Zwischen Heiligendamm und dem Sauerland
Ingolstadt (DK) Die Kluft zwischen der Bedeutung der Grundrechte und ihrer Wahrnehmung ist groß geworden: "Jeder von uns in Deutschland genießt das Privileg, von Geburt an mit Grundrechten ausgestattet zu sein – im Alltag aber ist das Thema sehr weit weg und sehr abstrakt", sagt der Verleger des DONAUKURIER, Georg Schäff. Deshalb sei es eine der zentralen Aufgaben der Lokaljournalisten, ihren Lesern die Grundrechte nahezubringen.

Preis für einen engagierten Journalisten: Jonas Mueller-Töwe (Mitte) nahm gestern Abend den Grundrechte-Preis für Lokaljournalismus entgegen. Den Preis überreichten der Unternehmer Kai von Schilling, Frank Sürmann von der Gesellschaft zur Wahrung der Grundrechte, der Verleger des DONAUKURIER, Georg Schäff, und der Leiter der Deutschen Journalistenschule, Ulrich Brenner (von links) - Foto: Webel
Anders als viele Journalistenkollegen hatte sich Mueller-Töwe in einem Protest-Camp eingerichtet: Dort erlebte er nächtliche Durchsuchungsaktionen der Polizei und Tiefflüge von Bundeswehr-Aufklärungsflugzeugen. Es dauerte Wochen, bis Mueller-Töwe die Ereignisse verarbeitet hatte. Anfangs wusste er nicht, wie er sich als Lokaljournalist der Angelegenheit annehmen sollte: Heiligendamm ist Hunderte von Kilometern vom heimatlichen Plettenberg entfernt.
Als jedoch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) in einem Spiegel-Interview sagte, die rote Linie bei der Einschränkung der Grundrechte sei das Grundgesetz, das aber könne man ändern, begann Mueller-Töwe seine Erlebnisse aus den Tagen von Heiligendamm aufzuarbeiten. Die Rechtsanwälte in der 28 000-Einwohner-Stadt Plettenberg konnten ihm zwar Auskunft zum Verkehrs- und Zivilrecht geben, "in das komplexe Gebiet der Grundrechte hat sich aber keiner eingearbeitet", sagt Mueller-Töwe. Am Ende fand er eine Ansprechpartnerin bei einem Anwaltsverein.
"Dabei stellte Mueller-Töwe die richtigen Fragen", befand die Jury, bestehend aus dem Spiegel-Journalisten Henryk M. Broder, dem Leiter der Deutschen Journalistenschule in München, Ulrich Brenner, und dem Freiburger Rechtsanwalt Michael Kleine-Cosack. Brenner verwies in seiner Laudatio darauf, dass Mueller-Töwe mit seiner klaren und einfachen Darstellung dafür gesorgt habe, dass sich der Leser ein Bild von den Gefahren eines übermächtigen Staates machen könne.
Und damit tat der junge Journalist genau das, was sich die 1949 gegründete Gesellschaft zur Wahrung der Grundrechte auf die Fahnen geschrieben hat: Sie will das Bewusstsein für die Grundrechte fördern und zieht auch mit Verfassungsbeschwerden nach Karlsruhe, "wenn es der Gesetzgeber wie so häufig mal wieder zu bunt treibt", wie Frank Sürmann, der stellvertretende Vorsitzende der GWG, bei der Preisverleihung sagte.
Das es im Kampf um die Grundrechte auch ungewöhnlich Mittel gibt, bestätigte der Chefredakteur des DONAUKURIER. Michael Schmatloch erinnerte an die schwarze Titelseite, mit der die Zeitung im vergangenen November gegen die Verabschiedung der Vorratsdatenspeicherung durch den Bundestag protestiert hatte. "Wir wussten nicht, was herauskommt", sagte Schmatloch. Um so überraschender sei es gewesen, das am Ende 99,9 Prozent der Reaktionen positiv gewesen seien. "Und unser wichtigstes Ziel haben wir erreicht und unsere Leser für das Thema interessiert."
Den Preis hat – wie im Vorjahr, als er zum ersten Mal verliehen wurde – der Künstler Heinrich Weid gestaltet. Der Professor für Darstellen und Gestalten an der Wuppertaler Universität hat bewusst auf eine Skulptur verzichtet ("um keine elitären Signale auszusenden") und eine Vase mit Abdrucken von Spielzeugfiguren geschaffen. Dabei habe er an die Vasen im Park von Bomarzo in Italien gedacht, in denen angeblich die Weisheit der Welt aufbewahrt wird. "Vielleicht kann diese Vase sinnbildlich dazu dienen, die Grundrechte zu bewahren", so Weids Botschaft.
Für Mueller-Töwe war die Auseinandersetzung mit den Grundrechten nicht nur der Grundstein für die Themenseiten in seiner Heimatzeitung, sie sind ein Anstoß, der ihn bewegte, über das Süderländer Tagblatt hinauszuschauen: Seit einigen Tagen studiert der 25-Jährige in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften.
Von Christian Fahn
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