Wer: "Die Affäre Strepp ist nur die Spitze des Eisbergs"
Der Eichstätter Journalistik-Professor Klaus Meier. - Foto:
Wer
Der CSU-Pressesprecher schickt am Sonntag um 9.41 Uhr eine SMS an einen BR-Korrespondenten, der für das Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin sitzt: „Wissen Sie eigentlich, ob ARD heute was macht zu Ude in Nürnberg? Danke für Info”. Daraufhin bekommt er als Antwort: Die ARD mache nichts, vielleicht mache der BR was. Der Journalist plaudert über Redaktionsinterna. Und weil das so gut funktioniert hat, ruft Strepp beim ZDF an – im Großraumbüro der „heute“-Sendung – und will erreichen, dass das ZDF nicht über den SPD-Parteitag berichtet. Beim ZDF wundert man sich, aber veröffentlicht den Eingriffsversuch nicht von sich aus. Die Sache wird über die Süddeutsche Zeitung publik.

Die Aktionen von Strepp erinnern an alte Zeiten: Im System Strauß war es üblich, dass Journalisten von der Partei unter Druck gesetzt, missliebige Journalisten aus dem BR entfernt oder zumindest durch Versetzung unschädlich gemacht wurden.

So einfach geht das heute nicht mehr. Doch ist damit alles in Ordnung? Weil die Drohanrufe eines Bundespräsidenten beim „Bild“-Chefredakteur oder eines Parteipressesprechers beim ZDF zum Rücktritt führen?

Das plumpe Vorgehen Einzelner ist nur die Spitze des Eisbergs. Es ist aber leicht skandalisierbar und kann in den Medien schnell und spannend erzählt werden. Das darunter liegende System nicht. Die gängige Beziehungspflege zwischen Politik und Journalismus ist heute viel subtiler und wird normalerweise in der Berichterstattung verschwiegen; sie taugt nicht zum Rücktritt oder Skandal.

Journalisten und Pressesprecher hängen voneinander ab: Die einen brauchen Informationen, möglichst exklusive Statements und Hintergründe, um im Rennen um Einschaltquote und Auflage vorne dabei zu sein. Die anderen stehen unter Druck: Die Politiker erwarten von den Pressesprechern, dass sie die Fäden ziehen und das Image polieren. Wenn dabei die Distanz verloren geht, kommt es zu Geschäft und Gegengeschäft. Man kennt sich und hilft sich gegenseitig.

Die „Spin Doctors“ in den Parteizentralen geben Ereignissen den „richtigen Dreh“. Parteitage werden inszeniert wie Fernsehshows. Vor allem im Fernsehen geht es weniger um politische Argumente und Programme sondern mehr um Personen, Prominenz, Beliebtheit. Gerade Horst Seehofer geriert sich immer mehr als Meister der Inszenierung; die SPD will mit der Ude-Show nachziehen.

Andererseits kommt heute mehr ans Tageslicht als früher. Journalismus nimmt die Aufgabe ernster, Öffentlichkeit herzustellen und über Themen zu berichten, die sonst nicht öffentlich wären. Über das zu berichten, was Politik und Wirtschaft gerne verschweigen würden.

Journalisten sollen Transparenz in der Gesellschaft herstellen, sollen den Bürgern den Blick hinter die Kulissen der Macht ermöglichen. Dazu gehört auch, den Schleier der Inszenierung zu lichten.

Mehr Transparenz wünschen wir also auch über die Arbeitsweise der Journalisten und über den Umgang der Parteizentralen mit den Medien. Journalisten sollten offenlegen und darüber berichten, wenn sie instrumentalisiert werden, wenn es Versuche gibt, ihre Berichte zu beeinflussen. Egal ob von der großen Politik, von Unternehmen, die mit Anzeigenboykott drohen, oder im Lokaljournalismus, wo jeder jeden kennt.

Klar: Journalisten laufen erst einmal Gefahr, damit ihre exklusiven Zugänge zur Politik zu verlieren. Aber auf längere Sicht können sie sich Respekt erarbeiten. Bei der Politik – und erst recht beim Publikum. „Sunlight is the best disinfectant“, sagt ein amerikanisches Sprichwort: Das Tageslicht trocknet den Sumpf, die Kungelei, die versuchte Einflussnahme aus.

Die Unabhängigkeit des Journalismus, die Presse- und Rundfunkfreiheit sind Stützpfeiler der Demokratie. Und Journalismus und Politik sind Vertrauensgüter. Mit einer sinkenden Glaubwürdigkeit des Journalismus nimmt auch die Glaubwürdigkeit der Politik ab. Hier – und nur hier – sitzen beide Seiten in einem Boot.

 

Klaus Meier ist seit 2011 Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Weitere wissenschaftliche Stationen des gelernten Zeitungsredakteurs waren die Hochschulen in Darmstadt und Dortmund.