Der: Auf dem Abstellgleis
Ein Zimmer statt einer Wohnung: Winfried Glosser lebt unfreiwillig in einem Seniorenheim. Sein Computer ist eine wichtige Verbindung zur Welt draußen. - Foto: Schattenhofer
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Mit 54 Jahren im Seniorenheim leben - wer will das schon? Winfried Glosser möchte so schnell wie möglich wieder raus, zurück in seine Wohnung nach Ingolstadt. Das Problem: Er kann nicht einfach so aufstehen und zur Tür hinausspazieren. Denn er sitzt im Rollstuhl - leidet an Multipler Sklerose (MS). Inzwischen ist die Krankheit so weit fortgeschritten, dass er nicht einmal mehr seine Hände richtig bewegen kann. Schuld daran sei auch der Stress, meint er. Seit mehr als vier Jahren ringt Glosser mit dem Bezirk Oberbayern und der Stadt Ingolstadt darum, dass er eine 24-Stunden-Assistenz bezahlt bekommt - er fordert Hilfe rund um die Uhr, um ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden führen zu können.

Winfried Glosser beruft sich dabei auf das Sozialgesetzbuch: Im SGB IX steht unter § 1: "Menschen mit Behinderungen oder von Behinderung bedrohte Menschen erhalten Leistungen nach diesem Buch und den für die Rehabilitationsträger geltenden Leistungsgesetzen, um ihre Selbstbestimmung und ihre volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu fördern, Benachteiligungen zu vermeiden oder ihnen entgegenzuwirken." Und weiter heißt es: "Bei der Entscheidung über die Leistungen und bei der Ausführung der Leistungen zur Teilhabe wird berechtigten Wünschen der Leistungsberechtigten entsprochen." Aber was sind berechtigte Wünsche? Die Vorstellungen darüber gehen weit auseinander - wie Glossers Weg durch die Instanzen zeigt, der ihn am Ende ins Seniorenheim in Neuburg geführt hat. Das hatte er sich bestimmt nicht gewünscht.

Im Gegenteil: Bei einer Reha-Maßnahme außerhalb Bayerns erfuhr Winfried Glosser, dass es für Menschen wie ihn die Möglichkeit gibt, eine Assistenz zu beantragen. Im November 2013 entschied er sich zu diesem Schritt und stellte den Antrag für ein so genanntes persönliches Budget. Gespräche fanden statt, eine Budget-Konferenz, um den Hilfebedarf festzustellen. Statt der gewünschten 24 Stunden Betreuung gestand die Stadt Ingolstadt Glosser jedoch nur zweieinhalb Stunden zu, zuzüglich einer Grundpflege. "Das war für mich der erste Schock", erinnert sich der Behinderte.

Es führt zu weit, die folgenden, jahrelangen Auseinandersetzungen und Rechtsstreitigkeiten mit dem Bezirk Oberbayern und der Stadt Ingolstadt darzustellen. Dutzende seitenlange, umständlich formulierte Schriftsätze und Dokumente, gespeichert in Glossers Computer, zeugen davon, wie ein Mensch in den Mühlen der Bürokratie zerrieben werden kann. Da kommen medizinische Gutachter zu Wort, da geht es um den Pflegebedarf, der minutengenau umrissen wird (257 pro Tag), um mögliche Notfallsituationen, um die Notwendigkeit mehrfachen Umlagerns in der Nacht oder darum, wie oft der Urinbeutel geleert werden muss. Zwischenzeitlich, im Jahr 2015, bekam der MS-Kranke sogar Recht vor einem Sozialgericht und fand einen ambulanten Dienst, der in Vorleistung ging und die Assistenz erbrachte. Glosser war glücklich.

Doch der Bezirk legte Berufung gegen das Urteil ein. Im Zuge des Verfahrens stellte das Ingolstädter Rechtsamt dann fest, dass für Glosser eine Heimunterbringung zumutbar sei - auch wegen seines Alters von damals 51 Jahren. Es sei zudem davon auszugehen, "dass durch die Heimunterbringung auch eine Mehrung der sozialen Kontakte eröffnet werden kann". Glosser empfindet diese Worte bis heute wie Hohn: "Als ich das lesen musste, war ich total verzweifelt. Jemandem wie mir die Hilfe wieder wegzunehmen - da bricht die Welt zusammen."

Und so hatte Winfried Glosser, nachdem er einige Zeit mit osteuropäischen Pflegekräften überbrückt hatte, keine andere Wahl, als im April 2017 in ein Neuburger Seniorenheim zu ziehen, wo er bis heute lebt. Er sagt: "Hier gehe ich vor die Hunde." Es sind die Abläufe, die ihm zu schaffen machen. Weil die Pflegekräfte mit ihm die meiste Arbeit haben, bekommt er erst um 12.30 Uhr sein Frühstück. Danach, um 13.30 Uhr, ist Toilettengang. "Bis ich angezogen bin, ist der ganze Tag weg. Es gibt auch niemanden, der mal mit mir nach draußen geht. Ich fühle mich wie auf dem Abstellgleis." Einmal in der Woche, immer freitags, steht Duschen auf dem Plan. "Aber das ist vorige Woche ausgefallen."

Winfried Glosser ist ein lebenshungriger Mensch. "Ich gehe schon manchmal fort in die Wirtschaft am Schrannenplatz, um ein Schnitzel zu essen." Aber er braucht immer jemanden, der ihm die Jacke auszieht, der ihm das Spezialbesteck und den überlangen Trinkhalm aus der Tasche holt und bereitlegt und das Fleisch für ihn zerteilt. Es kostet ihn einige Überwindung, die Bedienung oder Fremde um Hilfe zu bitten. Mit einer Assistenz wäre das alles kein Problem, da könnte er auch mal spontan ins Kino gehen oder einfach nur raus. "Wenn ich alleine unterwegs bin, kann es auch passieren, dass ich mit dem Rollstuhl stecken bleibe." Ab und zu schaut ein Freund vorbei: "Der hat mich mal in sein Auto gezerrt, und wir sind ins Altmühltal gefahren." Das sind seine Glücksmomente. Dabei zu sein, mittendrin, sei für ihn überhaupt das Beste - Teilhabe eben. "Eine Musikveranstaltung besuchen, sich unter die Leute mischen, die tanzen und singen - und die Freude zu spüren, die einen mitreißt."

Winfried Glosser singt in einem Gospelchor mit: Den Fahrdienst von Neuburg nach Ingolstadt für 190 Euro leistet er sich jede Woche. Der 54-Jährige hat geerbt und würde auch aus eigener Tasche für seine Assistenz zahlen. "Doch in Ingolstadt gibt es keinen Anbieter. Außerdem wäre mein Geld nach ein paar Monaten weg, und danach muss es ja einen nahtlosen Übergang geben."

Die Wohnung in Ingolstadt, die er extra für seine Bedürfnisse ausgebaut hat, hält er noch, klammert sich daran wie an einen Strohhalm. Freunde einladen, gemeinsam kochen, eine CD oder eine DVD einlegen - ohne eine Assistenz sind diese simplen Dinge, die so viel Lebensqualität ausmachen, unerreichbar. "Ich kann nicht einkaufen gehen, ich kann mir keine Mahlzeiten zubereiten, ich kann mir nicht einmal eine Flasche aufschrauben, wenn ich Durst habe", erklärt der 54-Jährige. "Für die Beine, die nicht mehr funktionieren, gibt es einen Rollstuhl. Für meine Hände gibt es nichts. Darum brauche ich ein paar Hände, rund um die Uhr. Ich will genau das - und keinen Kompromiss. Eine Assistenz ist das Einzige, was mir ein menschenwürdiges Leben ermöglicht."

Inzwischen hat der Ingolstädter Kontakt zu anderen Betroffenen aufgenommen. Sie hoffen, gemeinsam mehr zu erreichen. Mehr Teilhabe. Mehr Selbstbestimmung. Mehr Lebensqualität.

 

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