Die Tage beginnen mit dem Kampf ums Bad, an den Abenden braucht es etwas Glück, um eine freie Herdplatte zu ergattern, und des nächtens reißt einen bisweilen ein rumpelnder Mitbewohner aus dem Schlaf: Wenn Ali Kareem Raja aus seinem Alltag erzählt, klingt das nach den üblichen Ärgernissen in einer gewöhnlichen Studenten-WG.

Doch der 23-Jährige aus Pakistan, der seit dem Wintersemester an der Technischen Universität München studiert, lebt in einer ganz und gar ungewöhnlichen WG. Denn seine Wohnung, wenn man es so nennen mag, teilt er sich mit bis zu 33 anderen Studenten. Und in seinem Zimmer wiederum schlafen des Nachts nicht weniger als zwölf junge Männer Seite an Seite auf Matratzen. Jeder von ihnen hat hier zwei mal zwei Meter Privatsphäre, abgetrennt mit schwarzen Stoffwänden. "Sieht aus wie im Flüchtlingsheim", sagt Ali Kareem Raja und grinst schief.

Tatsächlich handelt es sich auch um eine Notunterkunft - aber für Studenten. In einem alten Kasernengebäude hat das Studentenwerk ein Provisorium für all jene eingerichtet, die zwar einen Studienplatz in München ergattert haben, aber keine Bleibe. 34 Betten respektive Matratzen stehen hier bereit; neben dem Zwölfer-Zimmer in der Mitte des betongrauen Flachbaus gibt es sieben Doppel- sowie je ein Dreier- und Fünfer-Zimmer. Dazu kommen eine Gemeinschaftsküche, die mit dem Wort "simpel" noch freundlich umschrieben ist, sowie zwei Duschen und drei Toiletten. Fünf Euro pro Nacht zahlen die Studenten - für vier Quadratmeter.

Er habe kurzfristig erfahren, dass er in München studieren könne, erzählt Ali Kareem Raja, der in Islamabad lebt - im geräumigen Haus seiner Eltern. Die Wochen vor dem Abflug sei er stundenlang am Computer gesessen und habe sich durch Wohnungsbörsen geklickt. Ohne Erfolg. Denn von den wenigen Angeboten, die es in München überhaupt gab, überstiegen fast alle sein Budget. Und wenn er sich doch mal auf ein WG-Zimmer bewarb, erhielt er stets Absagen - wenn überhaupt. Und so stand Ali Kareem Raja nicht nur im Wortsinn auf der Straße, als er Anfang Oktober in München ankam. Seine letzte Hoffnung war die Notunterkunft, weshalb er sich am Tag der Anmeldung schon um vier Uhr früh vor dem Büro des Studentenwerks einfand und letztlich einen der 34 Plätze erhielt.

Vor allem Studenten aus dem Ausland seien auf das Angebot angewiesen, sagt Ingo Wachendorfer vom Studentenwerk. "Sie erfahren oft erst kurzfristig, dass sie nach München kommen dürfen." Und aus der Ferne sowie mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen gestalte sich die Wohnungssuche in München schwierig. Oder genauer gesagt: noch schwieriger. Denn es sind ja nicht nur die internationalen Studenten, auf die noch vor der ersten Vorlesung die härteste Prüfung ihres Uni-Lebens wartet - nämlich die Suche nach einer bezahlbaren Bleibe.

Dabei bietet allein das Studentenwerk München rund 10 500 Wohnplätze an; das ist deutschlandweit Rekord. Und doch reicht das bei Weitem nicht aus angesichts von gut 127 000 Studenten in der Landeshauptstadt - Tendenz seit Jahren steigend. So stehen fast 10 000 Namen auf den Wartelisten für die durchschnittlich 300 Euro teuren Zimmer des Studentenwerks. Wer nicht zum Zug kommt, der muss auf dem freien Markt suchen, was in München bekanntlich viel Zeit oder viel Geld bedarf - meist beides. Einer Studie zufolge müssen Studenten für ein WG-Zimmer in München durchschnittlich 570 Euro pro Monat zahlen, so viel wie nirgendwo sonst in Deutschland ( siehe Kasten ). Und gar von 665 Euro Warmmiete für eine "typische Studentenwohnung" spricht ein Gutachten des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Derlei Preise sind für Studenten wie Ali Kareem Raja utopisch - schließlich müsse er von 720 Euro im Moment leben, sagt er. Entsprechend fällt sein Urteil über die Notunterkunft auch nicht so schlecht aus, wie man es nach einem Rundgang durchs Haus erwarten würde. Klar lasse die Hygiene in der Küche zu wünschen übrig, und natürlich hätte er gerne mehr Platz, sagt der 23-Jährige.

Aber er sagt auch: "Besser hier als am Hauptbahnhof." Wobei der Pakistaner nur noch wenige Tage in der Unterkunft bleiben wird: Nach fast sechs Wochen im Zwölfer-Zimmer hat er mittlerweile einen Platz in einer Dreier-WG gefunden - für monatlich 380 Euro.

WOHNUNGSNOT VON STUDENTEN NIMMT IN GANZ BAYERN ZU

Wenn es um studentische Wohnungsnot geht, dann dient München stets als Paradeexempel. Schließlich treffen hier rund 127 000 Studenten auf einen Immobilienmarkt, der seit Jahren in allen Miet-Rankings an der Spitze liegt. Und doch verdeckt der Brennpunkt München ein wenig, dass die Wohnungssuche für Studenten auch in anderen bayerischen Städten oft langwierig ist - und teuer. Das zeigt eine aktuelle Studie des Moses-Mendelssohn-Instituts in Kooperation mit dem Immobilienportal WG-Gesucht.de, die alle 93 deutschen Hochschulstädte mit mehr als 5000 Studierenden untersucht hat.

Demnach hat sich die Situation in Nürnberg zuletzt deutlich verschlechtert; der von den Forschern errechnete "Anspannungsindex" des studentischen Wohnungsmarkts stieg hier von 41 auf 47. Damit liegt Nürnberg immer noch weit hinter dem Spitzenreiter München (78), gehört jedoch mittlerweile zu den 20 deutschen Hochschulstädten, in denen die Wohnungsnot am größten ist. Sogar noch knapp vor Nürnberg rangiert Regensburg, nur wenige Plätze dahinter liegt Augsburg. Und die Durchschnittspreise für ein WG-Zimmer haben es überall in sich: In Regensburg sind es 370 Euro, in Augsburg 356 Euro und in Nürnberg 350 Euro.

Das freilich ist fast noch günstig, wenn man es mit Ingolstadt vergleicht: Hier musste ein Student 2015 noch 371 Euro Monatsmiete für ein WG-Zimmer hinblättern; zwei Jahre später liegt dieser Wert bereits bei 430 Euro. Da erscheint es nur bedingt tröstlich, dass der Anspannungsindex für Ingolstadt, wo gut 6000 Studenten leben, zuletzt leicht gefallen ist - von 47 auf 46, was dem 25. Platz im deutschlandweiten Ranking der 93 Hochschulstädten entspricht. | DK