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24.02.2015 20:58 Uhr | x gelesen
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Lastenfahrrad statt Kastenwagen


Bild: Lastenfahrrad statt Kastenwagen. München München (DK) Es ist ein trüber Februarmorgen auf der Kapuzinerstraße in München. Autos schieben sich durch den Schneematsch, bleiben stehen, fahren einige Meter, kommen wieder zum Stillstand. Stop-and-go-Verkehr – das Wort steht inzwischen sogar im Duden. An der Kapuzinerstraße und an vielen anderen Hauptverkehrsadern in München sieht man Morgen für Morgen das passende Bild dazu.

München (DK) Es ist ein trüber Februarmorgen auf der Kapuzinerstraße in München. Autos schieben sich durch den Schneematsch, bleiben stehen, fahren einige Meter, kommen wieder zum Stillstand. Stop-and-go-Verkehr – das Wort steht inzwischen sogar im Duden. An der Kapuzinerstraße und an vielen anderen Hauptverkehrsadern in München sieht man Morgen für Morgen das passende Bild dazu.


München: Lastenfahrrad statt Kastenwagen
Radelnder Maurermeister: Eckehard Siebert kommt jetzt meist schneller auf einer Baustelle an als früher - Foto: Stäbler

Auch Eckehard Siebert wäre vergangenes Jahr noch hier gestanden. In seinem Kastenwagen, auf dem Weg zur Baustelle. Abwechselnd hätte der Maurermeister ungeduldig zur Uhr geblickt und dann auf das Stoßstangen-Heer vor ihm. Wahrscheinlich hätte er leise über andere Autofahrer geflucht: „Mensch, was fährst du denn zam! Bleib doch in Hamburg, wenn du dich hier nicht auskennst.“

Wenn er sich selbst diese Worte in den Mund legt, muss Siebert unweigerlich grinsen. Der 63-Jährige steht in einem kleinen Fahrradkeller im Stadtteil Sendling, den er verputzen und streichen soll. Am Morgen sind die Autos auf der Kapuzinerstraße wieder nur im Schneckentempo dahingekrochen, doch das ist ihm mittlerweile herzlich egal. Denn der Maurer ist vor einigen Monaten umgestiegen: vom Kastenwagen aufs Lastenfahrrad.

„Seitdem bin ich höchstens ein paar Mal mit dem Auto gefahren, wenn ich schweres Material oder viel Werkzeug transportieren musste“, erzählt Siebert gut gelaunt. Ansonsten sei er immer geradelt, bei Wind und Wetter, auch wenn es mal nach Schwabing geht – von seiner Werkstatt in Haidhausen sind das gut 20 Kilometer hin und zurück. „Für mich ist so ein Lastenfahrrad ideal“, betont der Maurermeister. „Wenn man die Parkplatzsuche einrechnet, bin ich oft schneller da als früher. Auf jeden Fall komme ich wesentlich entspannter an.“

Schon seit Längerem hat Siebert mit einem Lastenfahrrad geliebäugelt, als er voriges Jahr von einem Pilotprojekt der Stadt München und der Industrie- und Handelskammer (IHK) erfährt. „Wir wollen untersuchen, ob es zeitliche und finanzielle Vorteile gibt, wenn Unternehmen auf Lastenfahrräder setzen“, erklärt Kerstin Swoboda von der IHK. Im Rahmen der Studie unterstützt das Projekt 13 Teilnehmer beim Kauf oder bei der Anmietung eines solchen Gefährts. Die Palette reicht dabei vom Metzger bis zum Obsthändler, vom Hausmeister bis zum Apotheker.

Das Projekt läuft noch bis November; danach sollen die Erfahrungen der Teilnehmer wissenschaftlich ausgewertet werden. „Uns geht es vor allem um kleine Betriebe und ausdrücklich nicht um Kurierdienste, denn da gibt es bereits eine Studie“, sagt Swoboda. Sie meint damit eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt unter dem Motto „Ich ersetze ein Auto“. Deutschlandweit wurden dabei acht Kurierdienste zwei Jahre lang mit Elektro-Lastenrädern ausgestattet. Im Ergebnisbericht heißt es: „Die Potenziale von Elektro-Lastenrädern werden sowohl von Fahrrad- als auch von Pkw-Kurieren positiv eingeschätzt.“ Ein Umstieg sei derzeit jedoch vor allem für Fahrradkuriere attraktiv, weniger für Autokuriere.

Nun wollen Stadt und IHK also herausfinden, ob Elektro-Fahrräder auch jenseits von Kurierdiensten eine Alternative zum Auto sein können. Schließlich leidet München wie kaum eine andere deutsche Großstadt unter Dauerstau, Stop-and-go-Verkehr und Parkplatzmangel. Für Eckehard Siebert gehört all das der Vergangenheit an. Allerdings räumt er ein: „Ich arbeite nur auf kleineren Baustellen und meistens in der Nähe. Ob sich ein Lastenfahrrad auch für größere Firmen rentiert, kann ich nicht einschätzen.“

Zumal die Anschaffung nicht ganz billig ist: 4000 Euro hat Sieberts Spezialanfertigung gekostet. Der Rahmen ist nicht aus Aluminium, sondern aus Stahl, sodass er bis zu 110 Kilo transportieren kann. Der Elektromotor bringt Siebert ohne zusätzliches Treten etwa 30 Kilometer weit. „Da ich den Akku auf der Baustelle aufladen kann, reicht das meistens“, sagt er. Nur ein einziges Mal sei ihm bislang der Saft ausgegangen – ausgerechnet im fernen Stadtteil Moosach. „Da bin ich die zehn Kilometer nach Hause nur mit Muskelkraft gefahren, beladen mit 110 Kilo“, erzählt Eckehard Siebert. „Sie können mir glauben: Das Weißbier hat mir noch nie so gut geschmeckt wie an diesem Abend.“


Von Patrik Stäbler

 
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