Sie gehen ihren eigenen Weg
München (DK) Dass Kinder prominenter Politiker selbst in die Politik gehen, ist gar nicht so selten. Die Karrieren von Claudia Stamm und Florian Streibl sind trotzdem ungewöhnlich: Sie sitzen für die Grünen beziehungsweise die Freien Wähler im Landtag – und machen Opposition gegen die Partei ihrer Eltern.

Florian Streibl war früher in der CSU, hat mit der Partei seines verstorbenen Vaters aber längst gebrochen.
Auch Claudia Stamm wollte eigentlich nicht ins Parlament. Ihre Mutter Barbara Stamm war Ministerin. Seit drei Jahren ist sie Landtagspräsidentin, gerade wurde sie als stellvertretende CSU-Chefin wiedergewählt. Die Tochter kam 2009 als Nachrückerin in den Landtag. Lange geplant hatte sie das nicht. In der Schule erzählten Kinder von Polizisten, dass sie später auch mal Polizisten werden wollen. Stamm sagt: „Für mich war immer klar: Ich will alles werden, nur nicht Politikerin.“
Zwei Politikerkinder, die selbst zu Politikern wurden. Das ist das eine. Aber da ist noch mehr. Schließlich gibt es im Landtag auch andere, die in die Fußstapfen ihrer Eltern getreten sind: Thomas Goppel, der Sohn von Ex-Ministerpräsident Alfons Goppel. Oder Markus Sackmann. Sein Vater Franz Sackmann war lange Staatssekretär. Aber die beiden machten wie ihre Eltern in der CSU Karriere. Streibl und Stamm wechselten die Seiten. Er ist bei den Freien Wählern, sie sitzt für die Grünen im Landtag. Und es ist durchaus möglich, dass die beiden die Partei ihrer Eltern bei der Landtagswahl 2013 nach mehr als fünf Jahrzehnten aus der Regierung vertreiben.
Florian Streibl sitzt in seinem Büro im Altbau des Maximilianeums. Es ist einer jener engen Räume, die sich die Abgeordneten mit ihren Mitarbeitern Schreibtisch an Schreibtisch teilen müssen. Die Ministerbüros seines Vaters dürften größer gewesen sein. Aber immerhin: Der 48-jährige Jurist und Theologe ist parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion. Im Alltag ist das ein einflussreicher Posten.
Wenn Streibl erzählt, hat man den Eindruck, dass er häufig nachgedacht hat über die Familie, den Vater und das politische Geschäft. Er redet bedächtig, ohne Groll. Die Geschichten sprechen für sich.
Zum Beispiel diese: Irgendwann Ende der siebziger Jahre stand seine Schwester vor der Erstkommunion. Der Vater konnte wieder mal nicht kommen, musste zu einer Tagung des Katholischen Männervereins Tuntenhausen. Aber er hatte einen Vorschlag: Die Familie könne doch mitkommen, meinte er. Der Erzbischof sei da und könne die Kommunion vornehmen. „Meine Mutter hat gesagt: Du spinnst wohl!“, erzählt Streibl. Die Familie blieb zu Hause in Oberammergau.
Häufig kam für den Vater erst die Politik, dann die Familie. Florian Streibl hat heute Verständnis dafür. „Ich weiß, dass er selbst darunter gelitten hat.“ Aber dann war da noch die ständige Sonderbehandlung. Wer seinen Vater mochte, der mochte auch ihn. Wer den Vater ablehnte, lehnte auch ihn ab – ob Lehrer oder Nachbar. „Du wirst auf einen Sockel gehoben, oder an den Pranger gestellt“, sagt Streibl.
Die Abkehr von der CSU kam aber erst viel später. Bis in die neunziger Jahre hinein war Florian Streibl selbst Parteimitglied. Dann kostete die „Amigo-Affäre“ seinen Vater das Amt als Ministerpräsidenten. Die Karriere war im Eimer – und die Partei wendete sich vom einen auf den anderen Tag völlig von ihm ab. „Die haben ihm nicht mal mehr eine Geburtstagskarte geschrieben“, sagt Florian Streibl. Das habe den Vater tief getroffen. Wenige Jahre später starb er gerade einmal 66-jährig. Florian Streibl trat aus der CSU aus.
Zu den Freien Wählern kam er dann über die Kommunalpolitik. Im Gemeinderat Oberammergau gibt es zwei Vertreter der CSU und einen von der SPD. Der Rest kommt von Freien Wählergemeinschaften. Irgendwann leitete Streibl die Initiative „Für unser Dorf“. Einige Jahre später kandidierte er dann für den Landtag.
In der CSU halten manche den Politikersohn noch immer für einen der ihren. Engagierter Katholik, wertkonservativ, zweifacher Familienvater – so jemand gehöre doch in die CSU, meinen sie. Wenn nur das mit dem Vater nicht passiert wäre.
Streibl sieht das anders. Inhaltlich sehe er zwar keine großen Gräben mit der CSU, sagt er. „Aber ich bin ein freiheitsliebender Mensch.“ Das könne er bei den Freien Wählern besser ausleben. Und für die Wählergruppe ist es natürlich ein Erfolg, Streibl auf ihrer Seite zu haben. Das schafft Vertrauen im konservativen Milieu. Und sie können sagen: Seht mal alle her, auch der Sohn des einstigen Ministerpräsidenten ist lieber bei uns als bei der CSU.
Das gilt natürlich auch für Claudia Stamm und die Grünen. Der Name macht sich gut, wenn man wie die Öko-Partei auch im bürgerlichen Lager punkten will. Anders als Streibl hat sich Stamm aber schon früh von den politischen Vorstellungen ihrer Eltern entfernt.
Die Grünen-Abgeordnete sitzt in einem der kleinen abgetrennten Nischen der Landtagsgaststätte. Man trifft sich dort, wenn man vertraulich sprechen möchte. Kurz vorher saß dort noch ein CSU-Abgeordneter, aber der räumte den Platz, als er den Namen „Stamm“ hörte. Dass die Reservierung der Tochter galt, wusste er natürlich nicht.
Heute profitiert Claudia Stamm auch mal von ihrem Namen. Als Kind und Jugendliche machte er ihr meistens zu schaffen. Als Tochter der prominenten Würzburger Politikerin wurde sie besonders beäugt. Ein Lehrer, damals wohl Grünen-Anhänger, hatte es schnell auf sie abgesehen. „Nach dem Motto: Mutter CSU, Tochter CSU“, sagt Stamm. Dass sie auch mal mit orientalischen Hosen, rissigen Jeans oder knappen T-Shirts durch die Gegend lief, kam dagegen im CSU-geprägten Bekanntenkreis der Eltern nicht gut an.
Dabei war der heutigen Grünen schnell klar, dass sie politisch anders dachte als die Mutter. Kurze Zeit war sie in der CSU-nahen Schüler-Union, beteiligte sich an Hilfsprojekten. „Als es dann an die parteipolitische Arbeit ging, habe ich sofort gemerkt: Das will ich auf keinen Fall“, erzählt sie. Stamm demonstrierte gegen Wehrdienst und Rechtsextremismus. Sie war gegen Atomkraftwerke. Von der ersten Gelegenheit an wählte sie die Grünen. Aber erst als klar war, dass sie für die Partei bei der Landtagswahl 2008 antreten würde, wurde sie Mitglied. Eine Rebellion gegen die Mutter sei das nicht, meint Claudia Stamm. „Dafür dauert es jetzt schon zu lange.“
Es kam auch nie zum Bruch mit der Familie. Bis heute ist das Verhältnis gut. Während des Gesprächs in der Nische klingelt das Telefon. Die Mutter ist dran: Die Tochter solle unbedingt das Geburtstagsgeschenk für die Enkeltochter mit nach Hause nehmen, sagt sie „Ja gut, ich versuch’ dran zu denken“, antwortet Claudia Stamm. Hin und wieder sind ihre beiden Töchter auch bei den Großeltern in Würzburg. Vor allem der Großvater ist dann gefragt. Die Chancen stehen also gut, dass der Familienfrieden auch die Landtagswahl 2013 überdauert – egal wer am Ende vorne liegt.
Von Til Huber

