Ingolstadt: Das Ende der Kreidezeit
Einsatz auch im Religionsunterricht: Die Klasse 5c des Ingolstädter Reuchlin-Gymnasiums analysiert zusammen mit Lehrerin Ruth Reindl am Whiteboard einen Psalm. Bayernweit lernen mittlerweile etwa 900 Schulen mit mindestens einer dieser computergestützten Tafeln. - Foto: Herbert
Ingolstadt
Laut bayerischem Kultusministeriums haben bereits 900 der knapp 5500 Schulen im Freistaat mindestens ein Klassenzimmer mit Whiteboard. Insgesamt gibt es gut 2000 dieser Weißwandtafeln. Allerdings ist die Verteilung der Whiteboards je nach Schulart unterschiedlich: Mehr als 50 Prozent der 411 bayerischen Gymnasien können sie ihren Schülern bieten, bei den knapp 1800 Grundschulen sind es nur etwa sieben Prozent. Mittel- (20 Prozent) und Realschulen (32 Prozent) liegen dazwischen.

Auch in der Region rund um Ingolstadt lernen die Schüler mit dieser Technik – allerdings ist sie in den Klassenzimmern eher Ausnahme denn Regel. "Bei uns gibt es nur vereinzelt Whiteboards. An 20 der 36 Schulen im Ingolstädter Stadtgebiet haben wir 45 Komplettsysteme", berichtet Wilhelm Schelchshorn, der Leiter des städtischen Schulverwaltungsamtes, das als Sachaufwandsträger für den Kauf der Geräte zuständig ist. Das Kultusministerium gibt dafür freie Hand.

Vor allem in Ingolstädter Gymnasien, Real- und Berufsschulen seien die neuen Tafeln im Einsatz, seltener in Grund- und Mittelschulen, so Schelchshorn. Besonders im Zuge von Neu- oder Umbauten würde die Technik angeschafft. Voraussetzung sei aber immer, dass sich engagierte Lehrer an der jeweiligen Schule intensiv damit beschäftigten. Preislich liegen die Komplettsysteme zwischen 4500 und 5000 Euro. Eine konventionelle Tafel kostet etwa 700 Euro.

Spitzenreiter in Ingolstadt ist das gerade erweiterte Reuchlin-Gymnasium mit zwölf Geräten. Das neue Gymnasium in Gaimersheim, zum aktuellen Schuljahr mit neun Klassen gestartet, ist gar komplett mit Whiteboards ausgestattet. Am Pfaffenhofener Schyren-Gymnasium gibt es vier Geräte, am Gymnasium in Schrobenhausen bisher keines.

Die Kollegien vieler Schulen teilen sich in Whiteboard-Skeptiker und -Befürworter. "Der Zuspruch ist gemischt. Einige Kollegen hemmt die Scheu vor der Technik", sagt der Mathematiklehrer Ingo Bartling, Medienwart am Schyren-Gymnasium. Viele schrecke ab, dass vom Ministerium keine Empfehlungen für die Arbeit am Whiteboard vorlägen.

Ähnliches weiß Edith Philipp-Rasch, die Schulleiterin des Ingolstädter Reuchlin-Gymnasiums, zu berichten: "Es ist nicht jedermanns Sache." Besonders ihre Fremdsprachenlehrer aber seien angetan. "Für das Hörverstehen eignet sich die neue Technik hervorragend." Tafelbilder könne man abspeichern und in der nächsten Stunde weiter daran arbeiten. Und auch Vorteile hat sie ausgemacht, die nicht primär pädagogischer Natur sind. "Es gibt beim Tafelwischen keine Staubwolken mehr."

Manfred Ruckdäschel, Schulleiter am Gymnasium Gaimersheim, sieht weitere Möglichkeiten. "Es gibt elektronische Zirkel, etwa in der Geometrie machen Whiteboards viel Sinn", sagt er. Noch stünde die Suche nach geeigneten Fachprogrammen im Fokus. Auch Bartling gehört zur Fraktion der Begeisterten. "Ich kann Materialien vorbereiten und auf dieser Basis im Unterricht viel mit den Kindern erarbeiten." Sogar seine Schüler kämen nun gerne zum Vorrechnen nach vorne.

An der Fronhofer-Realschule in Ingolstadt gibt es derzeit drei Whiteboards. Schulleiter Heinz Hinzen führt ein weiteres Argument ins Feld: "Unsere Schüler werden später im Beruf mit viel Technik konfrontiert – das ist eine gute Vorbereitung." Da auf seine Schule ein Neubau zukomme, überlege er, künftig voll auf die Weißwandtafeln zu setzen. "Meine Lehrer werden sich darauf einlassen müssen. Wir brauchen aber weiter die Möglichkeit, per Hand an der Tafel zu schreiben." Der Übergang weg von der Kreide müsse ein sanfter sein.

Trotzdem bleibt die Abhängigkeit von der Technik. Von "Allerweltsproblemen wie zu Hause am Computer", berichtet Bartling vom Schyren-Gymnasium. Fronhofer-Chef Hinzen ergänzt: "Wir hatten jeweils einmal Probleme mit dem Beamer und mit den elektronischen Stiften." Diese Erfahrung hat auch Reuchlin-Schulleiterin Philipp-Rasch gemacht: "Die Kontakte der Stifte funktionieren nicht immer."

Den Sachaufwandsträgern ist vor allem die langfristige Perspektive wichtig. "Entscheidend ist die Lebensdauer. Wir haben in Ingolstadt 2005 mit den Whiteboards begonnen und noch keinen Systemausfall", berichtet Schelchshorn. Für kommendes Jahr plane seine Behörde den Kauf von zehn Whiteboards. Eine feste Zusagen habe noch keine Schule erhalten, auch die Nachfrage halte sich aber in Grenzen. Fronhofer-Schulleiter Hinzen ist sich trotzdem sicher: "Wir wollen die Technik nicht verherrlichen, aber den Whiteboards gehört die Zukunft."