Mittwoch, 30.05.2012 |

 

07.02.2012 19:43 Uhr | 430x gelesen
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Es war einmal . . . das Stadtviertel


Bild: Es war einmal . . . das Stadtviertel. München München (DK) Als das Viertel noch seinen Bürgern gehörte, war die Pilgersheimer Straße Nummer 60 mal ein Treffpunkt. „Burg Pilgersheim“ – ein Name wie ein Versprechen. Geburtstage feierten Stammgäste in dem Wirtshaus, oder man kam einfach so vorbei. Auf eine Halbe Bier. Doch die Burg gibt es nicht mehr im Münchner Stadtteil Untergiesing. Ein Investor hat das Haus vor vier Jahren gekauft. Der neue Wirt schenkt jetzt Cocktails aus. Mit dem Lokal stirbt das Viertel, sagen Anwohner.

München (DK) Als das Viertel noch seinen Bürgern gehörte, war die Pilgersheimer Straße Nummer 60 mal ein Treffpunkt. „Burg Pilgersheim“ – ein Name wie ein Versprechen. Geburtstage feierten Stammgäste in dem Wirtshaus, oder man kam einfach so vorbei. Auf eine Halbe Bier. Doch die Burg gibt es nicht mehr im Münchner Stadtteil Untergiesing. Ein Investor hat das Haus vor vier Jahren gekauft. Der neue Wirt schenkt jetzt Cocktails aus. Mit dem Lokal stirbt das Viertel, sagen Anwohner.



München ist einer Studie zufolge weiterhin die mit Blick auf Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Wohlstandsentwicklung erfolgreichste deutsche Großstadt. Schlusslichter unter den 50 größten Städten sind Gelsenkirchen, Herne und Halle an der Saale. (Archivfoto)
Bild: © 2011 AFP München, Untergiesing. Das frühere »Glasscherbenviertel« ist dabei, eine In-Gegend zu werden.(Archivfoto)

Maximilian Heisler steht vor der neuen Gaststätte mit dem bunten Schriftzug. Er zeigt auf einen der Balkone über dem Eingang: „Was glauben Sie, was so eine Wohnung jetzt kostet“ Um ihn hat sich ein Dutzend Frauen und Männer versammelt. Zum „Wahrnehmungsspaziergang“, wie Heisler seine Stadtteilführungen nennt. Der 24 Jahre alte Student will zeigen, was sich in seinem Viertel verändert hat. Seitdem die Investoren Schlange stehen, um einen Wohnblock zu ergattern. Seitdem Untergiesing, das sie früher „Glasscherbenviertel“ nannten, dabei ist, eine In-Gegend zu werden. Heisler hat einen Verein gegründet: Aktionsgruppe Untergiesing.

Schätzend wandern die Blicke über die Fassade. Altbau, aber kein besonders auffälliger. Was kann so was wohl kosten? Heisler wartet keine Antwort ab: „583 000 Euro zahlt man für eine Wohnung“, sagt er. Die Mieten stiegen dementsprechend. „Das kann sich hier kaum noch jemand leisten.“

Zugezogene drängen in die Stadtteile. Erst Kreative, Künstler, Querköpfe. Dann die Wohlhabenden, denen das Lebensgefühl gefällt. Das Glockenbachviertel mit seinen vielen Bars und Boutiquen auf der anderen Isarseite gilt als Musterbeispiel. Und je mehr Menschen kommen, desto teurer werden Häuser und Wohnungen. Alteingesessene können sich das eigene Viertel nicht mehr leisten. „Gentrifizierung“ nennen Sozialforscher das Phänomen.

Betroffen sind alle westlichen Metropolen – New York, London, Paris, Berlin. Aber in Deutschland explodieren die Preise nirgends so stark wie in München. Wer eine halbwegs zentrale Drei- bis Vierzimmerwohnung kaufen möchte, kommt kaum unter einer halben Million Euro davon. Ganz zu schweigen von den immer zahlreicheren Luxusobjekten. In einem ehemaligen Heizkraftwerk an der Müllerstraße entstehen Wohnungen. Zwölf Millionen Euro soll das Penthouse im 15. Stock kosten.

Kaltmieten liegen in der Isarmetropole nach Zahlen des Immobilienverbands Deutschland bei knapp 13 Euro pro Quadratmeter – im Schnitt. Wer eine Dreizimmerwohnung für 1200 Euro warm bekommt, hat es günstig getroffen.

Heisler hält an einem rußgeschwärzten Wohnblock am viel befahrenen Mittleren Ring an. An der Fassade blättert der Putz ab. Rost penetriert das Regenrohr wie ein hartnäckiger Hautparasit. Vor zwei Jahren habe die BayernLB-Tochter GBW den Block an einen Investor namens „Rock Capital“ verkauft, sagt Heisler. Kurz darauf erhielten die Anwohner einen Brief. Das Unternehmen habe die Unterlagen des vorherigen Eigentümers geprüft, heißt es darin. Nun sei man „leider gezwungen, den Mietzins auf die ortsübliche Vergleichsmiete anzupassen“. Es folgt der Verweis auf etliche Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuchs.

Häufig sind es große Firmen wie Rock Capital, die in München ihr Geschäft machen. Alle drei Jahre dürfen sie die Miete um 20 Prozent erhöhen. Teuer wird es auch, wenn die neuen Eigentümer renovieren. Sie dürfen die Bewohner dann an den Kosten beteiligen.

Nicht nur sozial Schwache trifft das hart. Auch Menschen wie Gerda Nillius machen sich Sorgen. Die 71 Jahre alte Frau war früher als Lehrerin angestellt. Seitdem sie geschieden ist, lebt sie alleine in der Wohnung im Stadtteil Neuperlach. Von ihren 1400 Euro Rente steckt sie schon jetzt knapp 1000 Euro in die Miete. Im kommenden Jahr droht zum dritten Mal die 20-Prozent-Erhöhung. Das könne sie nicht mehr bezahlen, sagt Nillius. „Mein Angst ist existenziell.“

Sie könnte in eine kleinere Wohnung ziehen. Aber die wäre wohl mindestens genauso teuer. Bei Neuvermietungen gibt es überhaupt keine Grenze nach oben. Kommt die nächste Mieterhöhung, könnte das für die ältere Dame bedeuten: raus aus München. Weg von den Nachbarn, weg von ihren Freunden. So geht es vielen.

Der Untergiesinger Stadteilspaziergang ist am Hans-Mielich-Platz angekommen – einem zentralen Platz des Viertels. Kürzlich wurde er umgestaltet. „Rote Bänke“, sagt Heisler und schüttelt den Kopf. „In einem Viertel, in dem die Sechziger zu Hause sind, bauen die rote Sitzbänke auf.“ Giesing ist die Heimat des Fußballklubs TSV 1860 München. Der Arbeiterklub. Die Blauen. Rot trägt die Konkurrenz vom FC Bayern.

Auf dem Weg hat Heisler der Gruppe eine Aufgabe gestellt: Architekturbüros zählen. Acht sind es am Ende. Neue Architekten, dafür immer weniger Friseure, Metzger, Bäckereien – auch das ist so ein Zeichen des Wandels. Der Lauf der Dinge? Was braucht ein Viertel? Was macht es lebenswert? Auf der Glasfront eines Architekturbüros pappen Aufkleber: „Willkommen in Giesing, ihr Arschlöcher“, steht darauf.

Oder die kleinen Kutscherhäuschen an der Birkenau zwei Straßen weiter. Den Bewohnern galten sie als Wahrzeichen ihres Stadtteils. Jetzt werden die Häuschen abgerissen. Wie eine klaffende Wunde liegt die Baugrube neben dem Kopfsteinpflaster der Straße.

Nicht überall in der Stadt geht es um Heimatpflege. Meist eher um harte finanzielle Interessen. Aber fast überall formiert sich Protest. Giesing, Laim, Schwabing, Maxvorstadt, Westend – es gibt kaum ein Viertel ohne Mieterinitiative.

Zunehmend vernetzen sich die Gruppen, formulieren gemeinsame Ziele. Der Mietspiegel müsse reformiert werden, meinen sie. Darin ist eine Art örtliche Durchschnittsmiete festgehalten, an der sich Vermieter orientieren müssen. Nach Meinung der Aktivisten ist der Spiegel zu hoch angesetzt. Auch der Denkmalschutz müsse stärker gegenüber Investoren durchgesetzt werden. Und Mieterhöhungen müssten überhaupt moderater sein.

Die Stadt sieht sich weitgehend machtlos. „Es kann doch niemand verhindern, dass sich Millionäre teure Häuser bauen oder teure Wohnungen mieten“, sagt Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), der früher Rechtsanwalt für Mietrecht war. München tue aber alles, um bestehende Mietverhältnisse zu schützen. „Sämtliche Register“ habe er gezogen, beteuert Ude. Die Zahl städtischer Wohnungen mit moderaten Mieten? In den vergangenen 20 Jahren von 40 000 auf 50 000 gestiegen. Luxussanierungen? Mit Erhaltungssatzungen versuche München, die völlige Veredelung der Stadtteile zu bremsen.

Linderung des Problems verspricht sich die Stadt auch von einem Umwandlungsverbot von großen Mietshäusern in Eigentumswohnungen. Es läuft oft so: Spekulanten kaufen große Objekte, sanieren sie und verkaufen die Wohnungen teuer weiter. Ein Umwandlungsverbot müsste die Staatsregierung erlassen. Die CSU hält es aber für wenig sinnvoll.

Das Grundproblem bleibt ohnehin: Immer mehr Menschen mit hohem Einkommen drängen in die Stadt. München hat dadurch höhere Einnahmen. Aber für die Bürger steigen die Mieten. Die Stadt leidet auch unter ihrer Attraktivität.

Zum Abschluss des Spaziergangs hat Maximilian Heisler noch eine kleine Überraschung. Eine Flasche Bier gibt es für jeden: „Giesinger Bräu“. Vor sechs Jahren hat im einstigen Kutscherviertel eine Kleinbrauerei eröffnet. Im Hof stehen die Spaziergänger, prosten sich zu. Einer hat eine selbst gebastelte rote Laterne mitgebracht. „Untergiesing“ steht in verschwommenen Buchstaben darauf. Er versucht die Kerze anzuzünden. Aber irgendwie will sie an diesem Tag nicht richtig brennen.


Von Til Huber

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