Sicherheitszonen um Atomkraftwerke in Bayern
Neue Sicherheitszonen um die Atomkraftwerke in Bayern
DK-Grafik
Ingolstadt
Die sieht vor, dass die jeweiligen Sicherheitszonen rund um die Kraftwerke deutlich ausgeweitet werden. Umsetzen müssen die Vorschläge der Kommission aus Bonn die Bundesländer.

Auslöser der Neuordnung war die Katastrophe im japanischen Fukushima: Dort war am 11. März 2011 nach einem Erdbeben und einem Tsunami ein Reaktor explodiert. Schnell stellte sich heraus, dass die geplanten Schutzzonen deutlich zu klein geplant waren: Die direkte Strahlung erreichte größere Gebiete als gedacht. Es mussten viel mehr Menschen evakuiert werden.

Mit Fukushima war auch ein Paradigmenwechsel bei der Einschätzung von Unfällen in Atomkraftwerken allgemein verbunden: Bislang waren alle Sicherheitskonzepte von der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit eines Störfalls geprägt. Die alte Sicht der Dinge war klar: Deutsche Atomkraftwerke sind sicher, mit einem schweren Erdbeben ist nicht zu rechnen, also macht man kleine Sicherheitszonen, die man ohnehin nie braucht. Das hat sich geändert: In der aktuellen Studie blenden die Mitglieder der Strahlenschutzkommission erstmals die Wahrscheinlichkeit eines Unglücks aus und beschäftigen sich mit den möglichen Auswirkungen eines Unglücks.

Deshalb wurde der Radius der Zonen zum Teil mehr als verdoppelt. Die Zentralzone (künftig fünf statt zwei Kilometer) muss binnen sechs Stunden komplett evakuiert werden. Die Menschen werden zudem mit Jodtabletten versorgt. Sie sollen verhindern, dass sich Radioaktivität in der Schilddrüse einlagert. In den Mittelzonen (20 statt 10 Kilometer) muss eine Evakuierung in 24 Stunden möglich sein. Alternativ werden die Bewohner aufgefordert, in den Häusern zu bleiben; auch hier gibt es für stärker von der Strahlung betroffene Regionen Jodtabletten. In den Außenzonen (100 statt 50 Kilometer) wird dauernd die Strahlenbelastung gemessen, zudem werden auch hier im Bedarfsfall Jodtabletten ausgegeben.

Jodtabletten bekommen nach Empfehlung der Strahlenkommission aber nur Menschen unter 45. Bei den über 45-Jährigen liege das Risiko, wegen der Jodtabletten an Krebs zu erkranken, höher als das, durch die Strahlung zu erkranken, heißt es dazu im bayerischen Innenministerium. Das Ministerium ist im Freistaat für den Katastrophenschutz zuständig.

„Heiße“ Katastrophenübungen – das heißt mit Feuerwehreinsätzen und Evakuierungen – wurden bislang nach Angaben des Innenministeriums nur in der unmittelbaren Umgebung von Atomkraftwerken durchgezogen. Zuletzt im vergangenen November in der Gegend von Grafenrheinfeld. Für die äußeren Sicherheitszonen üben vor allem die jeweiligen Katastrophenschutzzentralen, wie der Chef der Ingolstädter Berufsfeuerwehr, Ulrich Braun sagt.

Der erfahrene Katastrophenexperte blickt allerdings weniger sorgenvoll auf die Kraftwerke Isar 2 und Gundremmingen. Sie werden nach derzeitiger Planung ohnehin zwischen 2017 und 2022 abgeschaltet und gelten als relativ sicher. Brauns Skepsis gilt eher Temelin in Tschechien. Das liegt zwar mit rund 220 Kilometern rund viermal so weit von Ingolstadt entfernt wie Isar 2, „doch wir wissen nicht so genau, was da los ist“, sagt Braun. Einen grenzübergreifenden Katastrophenplan gibt es jedenfalls bis heute nicht.

Wer sich über die aktuelle Strahlenbelastung in Bayern informieren will, kann das auf der Internetseite des Landesamtes für Umwelt tun.