Gregor Gysi beim Politische Aschermittwoch in Ingolstadt
Gregor Gysi sprach im Stadttheater in Ingolstadt.
Johannes Hauser
Ingolstadt

Der Festsaal im Ingolstädter Stadttheater ist voll. Rotglühende Kegel und Tücher hängen von der Decke, der fast obligatorische Defiliermarsch erklingt aus den Lautsprechern – wenn auch nur vom Band. Der hohe Besuch aus Berlin schreitet in den Saal. Die zünftige Musik animiert ihn zu einem stolzen Schritt.

Der inzwischen 69-Jährige wirkt am Mittwochabend kein bisschen müde. Dabei ist er gerade nach einer dienstlichen Reise von London nach München gejettet und weiter nach Ingolstadt gefahren. Mit gewohnt scharfer wie kluger Rhetorik seziert der Bundestagsabgeordnete Gysi aktuelle Themen. Angriffslustig wirkt er, das Glas Weißwein auf dem Rednerpult schwankt einige Male bedrohlich: „Ich verstecke das jetzt erst einmal“, sagt er, greift das Glas und stellt es auf den Boden neben sich und scherzt: „Sonst sieht das hier aus wie bei den Alkoholikern.“ Der Wein bleibt unangetastet.

Im politischen Teil seiner Rede ist die Linken-Ikone nicht immer zum Scherzen aufgelegt. „Wir leben in einer schwierigen Situation“, ruft er mit Blick auf die US-Politik und den neuen Präsidenten Donald Trump in die Runde. Die Gesichter sind bestürzt, die Zuhörer wissen, was Gysi meint. In den USA sei ein Mann gewählt worden, der außerhalb des politischen Establishments stehe – ganz egal welches Niveau er auch habe. Für Gysi ist klar: Man muss fähige Menschen von außen in den Politbetrieb lassen, damit solche vom Schlage Trumps nicht gewählt werden. Die Politiker in Deutschland müssten das endlich begreifen. Die Kandidatur des Armutsforschers Christoph Butterwegge für das Amt des Bundespräsidenten sei eine Chance gewesen. „Doch die Politiker meiner Generation schmoren im eigenen Saft“, sagt Gysi. „Und was heute in den USA ist, kommt in zwei Jahren auch zu uns“, ist seine Sorge.

Im Umgang mit Trump fordert Gysi Entschlossenheit von der Bundesregierung. Er kenne solche Typen durch seinen Beruf als Rechtsanwalt: „Trump liebt Stärke“, analysiert Gysi. Wenn man ihm „katzenbucklig“ begegne, habe man keine Chance.

Fast schon ärgerlich wirkt der Linke, als ihm einfällt, dass jede negative Entwicklung auch positive Aspekte haben könne. Es sei etwa gut, dass Trump genau wie die Linke auch gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP ist. Auch wenn er kein Fan des neuen US-Präsidenten sei, „sollten wir uns in diesem Punkt nicht drehen“, sagt Gysi.

Auch die Flüchtlingskrise geht Gysi wortgewandt und grollend an. Das Handy habe vieles verändert. „Früher wusste keiner, wie wir in Europa leben. Heute haben auch Afrikaner Handys und stellen uns nun Fragen, auf die wir keine Antwort haben.“ Die Europäische Union (EU) müsse endlich damit aufhören, Lebensmittel derart billig nach Afrika zu exportieren, dass die dortige Landwirtschaft leide. „Das muss enden!“ Tosender Applaus im Festsaal des Stadttheaters.

Dennoch: Der ehemalige Fraktionschef verteidigte die EU vehement. Die Jugend Europas sei europäisch aufgewachsen. „Die kennen kein Europa mehr mit Schlagbäumen, Konflikten und Visa-Pflichten“, so Gysi. Die jungen Menschen hätten sich den ganzen Kontinent erschlossen. „Und das dürfen wir der Jugend nicht nehmen.“

Breitseite gegen Ingolstädter CSU

 

Doch es steht nicht nur Gregor Gysi im Rampenlicht. An einem Abend, wo sich die Linke in Ingolstadt versammelt, darf eine natürlich nicht fehlen: Auch Eva Bulling-Schröter bekommt ihre große Bühne. Vor heimischem Publikum beleuchtet sie die derzeitigen Geschehnisse in Ingolstadt. „Es gibt durchaus Parallelen zu Regensburg: Auch dort wird gegen den Alt-OB ermittelt“ , sagt die Bundestagsabgeordnete. Alfred Lehmanns Motto sei, es gebe genug Geld – man müsse nur zu denen gehören, die es sich nehmen können. Mit Blick auf die ehemalige Staatskanzleichefin Christine Haderthauer und die Ingolstädter CSU wirft sie die Frage auf, ob die Staatsanwaltschaft an der Donau nicht schon eine „eigene CSU-Abteilung“ habe.

Man wird das Gefühl nicht los, dass mit der Bundestagszeit von Bulling-Schröter auch ein großer Teil der linken Identität in der Region verschwindet. Mit Blumen und langem Applaus wurde die erfahrene Politikerin für ihr Lebenswerk gefeiert. Schnell ist sie am Mittwochabend aber dabei, zu betonen, dass es kein Abschied sein, sondern der Beginn von etwas Neuem. Für Bulling-Schröter soll es in den Münchner Landtag gehen.

Einen Nachfolger für die freiwerdende Stelle im Bundestag gibt es bereits – seine Wahl einmal vorausgesetzt: Roland Meier. Er stellt sich den Genossinnen und Genossen der Region vor. Ihm gehe es um die Menschen und darum, dass jeder stressfrei ein gutes Leben führen könne. „Ich sehe täglich, dass es auch in unserer Region Leih- und Zeitarbeit gibt. Da ist auch die Vollbeschäftigung nichts wert“, gab Meier seine Agenda in kurzen Worten wieder.

Star des Abends ist aber eindeutig Gregor Gysi, der mit Blick auf seine 69 Jahre noch einen kleinen Tipp für Menschen seiner Generation parat hat: „Seien Sie lebensfroh. Reden Sie nicht über Krankheiten. Denn wer darüber redet, wird auch krank.“ Trotz des niedrigen Durchschnittsalters im Saal trifft er mit diesem Ratschlag den Nerv seines Publikums.