München: Grüne Welle für Surfer
An der Floßlände im Münchner Süden gibt es nun wieder eine Welle, die von Surfern eifrig genutzt wird. Im Unterschied zum bekannten Eisbach im Englischen Garten ist sie auch für Anfänger geeignet - Foto: Stäbler
München

Dort ist die Welle voriges Jahr zum Erliegen gekommen – bis jetzt. Die Mittagssonne scheint über München, Wolfrik Fischer starrt in die Isar und sieht: nichts als Weiß. Ein schlechtes Zeichen. Denn mit Weißwasser können Flusssurfer nichts anfangen. „Wir brauchen eine grüne stehende Welle“, erklärt Wolfrik Fischer. Auf diese haben er und seine Mitstreiter heute gehofft – bislang vergebens.

Erst um 14.35 Uhr, viel später als angenommen, kommt die Erlösung: „Es hat Wupp gemacht, und plötzlich war die Welle da“, jubelt Fischer. Monate des Tüftelns und Bastelns, des Streitens und Bangens – sie haben sich gelohnt. Denn seit diesem Wupp können die Münchner Surfer wieder auf einer stehenden Welle reiten – nicht nur am Eisbach, sondern auch weiter südlich an der Floßlände, nahe des Tierparks. Hier soll das Flusssurfen einst erfunden worden sein.

Im September 1972 klappern die Brüder Arthur und Alex Pauli mit ihren Brettern den Isarkanal ab. Im Vorjahr haben sie eine Stelle entdeckt, an der man mit einem eingehängten Seil surfen kann. Diesmal stoßen sie direkt an der Floßlände auf eine Welle. Das Besondere daran: Sie ist auch ohne Seil surfbar. Es ist die Geburtsstunde des Flusssurfens weltweit.

Wie das Ganze aussieht, weiß heute jeder Münchner und jeder München-Tourist – der Eisbach-Welle sei dank. Sie türmt sich im Englischen Garten auf, unmittelbar neben dem Haus der Kunst, und zieht heute bis zu 100 Surfer an. Pro Tag! Dabei trauten sich die Wellenreiter erst einige Jahre nach der Premiere an der Floßlände auf den Eisbach. Nach mehreren Unfällen wurde die dortige Welle 2007 zerstört, was zu wütenden Protesten führte. Im Jahr 2010 stellte die Stadt München schließlich das Surfen am Eisbach auf eine legale Grundlage. Während der Rummel um die Eisbach-Surfer stetig zunahm, ging es an der Floßlände immer ruhiger zu – auf und im Wasser. Weil die Stadtwerke München zunehmend weniger Wasser in den Ländkanal leiteten, um mehr Wasser für ihre Kraftwerke zu nutzen, schwächelte die stehende Welle – und kam voriges Jahr ganz zum Erliegen.

Hier kommt nun Wolfrik Fischer ins Spiel. Der 51-Jährige surfte schon als Teenager auf der Isar und ist heute Vorsitzender der Interessengemeinschaft Surfen in München (IGSM). Die Gruppe hat sich einst im Kampf um die Eisbach-Welle zusammengetan und setzt sich auch für den Erhalt der Floßländen-Welle ein. „Das ist der einzige Ort, wo sich Anfänger ins Wasser trauen können“, erklärt Wolfrik Fischer. „Der Eisbach ist nur was für geübte Flusssurfer. Da gibt es immer wieder schwere Verletzungen, weil sich Leute überschätzen.“

Vergangenes Jahr spricht sich sogar Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter für eine Wiederbelebung der Floßländen-Welle aus – doch so leicht ist das nicht. Denn im Ländkanal müssen die Interessen mehrerer Gruppen berücksichtigt werden. Erstens die Stadtwerke, die möglichst viel Wasser für ihre Kraftwerke brauchen. Zweitens die Isarflößer aus Wolfratshausen, die sicher an der Floßlände anlegen wollen. Drittens das Naturbad Maria Einsiedel, das bei zu hohen Pegelständen überschwemmt wird. Und viertens die Surfer, die einen niedrigen Pegel und viel Wasser für ihre stehende Welle benötigen.

Monatelang testen Stadtverwaltung und Stadtwerke mit verschiedenen Wassermengen, doch die Ergebnisse sind – aus Surfer-Sicht – ernüchternd. Also ergreift die IGSM selbst die Initiative. Gemeinsam mit zwei surfenden Ingenieuren entwickelt Wolfrik Fischer „ein Konstrukt“, wie er es nennt, um es in den Kanal einzubauen. Details will er aus Patentgründen nicht preisgeben. Nur so viel: „Das System drückt das Wasser nach oben, sodass eine Welle entsteht.“ Mehrere Monate lang habe das Trio an der Konstruktion getüftelt, erzählt Fischer. An einem Juli-Morgen wird es dann ernst: Die Stadt baut das Konstrukt in aller Frühe in den Kanal ein – und wenig später ist die Welle wieder da.

 

PROJEKTE FÜR FLUSSWELLEN IN BAYERN

 

Vieles im Fluss: In Bayern gibt es einige Pläne für neue Surfwellen. Sie wurden vor einem Jahr bei einem Forum in München vorgestellt. Seitdem ist viel Wasser die Donau, Pegnitz oder Loisach heruntergeflossen: Wir haben nachgefragt, wie weit die Initiativen mittlerweile gediehen sind.

Nürnberg: Ziemlich gut im Rennen liegt nach vier Jahren Planung die Nürnberger Dauerwelle, die im Uferbereich der Pegnitz entstehen soll. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Michael Heitz. „Es fehlt nur noch die Genehmigung.“ Eine halbe Million Euro soll das Projekt kosten – Finanzminister Markus Söder hat einen Zuschuss von 250 000 Euro versprochen.

Wolfratshausen: Richtig in Schwung ist auch dieses Vorhaben: Eine Machbarkeitsstudie des „Wellen-Papstes“ Markus Aufleger von der Universität Innsbruck bestätigt, dass die Welle nahe der Loisachmühle in Weidach realisierbar ist. Kostenpunkt: 300 000 Euro. „Viele Stadträte stehen dem Projekt positiv gegenüber – unser Bürgermeister sogar sehr“, berichtet Initiator Markus Kastner. Wenn alles klappt, winken sogar EU-Fördermittel. Dann kann ab 2017 gesurft werden.

Bad Reichenhall: Weit gediehen ist auch das Projekt Saalachwelle. Mit einer Breite von 21 Metern soll die größte stehende Welle Europas entstehen. Seit drei Jahren ein Traum von Margot Zeitvogel-Schönthier: „Der Bürgermeister unterstützt uns absolut, was auch wichtig ist für die Verhandlungen mit der Grundstückseigentümerin, der Deutschen Bahn Energie. Die fordert eine Machbarkeitsstudie.“ Momentan liegt das Projekt wegen Sanierung einiger Wehre sprichwörtlich auf dem Trockenen: „Aber es ist alles in trockenen Tüchern“, so Zeitvogel-Schönthier.

Passau: Die Welle macht gerade Pause: „Nach dem Hochwasser wurde auch unser Projekt gestoppt“, sagt Christian Müller. „Wir bringen es aber gerade wieder ins Gespräch, und unsere Initiative bekommt neuen Zulauf.“ Neulich fand eine Paddelaktion mit über 50 Surfern statt, um für die Idee zu werben. Die Stadt Passau hat wegen ihrer drei Flüsse gleich mehrere ideale Standorte für Wellen.

Ingolstadt: Hier herrscht totale Flaute. Das Projekt des Vereins Donaufreude unter Federführung von Sven Schreiber ist gestorben: „Wir haben es niedergelegt, weil wir keinerlei Unterstützung der Stadt bekommen. Es macht mich traurig, dass man für 200 000 Euro Märchenhütten kauft, aber kein Geld für eine Flusswelle ausgeben will.“ Dabei lagen sogar zwei Konzepte vor: Die Schlosswelle mit einem schwimmenden Ponton auf der Donau hätte rund 850 000 Euro gekostet, aber auch reichlich Strom verschlungen. Zweiter Plan war eine Umgehung der Staufstufe mit einem 250 Meter langen Bachlauf. Kostenpunkt: 1,4 Millionen Euro. Zuzüglich zirka 30 000 Euro Entschädigungszahlungen pro Jahr an Staufstufenbetreiber Eon. Sven Schreiber fährt also weiterhin zum Surfen nach München an den Eisbach.