Ingolstadt: Seniorin um 105 000 Euro gebracht
Mit manipulierter Notrufnummer, oft mit passender Vorwahl vorneweg, täuschen die Betrüger ihre arglosen Opfer. - Foto: Richter
Ingolstadt

Die Seniorin aus dem Ingolstädter Südwesten hatte am 22. Februar zwischen 17 und 18 Uhr einen Anruf von einem angeblichen Kriminalbeamten erhalten. Es gehe um ihre Ersparnisse, auf die es eine Einbrecherbande abgesehen habe, erzählte der Mann. Die Ganoven hätten Komplizen bei der Hausbank der 82-Jährigen, sodass ihr Geld auch dort nicht sicher sei. Tags darauf folgten weitere Anrufe, mal war es ein "Herr Schneider, dann ein "Herr Beck" oder ein "Herr Schmidt" - und alle erzählten sie die dieselbe Schauergeschichte und trugen nicht gerade zur Beruhigung der Ingolstädterin bei.

Am Ende erklärte die verängstigte Frau sich bereit, ihr Guthaben zur "sicheren Verwahrung" einem Polizisten zu übergeben, der bei ihr vorbeischauen wollte. Sie hob zwischen dem 23. Februar und 3. März drei große Geldbeträge in ihrer Bankfiliale im Stadtteil Haunwöhr ab, einmal 5000, dann 10 000 und zuletzt 90.000 Euro. Alles in allem händigte sie einem jungen Mann und vermeintlichen Kollegen der angeblichen Polizisten einen Betrag von 105.000 Euro aus. Damit waren die dreisten Betrüger am Ziel und alsbald von der Bildfläche verschwunden.

Für das Opfer bleibt es nur ein schwacher Trost, dass der Geldabholer zwölf Tage später der Polizei in Karlsruhe ins Netz ging. Mit seinen mindestens zwei Komplizen soll der 24-jährige Türke erneut versucht haben, eine ältere Frau auf dieselbe Weise zu betrügen. Eine Bankangestellte hatte aber Verdacht geschöpft, als die Kundin neben ihrem Geld auch den Schmuck aus ihrem Schließfach ausgehändigt haben wollte, und hatte die Kripo alarmiert. Der Beschuldigte sitzt seither in Untersuchungshaft, von dem in Ingolstadt erbeuteten Geld fehlt jedoch jede Spur. Es wurde wohl ins Ausland transferiert.

Die Staatsanwaltschaft warf dem 24-Jährigen gestern zum Prozessauftakt am Karlsruher Landgericht fünf ähnlich gelagerte Delikte vor - neben dem Ingolstädter Betrugsfall drei weitere in Nürnberg, Stuttgart und Frankfurt sowie den zuletzt gescheiterten Versuch in Karlsruhe. Die Gesamtbeute des Trios beläuft sich auf 150.000 Euro. Der Angeklagte räumte, was die Sache in Ingolstadt betrifft, seine Beteiligung weitgehend ein und machte beim Tatablauf, wie die Kripo ihn rekonstruiert hatte, nur kleine Abstriche. Die Namen seiner beiden Komplizen gab er nicht bekannt. Sein Geständnis wird den auf vier Verhandlungstage terminierten Prozess vermutlich deutlich abkürzen. Die zuständige Strafkammer war ursprünglich von einem Urteilsspruch im November ausgegangen.

Die Aufklärung solcher Betrügereien bleibt meist die Ausnahme, weil die Täter oft aus dem Ausland "operieren". Moderne Technik macht es ihnen möglich, sich eine fingierte Anruferkennung zu geben, etwa die Notrufnummer 110, mitunter verbunden mit der jeweiligen Ortsvorwahl. So erwecken sie bei ihren Opfern einen "amtlichen" Eindruck. Der Betrug im Namen der Polizei erlebt im laufenden Jahr einen sprunghaften Anstieg. Waren 2016 im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern-Nord - dazugehören neben Ingolstadt die Kriminalpolizeiinspektionen in Erding und Fürstenfeldbruck - noch 238 einschlägige Mitteilungen eingegangen, sind es heuer allein von Januar bis September mehr als 500. Der Gesamtschaden beläuft sich auf rund 430.000 Euro. Wobei allein 300.000 Euro auf die 142 Anzeigen in Ingolstadt entfallen.

Die Aufklärungsarbeit der Polizei im Kampf gegen ihre falschen Kollegen zeigt indes bereits Wirkung. Trotz der hohen Beutesumme und vielen Anzeigen war es letztlich "nur" in einem Dutzend Fälle tatsächlich zu Geldübergaben gekommen. Die Ermittler raten jedenfalls zu einer guten Portion Misstrauen, wenn solche Anrufe eingehen ("Wir rufen nie unter der 110 an!") und warnen davor, Unbekannte hereinzulassen oder Fremden Geld und Schmuck zu geben. Im Zweifelsfall könne jederzeit unter der Notrufnummer 110 nachgefragt werden.