Herr Söder, der Machtkampf in der CSU ist beigelegt. Wie tief sind die Narben, die bei Ihnen und Horst Seehofer bleiben werden?

Markus Söder: Alle sind erleichtert, dass wir eine gute und geschlossene Lösung gefunden haben. Es waren keine leichten Wochen, aber am Ende stehen ein sehr gutes Ergebnis und eine souveräne Entscheidung von Horst Seehofer. Ich unterstütze ausdrücklich, dass er als Parteivorsitzender wieder antritt und die strategische Führung bei den anstehenden Verhandlungen in Berlin übernehmen wird. Ich freue mich auf die Aufgabe, die ich in Bayern antreten darf.

 

Es hat aber Verletzungen gegeben, sagt Seehofer selbst. Wie ist Ihr Verhältnis zum Parteichef?

Söder: Wir sind erwachsene Männer, die sich ihrer Verantwortung für Bayern und Deutschland bewusst sind. Wir hatten gute und intensive Gespräche. Jetzt blicken wir nach vorn.

 

Sie als Ministerpräsident in München, Horst Seehofer als CSU-Vorsitzender in Berlin - einige in Ihrer Partei fürchten, sie beide werden nicht wirklich an einem Strang ziehen . . .

Söder: Ich verstehe das, aber es gibt eine echte Chance für ein sehr gutes Miteinander. Die Herausforderung war nie so groß wie heute. Wir haben eine instabile Lage in Berlin. Dafür braucht es die Geschlossenheit der CSU in Koalitionsverhandlungen. Wir stehen nach dem schlechten Ergebnis bei der Bundestagswahl vor einer schwierigen Landtagswahl mit einer AfD, die rechts von der CSU agiert. Jetzt gilt es, dass wir uns unterhaken, um zu alter Stärke zurückzufinden. Dazu sind alle bereit. Wir haben in den letzten Wochen viel übereinander geredet. Jetzt sollten wir miteinander reden. Nur, wenn wir einander vertrauen, können wir auch das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückgewinnen. Wir haben eine große Wegstrecke vor uns.

 

Bei den anstehenden Regierungsverhandlungen in Berlin sitzen Sie mit am Tisch. Sehen Sie eine Perspektive für eine Neuauflage von Schwarz-Rot?

Söder: Deutschland braucht eine stabile Regierung. Die Menschen erwarten, dass wir jetzt rasch Stabilität bekommen. Was für Jamaika ausgehandelt worden ist, bietet eine gute Grundlage für die Gespräche mit der SPD. Selbst die Grünen hätten die Begrenzung der Zuwanderung mitgetragen, weil dies für das Land gut ist.

 

In der Flüchtlingspolitik wird die CSU also auf das "Regelwerk" mit der Begrenzung auf 200.000 Zuwanderer pro Jahr und der Aussetzung des Familiennachzugs beharren?

Söder: Wenn selbst die Grünen akzeptiert hätten, dass der Familiennachzug ausgesetzt bleibt, kann auch die SPD zustimmen.

 

Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten mit den Sozialdemokraten und mit Parteichef Martin Schulz?

Söder: Die SPD muss sich jetzt sortieren und entscheiden, was sie will. Wir haben vier Jahre zusammengearbeitet, warum sollte man daran nicht anknüpfen? Klar ist: Es kann in Zeiten von Rekordüberschüssen keine Steuererhöhungen geben.

 

Und wenn Schwarz-Rot scheitert, kommen dann Neuwahlen oder die Minderheitsregierung?

Söder: Die strategische Entscheidung liegt bei Horst Seehofer.

 

In zehn Monaten sind Landtagswahlen in Bayern. Die absolute Mehrheit bleibt für die Christsozialen das Ziel?

Söder: Prozentrechnungen vor der Wahl sollte keiner anstellen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass es der CSU nur um sich, und nicht um die Menschen geht. Bayern ist ein starkes Land. Uns geht es besser als allen anderen Bundesländern. Darauf können wir sehr gut aufbauen.

 

Wie wollen Sie die an die AfD verlorenen Wähler zurückholen?

Söder: Es braucht weder ein Anbiedern an Links noch einen neuen Rechtsruck. Es reicht die Rückkehr zur alten Glaubwürdigkeit. Der Unionskompromiss zur Flüchtlingspolitik ist hierfür sehr wichtig gewesen. Konkurrenz ist für uns nicht nur die AfD. Auch die FDP-Wähler in Bayern haben ein klares Bekenntnis zur Obergrenze gefordert. Wir müssen die bürgerlichen Kräfte hinter uns versammeln. Niemand will Berliner Verhältnisse in Bayern. Eine Zersplitterung des Parteiensystems wäre nicht gut für den Freistaat. ‹ŒDK

 

Das Gespräch führte Tobias Schmidt.