Augsburg: Ein Band der Wünsche und Sehnsüchte
Wimpel aus Jeansstoff: Miro Craemer, Hira Khan (rechts) und die am Projekt mitwirkende Museumspädagogin Barbara Kolb an der Nähmaschine. - Foto: Blum
Augsburg

Am 11. September 2012 brannte die Textilfabrik "Ali Enterprises" im pakistanischen Karachi. Bei dem verheerenden Unglück kamen 260 Menschen ums Leben. Der Betreiber der Firma lieferte Jeans für einen bekannten deutschen Markendiscounter. Die Sicherheitsbestimmungen wurden nicht eingehalten, die Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig. Während des Brandes wurden die Notausgänge blockiert, nur eine Fluchttür war geöffnet, da die Betreiber des Unternehmens fürchteten, die Arbeiter könnten die Jeanshosen stehlen. Daher war es auch die Priorität der Vorarbeiter, zunächst die Hosen zu retten und erst danach die Menschen. Die Ursache für das Unglück war Brandstiftung, die aus Regierungskreisen angeordnet wurde, da die Abgaben, also korrupte Schmiergelder, nicht gezahlt wurden.

Über eine Hilfsorganisation reiste der Münchner Modedesigner und Künstler Miro Craemer im vergangenen Jahr nach Karachi, um den Verlierern der Globalisierung, den Näherinnen und Nähern in den Textilfabriken, eine Stimme zu verleihen. Die Globalisierung sei für ihn ein komplexes Gebilde, das Konsum auf Kosten anderer bedeute, welches schwere soziale und ökologische Folgen habe. Die Ursache für solche tragischen Vorfälle läge für ihn in der Gier der Menschen, hinter welcher schließlich auch nur Wünsche und Bedürfnisse stecken. Fernab von unserer Realität sei das Leben der Menschen in den Textilfabriken in vielen asiatischen Ländern anders: Die pakistanische Stadt Karachi sei eine für die Textilindustrie sehr wichtige Stadt mit rund 24 Millionen Einwohnern. Der Durchschnittsverdienst eines Textilarbeiters liegt zwischen 25 und 49 Euro im Monat. Und dennoch seien die Menschen sehr froh um diese Arbeit, die ihre Existenz sichere. Es handelt sich hierbei um Tatsachen, die der europäische Verbraucher beim Kauf einer Jeans für 20 Euro nicht vor Augen hat, da es so weit weg ist.

"Machen wir es uns zu einfach", fragte sich Craemer und trat gemeinsam mit einer jungen pakistanischen Künstlerin, Hira Khan, an die hinterbliebenen Familienmitglieder heran, besuchte sie in ihren Häusern. Dafür musste er sich nach Baldia Town begeben, einem Stadtteil von Karachi, von dem er sich laut den Ämtern als Weißer lieber fernhalten sollte. Die Gastfreundschaft, die ihm dort entgegengebracht wurde, überwältigte ihn. Er teilte den Familienangehörigen mit, er könne ihnen keine direkte finanzielle Hilfe zukommen lassen, das Thema in Deutschland aber publik machen.

Aus den gewonnenen Eindrücken entwickelte sich seine Idee für die textile Installation mit dem Titel "Cord of desires", was auf Deutsch so viel bedeutet wie "Kabel der Sehnsüchte". An ein rotes Seil banden die Hinterbliebenen selbst gestaltete Wimpel, die ihre Wünsche und gleichzeitig auch ihre Trauer zum Ausdruck bringen, ähnlich wie bei tibetanischen Gebetsflaggen. Die Wimpel bestehen aus einem Rahmen aus Jeansstoff, der eine bunte Fläche aus Baumwollstoff für die persönliche Gestaltung freilässt. Gemeinsam mit Schülern, Studenten und anderen Künstlern aus Karachi wurden die rund 100 bunten Flaggen an sechs verschiedenen Orten im öffentlichen Raum von Karachi und einer weiteren pakistanischen Stadt Lahore ausgestellt, um so auf die Opfer der Tragödie aufmerksam zu machen.

Der Künstler wählte die ehemalige Textilstadt Augsburg nicht ohne Grund aus: "Ich möchte eine Verbindungslinie zwischen den beiden Städten schaffen, die symbolisch für die Verbindung zwischen westlicher Welt und den armen östlichen Ländern steht", sagt er. An diesem Wochenende finden im Stattlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg Workshops statt, bei denen die Besucher die Möglichkeit haben, an dem Kunstprojekt von Craemer teilzunehmen und einen eigenen Wimpel zu gestalten. "Der Jeansstoff, den wir in den Workshops verwenden werden, wurde im Augsburger Textilmuseum gewebt, der bunte Baumwollstoff ist aus Pakistan. So schaffen wir auch eine Verbindung zwischen Karachi und Augsburg", erklärt Karl Borromäus Murr, Direktor des Museums.

Am Mittwoch soll die fertige Cord mit den bunten Flaggen am Rathausplatz in Augsburg ausgestellt werden und an die Opfer der menschenunwürdigen Industrie erinnern. Die Workshops sind kostenfrei und für alle Altersgruppen geeignet. Anschließend wird die Augsburger "Cord of desires" im Textilmuseum vom 21. September bis 12. November ausgestellt.