Eichstätt: Der Sturmjäger
Am Drücker, wenn es blitzt: der Sturmjäger Tobias Hämmer.
Eichstätt

Die "Bewunderung für Wolken und Wetter", wie er seine ungewöhnliche Leidenschaft nennt, geht bis in die Kindheit zurück. "Meine Faszination für Stürme ist immer stärker gewesen als die Angst", erzählt der 31-Jährige. Was er als Bub nur von daheim aus beobachten konnte, praktiziert er seit zwölf Jahren mobil mit dem Auto. "Schwerpunkt meiner Wetterbeobachtung ist dabei das Jagen von extremen Wetterereignissen, wie Gewitter oder Schneestürme", schreibt Tobias auf seiner Internetseite. Wie vor elf Tagen, als sich über Eichstätt eine heftige Wetterfront entlud.

Wenn der gelernte Koch und heute als selbstständiger Fahrradkurier tätige Königsbrunner faszinierende Aufnahmen von seinen Touren mitbringt, hat das mit penibler Planung zu tun. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, höchstens dann, wenn eine Gewitterfront unerwartete Richtungen einschlägt. Der 31-Jährige informiert sich auf einschlägigen Seiten im weltweiten Netz darüber, wo in Süddeutschland mit Stürmen zu rechnen ist. "Das wird umso genauer, je näher das Ereignis zeitlich rückt", erläutert er sein Vorgehen. "Da bekommst du eine Auflösung auf zwei Kilometer genau."

Die Prognosen sind die eine Seite seiner Planung. Die andere betrifft die Wegstrecke. "Wenn es da, wo das Unwetter hinzieht, Bundesstraßen und Autobahnen gibt, ist das ideal", sagt Tobias. Denn solche Fronten ziehen oft schnell weiter, und nur auf guten Fernstraßen vermag er ihnen zu folgen. "Wichtig ist, sich so zu positionieren, dass sie genau auf einen zukommt."

Bei Eichstätt ist ihm das zuletzt perfekt gelungen. Auf den Jurahöhen nördlich der Stadt wartet er am 30. Juli 2017 auf ein prognostiziertes Gewitter. Der junge Mann filmt sich selbst, im Hintergrund der noch überwiegend weiß-blaue Himmel. "Ich hoffe, dass sich daraus jetzt gleich eine fette Superzelle entwickelt", spricht er in die Kamera. Und tatsächlich: Im Zeitraffer festgehalten, türmen sich plötzlich Wolken auf. Einem Sportreporter gleich, kommentiert Tobias in seinem Video das weitere Geschehen, während sich zwischen Schernfeld und Wintershof eine aus der Ulmer Gegend anrückende Wolkenwand bedrohlich aufbaut. Mächtige Böen wirbeln die Luft über dem Boden auf. "Was für eine geile Gewitterfront, dahinter kommt ein grüner Niederschlagskern angerauscht", freut sich der leidenschaftliche Sturmjäger.
 

Video: Der Sturmjäger entdeckt eine Superzelle nördlich von Ingolstadt

Hier geht es zum Video, in dem der Sturmjäger eine Superzelle nördlich von Ingolstadt zeigt

Mit quietschenden Reifen setzt er die Fahrt fort. "Jetzt werde ich zum Gejagten. Hinter mir werden die Gewitterformationen immer bedrohlicher. Auch auf dem Radar sieht das Gewitter nach einem Großhagelproduzenten aus, also nichts, um sich überrollen zu lassen." Er soll recht behalten, Tage später melden zahlreiche Autobesitzer aus dem Eichstätter Raum Hagelschäden an ihren Fahrzeugen.

Per Internet bleibt Hämmer bei seinen Sturmjagden über aktuelle Wetterentwicklungen informiert. Oft fahren zwei oder drei Gleichgesinnte mit, um Kameras und Laptop zu bedienen, während einer das Steuer übernimmt. Tobias gibt an jenem Sonntag bei Eichstätt Gas und fährt dem Unwetter Richtung Autobahn davon. "Herrlich, wie grün sie wird", freut er sich in seinem Kommentar über das Farbenspiel rund um eine dunkle Wolkenformation. Derweil rauscht ein Motorradfahrer an ihm vorbei, um sich in Sicherheit zu bringen. "Ich fahre etwas über 100, keine Ahnung, was der drauf hat", sagt er. Über die A 9 geht es Richtung Süden, der Sturmjäger verfolgt das Unwetter weiter. Die Wolkenfront führt ihn an diesem 30. Juli bis an den Rand des Bayerischen Waldes. Einmal, so erzählt er, sei er auf die Weise bis nach Rumänien gekommen. Seine Bilder präsentiert er auf http: www.wetteraction.de im Netz.

Tobias ist für sein Hobby jedes Jahr zwischen Mai und September bis zu 15 000 Kilometer unterwegs. Auf den Fahrten hält er oft an und steigt aus. "Ich will die ganze Stimmung aufsaugen, den Donner hören, den Regen riechen und den Wind spüren", sagt er. Nicht ungefährlich, einmal schlug der Blitz 40 Meter vor ihm ein. "Da bin ich aber im Auto gesessen, wo ich sicher bin." Davor, dass die Fahrzeugelektronik danach streikt, ist er freilich nie gefeit. "Aber bisher hatte ich immer Glück." Nur in einem Punkt nicht: "Einen Tornado hab' ich noch nie erwischt."