Wildschweine
Belzer
Pfaffenhofen

Sie dampfen noch. Dabei sind sie schon eine ganze Weile tot. Erschossen. Es ist kurz vor Mitternacht. Vollmond. Sebastian Ettenhuber, 25 Jahre alt, Nachwuchs-Jäger aus Geisenfeld, hat geschafft, was nur wenigen Waidmännern gelingt: Er hat zwei Wildschweine mit einem Schuss erlegt. Ob deren Fleisch verzehrt werden kann oder ob es radioaktiv verseucht ist, wird zumindest an diesem Abend noch nicht geklärt werden.

Martin Braun ist Vorsitzender der Jägervereinigung Pfaffenhofen, in seinem Revier zwischen Manching und Geisenfeld hat Ettenhuber gemeinsam mit Markus Echter auf der Lauer gelegen. Der 31-jährige Echter ist noch in der Ausbildung - aber ohne ihn wäre es in dieser Nacht deutlich schwieriger geworden, die beiden Wildschweine zu schießen.

Ein paar Stunden zuvor sind die zwei jungen Männer bei Regen und Wind zu ihrem Hochsitz aufgebrochen. Das Gleiche hat auch Revierpächter Martin Braun getan. Mit dem Gewehr über der Schulter ist er losmarschiert. Der Hochsitz liegt am Rande einer Wiese, der Waldrand ist in Sichtweite. Im fahlen Mondschein erkennt man grobe Schemen. Mit dem Fernglas hält Braun Ausschau. "Die kommen nachts gerne hier raus aufs Feld und brechen den Boden auf. Sie wühlen nach Würmern."

Wildschweine
Belzer
Pfaffenhofen

Was die Tiere auch sehr gerne fressen, sind Pilze - und die sind teilweise stark belastet. Der 1986 auf Teile Süddeutschlands niedergegangene radioaktive Regen sickerte in tiefere Bodenschichten und wurde so von den Pflanzen aufgenommen. "In diesem Jahr haben bisher 60 von 500 Wildschweinen der gesamten Jägervereinigung Pfaffenhofen den Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilo überschritten, der höchste Wert war einmalig 3500", erklärt Martin Braun. Becquerel ist die Maßeinheit für radioaktive Belastung. "Sie werden in der Tiervernichtung entsorgt." Für jede Sau, die dort landet, erhalten die Jäger eine Entschädigung. "Bei Überläufern sind das 214 Euro. Der Verkaufswert des Fleisches läge maximal bei 100 Euro."

Wider Erwarten ist der Hochsitz relativ gut geschützt. Durch eine schmale Luke pfeift der Wind ins Gesicht - alle anderen Seiten sind mit Holzbrettern verschlossen. Es ist sehr still hier draußen. Nur selten hört man ein Auto vorbeirauschen. Dass der Wind von vorne bläst, ist an diesem Tag gut für die Jagd. "Die Wildschweine riechen uns so nicht", erklärt Braun und schaut geradeaus - so, als ob er eine Sau entdeckt hätte. Aber da ist nichts. Nur einen Hasen und einen Fuchs sieht der Jäger in dieser Nacht. Die Zeit vergeht, die Gedanken kreisen. Was ist es, das ihn an der Jagd fasziniert? "Die Ruhe hier draußen. Da kommt man nach einem stressigen Tag perfekt runter." Das Schießen gehört auch dazu. Ein Jäger ist nicht ausschließlich ein Tierbeobachter. "Wenn man aber sieht, wie eine Rehmutter mit ihren Kitzen durch den Wald läuft, das ist schon etwas Tolles. Die Kleinen springen dann ganz verspielt umher, wie Menschenkinder."

Martin Braun sucht den Waldrand immer wieder nach Schwarzwild ab. "Man sagt, dass man ungefähr zehnmal auf die Jagd gehen muss, um einmal eine Sau zu erlegen." Nach knapp drei Stunden packt er seine Sachen - heute also ein Schuss in den Ofen? Da knallt es plötzlich. "Das ist weiter weg", sagt Braun. Doch dann klingelt das Handy. Am anderen Ende der Leitung berichten Sebastian Ettenhuber und Markus Echter von ihrem Treffer. Es war der Wind, der den Ton des Schusses weggetragen hat. In Wirklichkeit waren die beiden jungen Männer ganz in der Nähe.

"Wir sind gerade vom Hochsitz runter geklettert und wollten nach Hause", erzählt Ettenhuber. "Da seh' ich in der Ferne drei schwarze Batzen." Die "schwarzen Batzen", das waren drei junge Wildschweine, Überläufer genannt. Das Gewehr ist zu schwer, um damit im Stehen zu zielen. Also beugt sich Echter vornüber, Ettenhuber legt die Waffe auf seinem Rücken ab - und schießt. Die Kugel durchschlägt zwei Wildschweine, die direkt hintereinander standen. Beide sind sofort tot. Das andere entkommt im Dunkel der Nacht. Was folgt, ist nichts für empfindliche Gemüter. Die toten Tiere werden an den Beinen gepackt und aufs Auto gewuchtet. Auf dem elterlichen Hof von Sebastian Ettenhuber dient eine Traktorgabel dazu, die Überläufer an den Sehnen aufzuhängen und - wie es in Jäger-Latein heißt - "aufzubrechen". Sauber schneidet der Schütze den Bauch des Tieres auf und holt die Innereien heraus. Das Blut tropft auf den Boden, mit einem Wasserschlauch spritzen die Jäger die Sau permanent ab - aus Hygienegründen. Dann wird das Tier ins Kühlhaus verfrachtet.

Am nächsten Tag bringt Sebastian Ettenhuber jeweils 300 Gramm schwere Fleischproben zur amtlich anerkannten Wildbretmessstelle nach Geisenfeld. Der 40 Kilogramm-Überläufer hat einen Becquerel-Wert von 33, der 60 Kilo schwere misst 37. Alles im grünen Bereich. Das Fleisch kann verkauft oder von Martin Braun als Jagdpächter verarbeitet und verzehrt werden. "Ich kenne keinen Jäger, der den Test nicht machen lässt", erklärt der Vorsitzende der Pfaffenhofener Jägervereinigung. "Das kostet ja nur zwei Euro für Mitglieder." Völlig ausschließen kann man ein Szenario freilich nicht: Ein Jäger schießt ein Wildschwein, verzichtet auf die Messung und isst das radioaktiv belastete Wildbret selbst. Wie halten es die Nachwuchsjäger? "Das Risiko ist es definitiv nicht wert", findet Markus Echter. ‹ŒDK

Kein Jäger möchte sich selbst einer Gefahr aussetzen

Herr Vocke, Wildschweinfleisch ist teilweise radioaktiv belastet. Vor allem die Jäger hadern immer wieder damit, wenn der Sachverhalt geschildert wird. Warum?

Jürgen Vocke: Anders als andere Wildarten sucht das Wildschwein seine Nahrung auch unter der Oberfläche und frisst sehr gerne bestimmte Pilze, in denen sich radioaktive Strahlung stark anreichert. Das gilt aber keinesfalls für ganz Bayern und auch nicht für alle Wildschweine. Weite Teile Bayerns zeigen keine auffälligen Belastungen. Trotzdem wird auch hier stichprobenartig von der Jägerschaft die Belastung gemessen. Auch in den südbayerischen Bereichen ist nur ein Teil der Wildschweine radioaktiv belastet. Je nach Jahreszeit und Art der Nahrungsaufnahme schwankt das ganz enorm. Insgesamt konnte der Bayerische Jagdverband rund 130 Messstationen etablieren, um ein flächendeckendes Messnetz aufzubauen. Für den Verbraucher ist dadurch gesichert, dass jedes Stück Schwarzwild, das in den Metzgereien oder Gastwirtschaften angeboten wird, einer Messung unterzogen werden kann. Leider wird mit dem Thema Lebensmittelsicherheit und der radioaktiven Belastung durch Teilinformationen immer wieder eine Unsicherheit beim Verbraucher geschürt, was für die Vermarktung von heimischem Wildbret insgesamt nicht gut ist.


Von rund 25.000 im Jahr 2015 in Südbayern erlegten Wildschweinen wurden 11.000 nicht gemessen. Wie erklären Sie sich diese hohe Zahl?

Vocke: Die Zahl der nicht gemessenen Wildschweine einzuordnen und Gründe dafür zu finden, warum nur ein Teil gemessen wird, ist nicht ganz einfach und sicher vielschichtig. Fakt ist, dass sicher nicht jedes Stück Schwarzwild, das auf der Streckenliste aufgeführt ist, zum Verzehr geeignet ist, oder in den Verkehr gebracht werden darf, unabhängig davon, ob es radioaktiv belastet ist, oder nicht. Bei aktuell insgesamt rund 70.000 Wildunfällen pro Jahr sind durchschnittlich 3000 bis 4000 Stück Schwarzwild beteiligt. Und das sind nur die gemeldeten Unfallzahlen. Diese Stücke sind kategorisch von der Vermarktung ausgeschlossen und werden natürlich auch nicht auf ihre radioaktive Belastung hin untersucht. Dazu gibt es auch Stücke, die auf Grund der Treffpunktlage nicht verwertet werden dürfen oder aufgrund der hohen Stressbelastung bei falsch durchgeführten Drückjagden nicht vermarktet werden können. Diese Stücke sind ebenfalls auf der Streckenliste geführt, werden aber nicht verwertet. Dazu kommen Totfunde, die auch nicht verwertet werden dürfen, aber auf der Streckenliste aufgeführt werden. Neben diesen Fällen gibt es sicher auch Jäger, die für den eigenen Verzehr aufgrund der langjährigen Erfahrungen in ihrem Revier auf die Messung verzichten. Wie hoch dieser Anteil ist, kann ich allerdings nicht abschätzen, ich halte ihn für gering, da sich kein Jäger selbst einer Gefahr aussetzen möchte.


Wäre es nicht sinnvoll, eine Messung aller Wildschweine vorzuschreiben – und die Ergebnisse zentral zu sammeln und dann auch öffentlich verfügbar zu machen?

Vocke: Natürlich kann man sich Gedanken darüber machen, die Messergebnisse weiter auszubauen und darauf zu drängen, jedes Stück, das auf der Streckenliste steht, zu bemessen. Einen Mehrwert für den Verbraucher kann ich dabei aber nicht erkennen, denn die vermarkteten Stücke werden ja bereits getestet. Um die Transparenz zu verbessern, wäre vielleicht ein wichtiger Schritt, bayernweit bei der Streckenangabe die Zahl der für den Verzehr geeigneten und die Fallwildzahlen insbesondere beim Schwarzwild besser abzugrenzen. Das Interview führte Alexander Kain.