Bulle’ hört, schaltet man schon mal auf Durchzug." Sonst werde man ja nicht mehr fertig. Die meisten Kollegen hätten inzwischen ein dickes Fell.
Die Internationalisierung der Wiesn macht übrigens auch vor der Polizei nicht Halt. Mittlerweile unterstützen ausländische Beamte die Münchner. Beispielsweise seien im Bereich Taschendiebstahl Kollegen aus England sowie der Schweiz und Rumänien vor Ort. Und in ihrer Arbeit äußerst erfolgreich, wie Reichl betont. Am zweiten Wiesn-Wochenende, an dem das Oktoberfest traditionell von den Italienern in Beschlag genommen wird, kommt Unterstützung aus Bozen. Die "Austauschbeamten" helfen nicht nur bei Sprachproblemen, sondern haben auch dadurch, dass sie in ihrer italienischen Uniform auftreten, eine abschreckende Wirkung, erklärt Reichl. "Manche merken dann, dass sie sich doch nicht so daneben benehmen können. Wer weiß, wer das daheim erfährt"
Immer wieder werden Beamte im Einsatz auch verletzt. Vor zwei Jahren habe ein total betrunkener Engländer mit bloßen Händen seine Zelle komplett zerlegt. "Da war von der Holzbank nichts mehr übrig", erinnert sich Reichl. Wenn man so einen festnehmen müsse – auch zu sechst – dann gehe das nicht ohne Blessuren ab. Allerdings sei es meist nichts Schlimmes.
Neben dem Alkohol können vor allem die enormen Menschenmassen schnell zum Problem werden. Vor ein paar Jahren gab es den Fall, dass nach dem Wiesn-Anstich gegen 14 Uhr fast ein ganzes Zelt gleichzeitig auf die Toilette musste. "Eine brenzlige Situation", erinnert sich Reichl. "Es gab kein Vor und kein Zurück mehr." 100 Leute seien im Einsatz gewesen um die Paniksituation zu entschärfen. Schnell wurden alle Türen geöffnet, um Verletzungen zu verhindern.
In den vergangenen Jahren seien die Einsatzzahlen gestiegen und die Belastungen größer geworden. "Gerade an den Wochenenden geht es bei den Beamten bis an die Schmerzgrenze", sagt Reichl. Allerdings seien auch die Erfolge gestiegen. Vor allem durch die Videoüberwachung erwische man mehr Rauschgiftdealer und Taschendiebe.
Unterstützung bekommen die Beamten übrigens auch von tierischen Kollegen. Jeden Tag werden vor dem Einlass alle Zelte mit Spürhunden nach Sprengstoff abgesucht. Aber auch Pferde sind im Einsatz, vor allem im Umfeld der Wiesn – zum Beispiel auf den Parkplätzen. Von der erhöhten Position habe man einen guten Überblick, außerdem schrecke man so Langfinger ab, erklärt Reichl.
Aber natürlich sei auch auf der Wiesn nicht immer nur alles negativ. Gelegentlich rücken die Beamten auch zu etwas skurrilen Einsätzen aus. So war einmal ein Mann mit einer großen Würgeschlange auf dem Festgelände unterwegs, die er Besuchern für Geld um den Hals hängte. Weil der Mann keine Genehmigung besaß, wurde er angezeigt und die Schlange dem Tierheim übergeben. Und erst drei Jahre sei es her, dass eine kleine Produktionsfirma im Riesenrad einen Pornofilm drehte. Auch normale Besucher seien mit in der Kabine gewesen. "Das gab natürlich ein entsprechendes Hallo", erinnert sich Reichl. "Unten haben wir die dann aber entsprechend in Empfang genommen."
Von Sebastian Peterhans

