Mittwoch, 30.05.2012 |

 

09.11.2011 21:07 Uhr | 113x gelesen
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Die heile Welt im Schaufenster


Bild: Die heile Welt im Schaufenster . München München (DK) Dekorateur Martin Huber schaut ein wenig beunruhigt auf die Uhr. Es ist Punkt acht. „Eigentlich hätte der Lkw schon vor einer Stunde da sein sollen“, sagt der 44-Jährige. Huber und seine Kollegen warten auf eine Fracht, auf die viele Münchner jedes Jahr warten: Die strombetriebene Stofftier-Welt der Firma Steiff.

München (DK) Dekorateur Martin Huber schaut ein wenig beunruhigt auf die Uhr. Es ist Punkt acht. „Eigentlich hätte der Lkw schon vor einer Stunde da sein sollen“, sagt der 44-Jährige. Huber und seine Kollegen warten auf eine Fracht, auf die viele Münchner jedes Jahr warten: Die strombetriebene Stofftier-Welt der Firma Steiff.


München: Die heile Welt im Schaufenster
 
Jedes Jahr – von Anfang November bis Ende Dezember – ist sie in den Schaufenstern des Kaufhofs am Marienplatz zu sehen.

Unzählige Kinder, aber auch Erwachsene drücken sich während dieser Zeit an den Fenstern die Nasen platt. „Ich glaube, dass es den Leuten so gefällt, weil die Szenerie immer eine heile Welt zeigt“, sagt Huber. Das Schaufenster mit den „lebendigen“ Stofftieren gibt es in dem Kaufhaus schon seit über 30 Jahren. „Vor etwa 15 Jahren haben wir es einmal nicht gemacht“, erinnert sich der Dekorateur. „Da haben sich die Leute massiv beschwert.“ Wütende Briefe flatterten ins Haus, aufgebrachte Kunden beschwerten sich an der Information. Seitdem gibt es wieder jedes Jahr die Plüsch-Truppe zu sehen.

Und dann endlich – zehn Minuten nach acht – ist er da, der ersehnte Lkw. Der Fahrer öffnet die Hecktür, die Dekorateure und ihre Helfer wuchten die Einzelteile und Kartons vor die Schaufenster. Traurig schaut ein Äffchen aus einer Pappschachtel heraus. So chaotisch wie die Teile jetzt hier vor dem S-Bahn-Ausgang herumstehen, kann man sich nur schwer vorstellen, dass die Kuscheltier-Welt nur wenige Stunden später zum Leben erwacht.

Damit das klappt, sind zwei Experten von der Firma Steiff mit angereist. Die Thematik wechselt im Kaufhof jedes Jahr. Auch wenn viele das wohl gar nicht bemerken, vermutet Huber. Heuer ist es die „Deutschlandreise“ – bestückt mit etwa 200 Plüschtieren. Die Motive beginnen in Norddeutschland mit einem Hafen samt Schiff, dann geht es über ein „Weindorf“ hinunter in den Süden zur „Almhütte“. Nur die „Lüneburger Heide“ musste im Lager bleiben, sie hätte einfach nicht mehr ins Fenster gepasst. In ganz Deutschland gibt es nur neun dieser Stofftier-Welten.

Das erste Stück, das vom Fachmann Strom bekommt, ist ein Teil des „Weindorfs“. Die Motoren laufen leise brummend an. Unten rotieren jetzt – für die Passanten unsichtbar – die Antriebsriemen. Oben kurbelt wie von Zauberhand ein Häschen an der Weinpresse. Ein Bär schiebt ein Fass hin und her, und auf einer Bank schunkeln – offensichtlich etwas beschwipst – ein Affe und ein Fuchs.

Stück für Stück wächst so die heile Welt. Am Nachmittag ist alles an seinem Platz und läuft. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit der Dekorateure. Denn nur die wenigsten wissen: Das Ganze ist eigentlich ein Sommerszenerio. Die Aufgabe der Dekorateure ist es, dieses in eine ansehnliche Winterlandschaft umzugestalten. Hauptsächlich sorgt dafür eine Art weißer Watteteppich. Gut 40 Meter braucht es davon, schätzt Huber. Außerdem haben er und seine Kollegen passende Mützen und Schals für die Tiere besorgt.

Je länger man die „Deutschlandreise“ betrachtet, desto mehr Details gibt es zu entdecken. In einem Haus putzt ein Häschen den Boden, in einem anderen sitzt ein Äffchen auf der Toilette und liest. Und dann gibt es noch das „unmoralische“ Hafen-Häschen, das Strapse trägt und lasziv an einer Laterne lehnt. Ein See-Bär reicht ihr einen Zehn-Euro-Schein. Doch sie schüttelt den Kopf. Einige Leute hätten sich darüber beschwert, als das Schaustück vor einigen Jahren schon einmal im Fenster war, erzählt Huber.

Grundsätzlich sind die Reaktionen der Menschen aber sehr positiv. Vor allem die der Kinder, weiß Huber. Plötzlich bleibt eine alte Dame vor dem Fenster stehen. „Wissen Sie, was schlimm ist“, fragt sie einen der Dekorateure. Der schüttelt überrascht den Kopf. „Dass ich mit meinen Enkeln in der Vorweihnachtszeit mindestens vier Mal hierherkommen muss.“ Dann verschwindet sie wieder in der Menschenmenge.


Von Sebastian Peterhans

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