Die Sonne scheint. "Gauck kommt und es ist schönes Wetter", sagt Thomas Mütze und lacht. Margarete Bause ist das nicht genug. "Gauck kommt und Bayern strahlt", schwärmt sie. Der Tross hat die Autos erreicht, die Türen gehen auf: Es ist nicht Joachim Gauck.

Die Landtagsfraktionen von SPD und Grünen haben ihren gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten eingeladen, damit er sich den bayerischen Wahlmännern vorstellt. Später wird er auch bei den Freien Wählern vorsprechen. Die haben sich offiziell noch nicht entschieden, ob sie in der Bundesversammlung am 30. Juni Gauck oder doch den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) wählen sollen.

Der parteilose Kandidat von SPD und Grünen für das Amt des Bundespräsidenten, Joachim Gauck, sieht sich als gute Ergänzung zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Gauck
Der parteilose Kandidat von SPD und Grünen für das Amt des Bundespräsidenten, Joachim Gauck, sieht sich als gute Ergänzung zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
© 2010 AFP
Einige Minuten später ist er da. Wie Fische, denen man Futter ins Aquarium geworfen hat, drängen sich Politiker, Kameraleute und Journalisten um Gauck. Händeschütteln, Smalltalk, dann sagt der Kandidat: "So, jetzt pack ma’s."

Gauck soll im Plenarsaal zu den rot-grünen Wahlfrauen und Wahlmännern sprechen. Auf dem Weg eilen die Fotografen voraus. Alle paar Meter muss der Kandidat anhalten. Die Fotografen drücken ab: Gauck vor dem Eingangsportal. Laufen, Anhalten, Fotoklicken: Gauck auf der Treppe mit dem roten Teppich.

Seitdem SPD und Grüne den ehemaligen Bürgerrechtler und Leiter der Stasiunterlagenbehörde aus Rostock nominiert haben, ist in Deutschland die Gauck-Seligkeit ausgebrochen. Vom "Versöhner der Nation" ist die Rede. Selbst Vertreter von FDP und CDU/CSU loben ihn ausdrücklich, mancher wähnt gar die schwarz-gelbe Mehrheit für Wulff in Gefahr. Bei Umfragen im Volk liegt Gauck deutlich vor dem Konkurrenten. Im Internet mehren sich täglich die Unterstützer für Gauck.

Im Plenarsaal haben die Fraktionen von SPD und Grünen schon Platz genommen. Auch einige schwarz-gelbe Kiebitze haben sich darunter gemischt: der FDP-Fraktionsvorsitzende Thomas Hacker, die CSU-Abgeordneten Bernd Sibler, Tobias Reiß und Reserl Sem. Sie sind da, obwohl die CSU-Fraktion zeitgleich tagt. Der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter, ebenfalls CSU-Mitglied, moderiert die Veranstaltung.

Als Gauck den Saal betritt, wird laut geklatscht. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Rinderspacher preist die "geistige Unabhängigkeit" des Kandidaten. Er weist auf einen Auftritt vom Vortag im Deutschen Theater in Berlin hin. Es heißt, Gauck habe da viele Zuhörer zu Tränen gerührt. Eine Journalistin, die am Morgen mit ihm aus Berlin angereist ist, berichtet von spontanen Verbrüderungsszenen von Gauck-Sympathisanten im Flugzeug.

Der Kandidat genießt die Zustimmung. "Natürlich freut sich auch ein Siebzigjähriger noch darüber", sagt er. "Auch wenn das sonst nur Typen wie Beckenbauer oder Ballack vorbehalten ist." Ihm sei aber bewusst, dass er auch als Projektionsfläche diene, "für alles, was die Leute sich ersehenen, für das, was ihnen fehlt".

Die weitere Veranstaltung ist nicht öffentlich, später wird kurz zusammengefasst. Und was Gauck vertritt, wird nicht allen Sozialdemokraten und Grünen gefallen. Er spricht von "Freiheit als Verantwortung", prangert die ausschweifende staatliche Fürsorge an. "Fürsorge" sei zwar ein schönes, christliches Wort. Wer aber nur vom Staat versorgt werde, könne seine Selbstverantwortung verlieren. Aussagen, die man von einem FDP-Kandidaten erwarten würde. Am Wochenende hatte er einer Zeitung gesagt, er stehe den Werten von Union und FDP ohnehin näher.

Auch bei den Freien Wählern, bei denen er sich später vorstellt, machen Gaucks Thesen Eindruck: Wenn nichts Gravierendes mehr passiere, werde er ihn wählen, sagt der Fraktionsvorsitzende Hubert Aiwanger. Und das gelte wohl auch für die Mehrheit seiner Fraktion. Gauck, der diese Stimmen dringend braucht, schmeichelt den "Freien". Man habe sich "sehr gut verstanden", sagt er.

Später stehen auch FDP-Politiker in den Gängen. Ob sie sich für Gauck entscheiden würde, wenn sie persönlich "mit dem Herzen wählen dürfte", wird die liberale Abgeordnete Julika Sandt gefragt. Man sieht ihr an, dass sie jetzt sehr vorsichtig sein muss. Längst ist klar, dass es am 30. Juni nicht nur um die Wahl eines Präsidenten geht, sondern auch um die Zukunft der schwarz-gelben Koalition in Berlin. Sandt überlegt kurz. Dann lächelt sie und sagt: "Also, die FDP wird Wulf wählen."