Ganz: "Jede helfende Hand ist dort oben Gold wert"
Lindenholz für den Winter stapelten Manfred Schittler und der Bauer am Weg. - Fotos: Schittler
Sandersdorf

Ein paar Kühe, ein Kalb und einige Schafe gibt es auf dem Stolpahof. Dazu einige Hektar Wiesen, Weideflächen und Wald. Das Gelände ist steil, der Hof liegt auf einer Höhe von fast 1700 Metern, die Arbeit ist hart. Um leben zu können, geht die Bäuerin noch zusätzlich im Ort arbeiten. Der Bergbauernhof findet sich in Südtirol, in einem kleinen Tal hinter Toblach - und die Landwirte sind wie viele andere Bergbauern dankbar für jede Hilfe.

Und die kommt oftmals aus Deutschland: Ein freiwilliger Helfer ist Manfred Schittler aus dem Landkreis Eichstätt. Der Sandersdorfer hat gerade zwei Wochen auf dem Stolpahof verbracht, hat Heu und Holz gemacht, mit der Sense Gras gemäht und die frische Milch zum Nachbarn gebracht. Zum dritten Mal war Schittler heuer bereits im Bergbauern-einsatz - "aus Liebe zur Natur und der Beziehung zu den südtiroler Bergen", erzählt der Sandersdorfer. Der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze, der die Hilfe organisiert, setzt sich für Bergbauernfamilien ein, die ihre Heimat unter schwierigen Bedingungen bewirtschaften.

Die Freiwilligen können auf einem Fragebogen angeben, welche Arbeiten sie sich vorstellen könnten. Dazu gehören Heuernte, Stall- und Holzarbeit ebenso wie Kochen, Putzen und die Betreuung von Kindern oder Senioren. "Die Höfe werden nach einem Punktesystem bewertet", erklärt Schittler. Liegt ein Bergbauernhof beispielsweise besonders hoch, weit vom nächsten Dorf entfernt, und bewirtschaften die Landwirte auch noch ein steiles Gelände, wird er mit einer hohen Punktezahl eingestuft und bekommt bevorzugt freiwillige Helfer zugeteilt. Im Vorjahr meldeten sich über 2300 Helfer an, mehr als 70 Prozent davon aus Deutschland.

Mit einem Urlaub auf dem Bauernhof hat der Bergbauerná †einsatz nichts zu tun. "Es gibt Arbeit en masse", weiß Schittler aus seinen drei Einsätzen. Trotzdem genießt der Sandersdorfer die Zeit bei den Bauern. Die Ruhe und Abgeschiedenheit, das einfache Leben haben es ihm angetan. Und es kommt noch etwas dazu: "Jede helfende Hand ist dort Gold wert, als freiwilliger Helfer kann man eine wertvolle Stütze sein." Das Weltgeschehen ist in der Abgeschiedenheit der Berge weit weg. "Alles fokussiert sich auf den Erhalt des Hofes."

Dabei braucht eigentlich jede Familie inzwischen einen Zusatzverdienst. "Nur vom Bergbauernhof alleine kann keine Familie mehr überleben", weiß Schittler aus den Eindrücken, die er bei seinen bisherigen Einsätzen gesammelt hat. Der erste Bauer, auf dessen Hof im Ultental er geholfen hatte, beaufsichtigte neben seinen eigenen Tieren noch Kühe und Pferde auf weiteren Almen mit. Im Vorjahr am Reschenpass kümmerte sich der Bauer neben seinem Hof zusätzlich noch um eine Alm mit 400 bis 500 Schafen. Manfred Schittler war dort für den Melkdienst eingeteilt, schließlich müssen die Tiere morgens und abends gemolken werden. "Dort hatten wir im Juli einen Wintereinbruch", erinnert sich Schittler an das raue Klima. Wegen Murenabgängen seien sie tagelang von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. "Da ist man eben schon nahe am Hochgebirge dran."

In diesem Jahr waren es nur sein paar Kühe, die gemolken werden mussten. Die Milch brachte Schittler früh morgens zum benachbarten Bergbauern, wo sie um 7 Uhr abgeholt wurde. Und zwar in einem Milchfass, das einfach an die Anhängerkupplung des Autos gehängt wurde. Der Milchverkauf und die Holzbewirtschaftung sind zwei der Standbeine des Bauern auf dem Stolpahof. "Aber der Bergwald ist nicht einfach zu bewirtschaften", beschreibt Schittler. Das Holz hätten sie mit einem Schlitten von den Steilhängen auf die Wege geholt. "Es ist bewundernswert, dass die Bergbauern da noch überleben können." 30 Ster Holz braucht der Bauer im Winter. Bis so viel Lärchenholz kleingeschnitten, mit Schlitten und Seilen auf den Weg gezogen und schließlich aufgeschlichtet ist, "das ist eine mühsame Arbeit".

Auch das Heumachen sei ein Abenteuer - am Steilhang mit der Sense, oft noch auf nassem Gras. "Zum Glück hat mir meine Mutter früher gezeigt, wie man mit der Sense mäht", erzählt Schittler. Er profitiert nun von diesem Wissen, was er damals gesammelt hat.

Wie zum Ausgleich für die harte Arbeit zeichnet sich hinter den Hängen rund um den Stolpahof das Bergpanorama der Dolomiten ab - eine Traumaussicht. Im Anschluss an die Zeit auf dem Bergbauernhof ging Schittler zusammen mit einem Bekannten noch ein paar Tage wandern. "In den zwei Wochen vorher war ich immer am Hof, es gab so viel Arbeit, da blieb keine Zeit zum Wandern." Und sei es, weil wieder eine Kuh einen Weidezaun niedergetrampelt hatte.

Wie nahe ein Helfer an die Familie herankommt, sei unterschiedlich, weiß Schittler inzwischen. "Aber es haben sich immer alle gefreut, wenn ich als Helfer gekommen bin." Zur ersten Familie, bei der er als Freiwilliger war, hat der Sandersdorfer heute noch Kontakt. Am Stolpahof nun bekam Schittler ein Bett in der gemütlichen Bauernstube. Sogar mit großem Fernseher - allerdings sei er dafür abends zu müde gewesen. Gegessen wird zusammen mit der Familie: Gulasch mit Speckknödeln zum Beispiel oder Kalb, wenn sich wieder eines der Tiere ein Bein gebrochen hat.

Das Leben in den Bergen ist hart - und doch: Wenn man Schittler fragt, ob er im kommenden Jahr wieder im Einsatz sein wird, dann sagt der Sandersdorfer schmunzelnd: "Voraussichtlich schon."