Mittwoch, 30.05.2012 |

 

21.02.2012 20:58 Uhr | 325x gelesen
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Piraten zeigen Flagge


Bild: Piraten zeigen Flagge. München München (DK) Das Gesicht der Piratenpartei in Landsberg hat leichte Falten um die Mundwinkel und steckt unter einer Schirmmütze mit dunklem Wollbezug. Eric Lembeck, Jeans, schwarze Kapuzenjacke, steht am Landsberger Hauptplatz, in der linken Hand ein Faltblatt. Rechts und links laufen Leute mit Einkaufstüten am Infostand vorbei. Minus zwölf Grad. Schnee klebt auf dem Kopfsteinpflaster. „Bei dem Wetter würd’ ich auch nich’ stehen bleiben“, sagt Lembeck. Der Sturm aufs Rathaus ist eine eisige Angelegenheit.

München (DK) Das Gesicht der Piratenpartei in Landsberg hat leichte Falten um die Mundwinkel und steckt unter einer Schirmmütze mit dunklem Wollbezug. Eric Lembeck, Jeans, schwarze Kapuzenjacke, steht am Landsberger Hauptplatz, in der linken Hand ein Faltblatt. Rechts und links laufen Leute mit Einkaufstüten am Infostand vorbei. Minus zwölf Grad. Schnee klebt auf dem Kopfsteinpflaster. „Bei dem Wetter würd’ ich auch nich’ stehen bleiben“, sagt Lembeck. Der Sturm aufs Rathaus ist eine eisige Angelegenheit.


München: Piraten zeigen Flagge
Aufbruchstimmung: Die Piratenpartei in Bayern rüstet sich für die Landtagswahl 2013. Landeschef Stefan Körner (Foto rechts) überträgt dafür seine Sitzungen live im Internet. Bereits diesen März versucht Eric Lembeck (Foto links) sein Glück bei der Oberbürgermeisterwahl in Landsberg. - Fotos: Huber
Ein Passant schaut interessiert. Alles klar zum Entern. Lembeck tritt aus dem schwarzen Zelt, geht vier Schritte auf den Mann zu. „Darf ich Sie auf eine Veranstaltung hinweisen“ Der Passant, ein kräftiger Handwerksmeister um die 60, bleibt stehen. Kurzes Geplauder. Dann hebt der Handwerker die Hände. Ein bisschen wie ein Italiener. „Wissens, es muss auch an bissl a Linie drin sein“, sagt er. „Es muss ja auch mal irgendwo hinführen.“ Vor ein paar Monaten war er beim Landsberger Piratenstammtisch. Ein halbes Dutzend Männer, die sich erst mal eine Stunde darüber unterhalten, wie sie sich in Computer einloggen, sagt er. Nicht seine Welt. Der Handwerksmeister verabschiedet sich, verschwindet in einer Einkaufspassage. Lembeck geht zurück unters Zeltdach. Das mit dem langen Fachsimpeln sei schon längst vorbei, sagt er. Die Piraten machen jetzt richtig Politik. Seitdem klar ist, dass sie was erreichen können. Der 46 Jahre alte Online-Händler und Familienvater tritt bei der Oberbürgermeisterwahl an. Er ist der erste bayerische Pirat, der genug Unterschriften gesammelt hat, um als Kandidat zugelassen zu werden. Am 11. März ist die Wahl. Wieder eine Bewährungsprobe für die Piraten.
 
Aufbruchsstimmung. Wo man die Bürger auch fragt – die Partei ist eine feste Größe. Sechs bis sieben Prozent Zustimmung im Bund. Fünf Prozent in Bayern. Alle reden vom Duell Horst Seehofer gegen Christian Ude. Von einem Kampf der CSU gegen SPD, Grüne und Freie Wähler. Sollten die Piraten 2013 in den Landtag kommen, hätte wohl keiner eine Mehrheit.
 

donaukurier.de berichtet im Live-Ticker vom Piratigen Aschermittwoch

 
Der Einzug in den Landtag. Das ist das Ziel von Stefan Körner. Der Landeschef der bayerischen Piraten sitzt in einem kargen Besprechungsraum im Münchner Norden. Grauer Teppichboden, Stühle auf Plastikrollen, trübes Nachmittagslicht scheint durch die schlecht geputzten Fenster. Die Landesgeschäftsstelle der Piraten hat noch zwei ähnliche Räume und einen großen Flur. Der Ex-Kommunarde und Links-Spirituelle Rainer Langhans hat die Parteizentrale mit seinem Preisgeld aus dem RTL-Dschungelcamp teilfinanziert. Vor Körner steht ein Laptop auf dem Tisch. Piraten haben so gut wie immer einen Laptop vor sich. Allzeit online, allzeit vernetzt. Das hat schon was von Folklore. Online-Folklore.

Stefan Körner, kurze, graue Haare, randlose Brille, hat schon eine Vorstellung, wie der nächste Wahlkampf aussehen könnte. Es sei doch so, sagt er, die Glaubwürdigkeit aller anderen Parteien liege bei „nahe null“. Die Menschen seien politikverdrossen. So viel zur Ausgangslage. Die Piraten wollten mehr Bürgerbeteiligung, sagt Körner. Mehr Transparenz. Der Landesvorstand überträgt seine Sitzungen live im Internet. Körner sagt: „Wir werden dafür sorgen, dass der permanente Filz sich ein bisschen lichtet.“

Dazu noch ein paar Sachthemen. Die Piraten sammeln Unterschriften für ein Volksbegehren gegen Studiengebühren. Und dann sind sie natürlich gegen Zensur im Internet. Zensursula – der Spitzname steht für die Erweckung der deutschen Piratenbewegung. Die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen wollte vor drei Jahren Internetseiten mit Kinderpornografie sperren lassen. Inzwischen halten fast alle Parteien das Mittel in der Verbrechensbekämpfung für untauglich. Aber die Piraten gingen sofort auf die Barrikaden. Gegen politischen Aktionismus. Gegen Zensur. Die erste Popularitätswelle folgte. Seitdem ist auch Körner, der früher FDP gewählt hat, ein Pirat.

Die zweite Welle kam mit der Berlin-Wahl im vergangenen September. Fast neun Prozent holte die Partei, 15 Piraten sitzen nun im Berliner Abgeordnetenhaus. Jetzt hat die Partei auch Posten zu vergeben. Für viele macht sie das erst richtig interessant. Auch in Bayern. Etwa 4500 Mitglieder hat der Landesverband. Mehr als alle anderen. Ende März ist der nächste Landesparteitag geplant.

Gegenüber vom Besprechungszimmer sitzen die Parteifunktionäre bei der Arbeit. Drei Männer, zwei Laptops, eine Pizza mit Peperoni und extra dicker Käseschicht. Einer trägt Vollbart und Baseballkappe, einer Trainingshose und Fußballtrikot, der dritte Brille und einen grauen Pullover mit Reißverschluss.

Verschiedene Stile, verschiedene Vorstellungen. Da ist der junge Pirat aus Freising, der sagt, er sei neoliberal. Der Staat solle sich so weit wie möglich raushalten. Ein älterer Parteifreund aus Landsberg, schwerbehindert, war früher in der CSU. Ihm habe nicht gefallen, wie die Union mit Behinderten umgehe, sagt er. Da sei er Pirat geworden. Wie sich die Piraten vor Ort geben, hängt auch davon ab, wer sich engagiert. Die Regionalgruppen sind Biotope für neues politisches Engagement. Auch das gefällt vielen.

Dienstagabend, Münchener Straße in Ingolstadt. Im Leonardi’s trifft sich der Kreisverband der Piraten zum Stammtisch. Elf Männer an massiven Holztischen auf Stühlen und rot gepolsterten Bänken. Kaum einer ist älter als dreißig. Laptoptasten klackern, es riecht nach frischgebackener Pizza. Zwei schmächtige Jungs mit tief hängenden Ponys kommen herein. „Aha, Pfaffenhofen ist heute auch da“, sagt Benedikt Schmidt, stellt sein Weißbier ab und grüßt. Schmidt, 28, die Haare mit Gel aufgestellt, ist Kreisvorsitzender in Ingolstadt.

Frauen sind nicht da. Wie so oft bei den Piraten. Es gebe aber auch welche im Verband, sagt Schmidt. Eine sei sogar sehr aktiv. Aber die ist heute nicht gekommen. Sie kommt selten.

Ingolstadt ist der älteste Kreisverband in Bayern, gegründet am 14. August 2009. Schmidt zeigt auf die Galerie über dem Kneipenraum. Da oben sei das gewesen. Wenige Wochen vor der Bundestagswahl. Sieben Mann, eine Frau, vereint gegen Zensursula. Heute hat der Verband 60 Mitglieder.

Gerd Kokott ist der einzige Ältere heute. Der kräftige Mann mit dem grauen Vollbart schiebt den Teller beiseite. Jetzt will er über Inhalte sprechen. Über das bedingungslose Grundeinkommen. Die Partei hat das kürzlich beim Bundesparteitag beschlossen. Hartz IV abschaffen, dafür ein Grundeinkommen für jedermann, egal ob er arbeitet oder nicht. Keine neue Idee, aber die Piraten wollen sie jetzt richtig auf die politische Tagesordnung bringen.

Kokott hat sich damit mal beschäftigt, Zahlen besorgt, Konzepte geprüft. Weniger Bürokratie, mehr Zufriedenheit bei den Bürgern, sagt Kokott. Hinter seiner großen Brille kneift er kurz die Augen zusammen. „Das ist absolut zwingend.“ Er will jetzt einen Vortrag dazu vor den Parteifreunden halten. Benedikt Schmidt nickt. Bedingungsloses Grundeinkommen. Wichtiges Thema. Der Vortrag soll bald stattfinden. Vielleicht schon beim nächsten Arbeitstreffen.

 


Von Til Huber
 
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