Die Zahl der Misshandlungsfälle bei den Regensburger Domspatzen ist deutlich höher als bislang bekannt. Von 1945 bis Anfang der 1990er Jahre waren offenbar mindestens 231 Kinder körperlicher Gewalt und weitere sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Das Internat der Domspatzen
Die Zahl der Misshandlungsfälle bei den Regensburger Domspatzen ist deutlich höher als bislang bekannt. Von 1945 bis Anfang der 1990er Jahre waren offenbar mindestens 231 Kinder körperlicher Gewalt und weitere sexuellem Missbrauch ausgesetzt.
© 2016 AFP

Die Zahl der Misshandlungsfälle bei den Regensburger Domspatzen ist deutlich höher als bislang bekannt. Mindestens 231 Kinder seien körperlicher Gewalt und weitere sexuellem Missbrauch ausgesetzt gewesen, erklärte der mit der Untersuchung betraute Rechtsanwalt Ulrich Weber am Freitag in Regensburg. Er sprach von einem "Klima der Angst".

Die Übergriffe seien über Jahrzehnte hinweg intern bekannt gewesen, führten nach Angaben von Weber aber nicht zu personellen Konsequenzen oder strukturellen Veränderungen in der Vorschule. Der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger, der den Chor von 1964 bis 1994 geleitet hatte, dürfte laut Weber von den Vorgängen gewusst haben.

Die Bandbreite der sexuellen Übergriffe reichte nach Aussage der Opfer von Streicheln bis hin zur Vergewaltigung, wie Weber in seinem Zwischenbericht feststellte. Die Misshandlungsfälle beziehen sich unter anderem auf Prügelattacken bis zum "blutig Schlagen", dem Schlagen mit Stock oder anderen Gegenständen wie Siegelring oder Schlüsselbund bis hin zum Flüssigkeits- und Nahrungsentzug. Auch seien Bettnässer zu Schau gestellt und Schüler zum Essen gezwungen worden.

Aus den Opfergesprächen zeichne sich bislang ab, dass rund 30 Prozent der im Internat in Etterzhausen/Pielenhofen untergebrachten Schüler "in der Kernzeit" bis 1992 von körperlicher Gewalt betroffen waren, erklärte Weber. Bei den Opfern von sexuellem Missbrauch sei eine so konkrete Einschätzung bislang noch nicht möglich. Der Rechtsanwalt geht davon aus, dass die Dunkelziffer der misshandelten Kinder noch deutlich höher liegt.

Erste Berichte über körperliche Züchtigungen und sexuellen Missbrauch in dem weltberühmten Knabenchor waren im Jahr 2010 mit dem deutschlandweiten Bekanntwerden des Missbrauchskandals der katholischen Kirche öffentlich geworden. Im Februar vergangenen Jahres hatte das Bistum eine Zahl von 72 ehemaligen Domspatzen genannt, die Opfer von Gewalt wurden und mit 2500 Euro entschädigt werden sollten.

Während seiner monatelangen Untersuchung, bei der Weber rund 140 Gespräche auch mit Opfern führte, kam der Anwalt nun zu einer deutlich höheren Zahl von Missbrauchs- und Misshandlungsfällen. In den Gespräche habe sich herausgestellt, dass mindestens bis 1992 bei den Domspaten ein "System der Angst" geherrscht habe.

In Zusammenarbeit mit der Opferorganisation Weißer Ring war der Regensburger Rechtsanwalt im vergangenen Jahr vom Bistum beauftragt worden, die Missbrauchsfälle bei der Vorschule, dem Musikgymnasium, Chor und Internat der Domspatzen seit dem Jahr 1945 aufzuarbeiten.