Würzburg: Doktortitel trotz Handicap
Das Arbeiten am Computer fällt Bernhard Schneider nicht unbedingt leicht: Der Wirtschaftsinformatiker leidet an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Dank eines bundesweiten Projekts bekommt er bei seiner Promotion gezielt Hilfe - Foto: Lodermeyer
Würzburg

Würzburg (DK) Seit September arbeitet Bernhard Schneider an seiner Doktorarbeit: Wie gestaltet man eine e-Learning-Plattform am besten, damit die Nutzer auch dabei bleiben und nicht mitten drin die Lust verlieren? Momentan wälzt der 32-Jährige noch die Bücher, informiert sich und liest sich in den aktuellen Stand der Forschung ein – für ihn keine einfache Aufgabe: Schneider ist Legastheniker, er leidet an einer Lese-Rechtschreib-Störung. „Bei mir ist besonders die Schreibschwäche ausgeprägt“, sagt der Wirtschaftsinformatiker. „Ich schaffe es, ,Donaudampfschifffahrtskapitänmützenversicherung’ in sechs Zeichen zu schreiben.“ Auch Zahlendreher kommen immer wieder vor – bei einer Doktorarbeit mit statistischen Ergebnissen kann das fatal sein.

Eigentlich ist ein Doktortitel mit einer solchen Behinderung unmöglich. Doch seit Herbst 2013 gibt es ein bundesweites Programm, das Promotionskandidaten mit Handicap unterstützt (siehe Kasten). Schneider ist der Erste, der an der Universität Würzburg mithilfe dieses Projektes promovieren will. Er bekommt sogenannte Assistenzleistungen, die teils vom Staat, teils von der Hochschule finanziert werden: Ein Germanist wird sich die fertige Arbeit – etwa 400 Seiten sollen es werden – vornehmen und versuchen, Schneiders Fantasieworte ins Deutsche zu übersetzen.

Drei Jahre hat der Wirtschaftsinformatiker insgesamt Zeit, wie jeder Doktorand. Er will seine Arbeit allerdings schon in etwa zweieinhalb Jahren fertig haben – wegen dieser Korrekturzeit. Und weil sein Doktorvater Axel Winkelmann sowie dessen Kooperationspartner Jürgen Tautz ebenso mehr Zeit benötigen: Die beiden Professoren überprüfen die Arbeit immer wieder auf Zahlendreher, die kann der Germanist schließlich nicht erkennen.

Solche Unterstützung kennt Schneider bisher kaum. Erst an der Universität Würzburg bekam er gezielt Hilfe, dort gibt es eine eigene Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) unter der Leitung von Sandra Ohlenforst. „Sie ist einigen Professoren gehörig auf das Dach gestiegen“, erinnert sich Schneider, der auch sein Master-Studium in Würzburg absolviert hatte.

Davor allerdings verbaute ihm die Legasthenie beinahe die akademische Laufbahn. „Als ich in die achte Klasse kam, sagte ein Ministerialbeauftragter, es gibt keinen Legasthenie-Bonus mehr“, erklärt Schneider. Plötzlich zählten seine Leistungen in Deutsch, Englisch und anderen Fächern genauso, wie er sie zu Papier brachte. Sein Abitur schaffte er mit 3,0. „Ich habe immer versucht, die Fünf in Deutsch zu halten und die Vier in Englisch. Und den Gesamtschnitt habe ich durch Wahlpflichtfächer gehalten.“

Natürlich gab es immer wieder Lehrer und Professoren, die sich Zeit für den 32-Jährigen genommen haben. An der Technischen Hochschule Nürnberg absolvierte Schneider seinen Bachelor. „Ein Prof hat sich mit mir hingesetzt und ist meine Arbeit mit mir durchgegangen. Er wollte von mir hören, was ich eigentlich schreiben wollte“, berichtet Schneider. Doch wieder andere griffen zum Rotstift und bewerteten das, was der Legastheniker aufgeschrieben hatte. „Ich bin manchmal in Klausuren gesessen und habe mir gedacht: ,Eigentlich könntest du aus dem Papier jetzt auch einen Flieger basteln, das Ergebnis ist das gleiche.’“

Letztlich sind es aber genau diese Lehrer und Dozenten gewesen, die Schneider einen Grund zum Durchhalten gegeben haben. „Eigentlich war es Hass“, erklärt der Doktorand seine Motivation. „Ich hatte einmal einen Lehrer, der sagte, ich soll in die öffentliche Verwaltung gehen – die müssen mich ja nehmen. Aber ich will solchen Leuten einfach zeigen: Ihr habt nicht Recht.“

Dennoch ist sich Schneider bewusst: In der freien Wirtschaft sind seine Chancen eher gering. „Für Unternehmen bedeute ich immer einen Mehraufwand“, sagt der 32-Jährige. „Es bewerben sich auf eine Stelle 30 Leute. Warum sollten sie ausgerechnet den nehmen, der die meisten Probleme macht“