Landshut: Vertriebene sehen sich jetzt als "Fachverband für Integration"
Peter Polierer ist Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Jugend - Foto: privat
Landshut

Mit ihren fünf Kindern und dem nötigsten an Gepäck verließen die Peckls Hohenfurth in Südböhmen, heute Vissi Brod. Zurück blieben: das Einfamilienhaus, der Garten mit den Obstbäumen, die Werkstatt. Zurück blieb aber vor allem: die Heimat.

Die Peckls waren eine von vielen hundertausend Familien, die die Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen mussten. Insgesamt drei Millionen Sudetendeutsche enteignete und vertrieb die Regierung unter Präsident Edvard Benes damals. Als Vergeltung für die Gewaltherrschaft und Gräueltaten der Nazis in dem Gebiet. Nicht überall verlief die Vertreibung so geordnet wie in Hohenfurth. Mancherorts wurde zerstört, geprügelt und gemordet. Über ein Aufnahmelager im Bayerischen Wald ging es für die Peckls nach Landshut. Jahrelang wurden sie in einem Bauernhof einquartiert. Erst nach und nach bauten sie sich wie viele andere eine neue Existenz auf.

An diesem Samstag beginnt in Augsburg der Sudetendeutsche Tag. Gastgeber ist die Sudetendeutsche Landsmannschaft, der bundesweite Interessenverband. Die meisten Vertriebenen sind längst im Rentenalter. Die alle Jahre wieder stattfindende Veranstaltung dürfte es da doch eigentlich nicht mehr lange geben – könnte man meinen. Gäbe es nicht Menschen wie Peter Polierer. Der 36-Jährige ist Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Jugend – und der Enkelsohn von Anna und Josef Peckl.

Wie seine Großeltern wohnt Polierer in Landshut. In Landau an der Isar ist er Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte. Seine Frau ist mit dem zweiten Kind schwanger. Warum engagiert sich einer wie er noch wegen etwas, das so lange zurückliegt?

Polierer sagt: „Es ist nicht so, dass mir das immer zu Hause reingedrückt worden ist.“ Die Vertreibungsgeschichte habe er lange gar nicht so genau gekannt. Am Anfang waren es eher die Bräuche, die Lieder, die böhmischen Geschichten an Weihnachten. Daran merkte er, dass seine Wurzeln nicht in Landshut liegen. Er begann sich für Geschichte zu interessieren, wählte das Fach als Leistungskurs. Mit der Vertreibung der Sudentendeutschen habe er sich erst für seine Facharbeit so richtig beschäftigt. „Es ist Geschichte“, sagt Polierer. „Aber für mich ist es eben auch Familiengeschichte.“

Den Kontakt zum Verband bekam er, als ein Bekannter ihn fragte, ob er als Betreuer zu einem Zeltlager der Sudetendeutschen Jugend mitfahren möchte. „Da habe ich mich in die Sache verliebt.“ Irgendwann kam die Idee, zu den Zeltlagern auch tschechische Jugendliche einzuladen. Heute organisieren Tschechen und Deutsche sie gemeinsam.

Um zu verstehen, was Menschen wie Polierer bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft hält, muss man wissen, dass der Verband sich über die Jahrzehnte gewandelt hat. Aus einer Interessenvertretung für Vertriebene, aus einem Selbsthilfeverband ist so etwas wie eine Nichtregierungsorganisation mit übergeordneten Zielen geworden. Polierer nennt sie einen „Fachverband für Integration und gegen Vertreibungsverbrechen weltweit“. Kongo, Südsudan, Jugoslawien, Ukraine – dass überall in der Welt immer wieder Menschen vertrieben werden, treibt ihn um. „Das ist das, was mich wirklich wütend macht“, sagt er.

Hardliner, die weiterhin materielle Interessen oder gar Gebietsansprüche durchsetzen wollen, gibt es bei den Sudetendeutschen noch immer vereinzelt. Aber sie geben längst nicht mehr den Ton an – schon gar nicht im Jugendverband.

Peter Polierer fährt dreimal im Jahr nach Tschechien. Mit Freunden übernachtet er ganz in der Nähe des ehemaligen Hauses seiner Großeltern. Dass sie ihr einstiges Eigentum nicht zurückbekommt, hat die Familie längst akzeptiert. Eine Forderung will aber auch Polierer nicht fallen lassen: Dass der tschechische Staat die Benes-Dekrete, die Grundlage der Vertreibung waren, für nichtig erklärt. Nicht, damit die Sudetendeutschen ihr Eigentum wiederbekommen. Einfach nur als Symbol.

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