Herr Hock, sind Sie der "Abendzeitung" nachträglich immer noch dankbar? Oder hätten Sie den Weg in die Schriftstellerei auch ohne deren Pleite unternommen?

Andreas Hock: Ich denke mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. Der Job hat mir sehr viel Spaß gemacht bei der Zeitung. Allerdings hätte ich als Redaktionsleiter nicht die Zeit gehabt, ein Buch zu schreiben. Nach zwölf Stunden im Büro hätte ich einfach keine Lust mehr. Ohne das Ende der Zeitung hätte ich diesen Sprung ins kalte Wasser nicht gewagt. Obwohl ich sagen muss, mir fehlt die Abendzeitung nach wie vor. Eine lokale Boulevardzeitung hätte in Franken meiner Meinung nach noch immer eine Existenzberechtigung.

 

Sie waren einer der jüngsten Chefredakteure in ganz Deutschland. Warum hat es am Ende nicht gereicht für die Boulevardzeitung in Nürnberg?

Hock: Ganz einfache Antwort: Die Zeitung wurde von zu wenigen Leuten gekauft. Uns ist es nicht gelungen, die Leserschichten zu erweitern. Unsere Stammleser sind uns treu geblieben. Aber neue Leser sind zu wenig dazu gekommen.

 

Ihre Karriere als Autor hat mit einer Biografie über die Geissens begonnen. Haben Sie sich davon schon restlos wieder erholt? Sprachlich und inhaltlich?

Hock: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich die Geissens positiv überrascht haben damals. Ich kannte die auch nur aus dem Fernsehen. Das sind Menschen, die sehr viel zu erzählen haben. Das ist für einen Autor ein Geschenk. Bei allen Kritikpunkten habe ich die Geissens als sehr nette und aufgeschlossene Menschen kennengelernt.

 

Sprachlich holpert es aber schon manchmal. Herr Geiss sagt zum Beispiel Sätze, wie "Wenn du kein Luxus brauchst, kannste dich in den Wald setzen und Kokosnüsse essen". Sind Ihnen Geiss-Sätze begegnet, die einen Sinn ergeben?

Hock: In seiner Welt ergibt alles Sinn. Man muss nicht immer kompliziert formulieren, damit die Menschen einen verstehen. Wenn in der Politik mehr Leute so reden würden wie Robert Geiss, dann gäbe es mit Sicherheit weniger Politikverdrossenheit. Mir sind Menschen lieber, die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Auch wenn es nicht immer grammatikalisch einwandfrei ist, was Robert Geiss von sich gibt. Er trägt sein Herz auf der Zunge. Damit kann ich sehr gut leben.

 

In Ihrem neuen Buch "Wenn du mich frägst, macht das in keinster Weise Sinn!" ärgern Sie sich nicht nur über die gedankenlose Verwendung von Anglizismen. Sie erinnern auch an die Spätfolgen von Sprachrevoluzzern wie Carl Gustav Adolf Nagel. Warum?

Hock: Nagel wollte alles klein schreiben. Er wollte eigentlich alle Regeln abschaffen. Ich bin dagegen der Überzeugung, dass Sprache gewisse Regeln benötigt.

 

Die Auswirkungen der Ideen des Schweizer Lehrers Jürgen Reichen in den 1970er-Jahren, zwei Jahrzehnte nach dem Tod Nagels, waren Ihrer Meinung noch schlimmer. Insbesondere für die grassierende Rechtschreibschwäche bei deutschen Grundschülern. Haben Sie etwas gegen Hippies an der Tafel?

Hock: Ich weiß nicht, ob Reichen ein Hippie war. Ich weiß aber, dass ich seine Methode schlecht finde. Er hat sich dafür eingesetzt, dass Schulkinder nach Gehör das Schreiben lernen. Obwohl nicht eine einzige Studie den Erfolg dieser Methode bestätigt hat. Dummerweise wurde nach der Reichen-Methode aber überall in Deutschland ab den 90er Jahren unterrichtet. Mit fatalen Folgen. Denn wenn die Kinder erst falsch schreiben lernen, um es später noch einmal richtig lernen zu müssen, dann überfordert das viele Kinder. Diese seltsame Methode wird zum Glück demnächst zumindest in Bayern wieder abgeschafft.
 

In Ihrem Buch lästern Sie auch über die Unart von schwedischen Möbelketten und amerikanischen Kaffeehäusern, ihre erwachsene Kundschaft sprachlich wie einen alten Freund zu behandeln. Müssen gute Beobachter angesichts der beklemmenden Gegenwart konservativ oder gar reaktionär denken?

Hock: Ich weiß nicht, ob die Verwendung vollständiger Satzformen und gewisser Anstands- und Höflichkeitsregeln wie das Siezen von fremden Erwachsenen reaktionär ist. Es gehört einfach für mich dazu, dass man einen respektvollen Umgang miteinander pflegt. Der fängt bei der Sprache an.

 

Ist der wortgewordene Stumpfsinn unserer Gegenwart ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich die Gesellschaft sicher auf die Katastrophe zubewegt?

Hock: Zumindest sprachlich haben Sie recht. Wenn man sich umhört, kann einem schon angst und bange werden. Der Verlust an Kommunikation ist beängstigend. Die grammatikalischen Grundregeln werden in Kurznachrichten und E-Mails außer Acht gelassen. Wir messen Sprache keinerlei Bedeutung mehr bei. Das finde ich sehr schade.

 

Das Gespräch führte Nikolas Pelke.