Rupp-Prozess: Vergewaltigung der Tochter als Tatmotiv?
Ingolstadt (hl) Hat der wahrscheinlich ermordete Neuburger Landwirt Rudolf Rupp irgendwann in den Vorjahren seine jüngere Tochter missbraucht? Und wurde er auch deshalb von seinen Angehörigen umgebracht? Diese Fragen stehen nach der Aussage eines früheren Freundes des Mädchens bei der gestrigen Fortsetzung des Mordprozesses vor dem Ingolstädter Landgericht im Raum.
Der aus dem Allgäu stammende junge Mann wohnte nach Verhaftung der Familienmitglieder im Januar 2004 noch zwei Wochen alleine in dem Anwesen und fand bei einer Hausdurchsuchung auf eigene Faust zwei Autoschlüssel des ebenfalls verschwundenen Wagens von Rudolf Rupp. Einer war im Küchenschrank, der andere in einem Nachttisch der älteren Tochter und ihres Quasi-Verlobten versteckt gewesen. Einer der Schlüssel hatte Gebrauchsspuren aufgewiesen, so dass es sich nicht um einen Reserveschlüssel gehandelt haben kann.
Das Auto war der ganze Stolz
Nach dem Mercedes des Vermissten ist von der Polizei ebenso intensiv und ergebnislos gefandet worden wie nach dem Landwirt selbst. Dessen Frau hatte Nachbarn und Bekannten wiederholt erzählt, seinerzeit im Ort weilende Polen hätten sich für das Auto interessiert. Dafür, dass Rupp seinen Wagen verkauft haben könnte, gibt es aber keine Anhaltspunkte. Im Gegenteil: Sein Mercedes sei sein ganzer Stolz gewesen, sagten Zeugen im Prozess aus.
Aufschlussreich für Gericht und Beobachter war gestern auch die Aussage der Schwester des mutmaßlichen Opfers. Die Frau wohnt mit ihrem Mann ebenfalls in der Nähe des Rupp-Anwesens und hatte ihren Bruder entweder am Tag seines Verschwindens oder tags zuvor zuletzt gesehen, als er in Latzhose und Unterhemd auf dem Weg zu einem Nachbarn gewesen war. Sie schilderte ihn als "gutmütigen Kerl", der allerdings bei Alkoholgenuss schnell laut und ungemütlich geworden sei. Für seine Töchter habe er früher "alles getan." Die Schwester hatte sich nach eigener Aussage viele Jahre an jedem Abend um die nach einem Schlaganfall pflegebedürftige Mutter gekümmert, die bis zu ihrem Tod 1997 im Hause der Rupps gelebt hatte. Die Rupps hätten zwar das Pflegegeld kassiert, die Schwiegertochter hätte sich aber nicht sonderlich um die alte Frau bemüht, so die Schilderung der Schwägerin. Als die Mutter gestorben war, sei es mit der Ordnung und Sauberkeit im Hause des Bruders rapide bergab gegangen.
Wegen der sozialen Schieflage bei der Landwirtsfamilie mied die Frau nach dem Tod der Mutter zunehmend den Kontakt zu den Verwandten. Dennoch war sie wenige Tage nach Verschwinden des Landwirts von dessen Ehefrau angesprochen worden: "Hast du Erbansprüche?", soll sie zum Erstaunen der Schwägerin gefragt haben.
Die Jugendkammer hörte gestern noch den Hausarzt von Rudolf Rupp, bei dem der Vermisste zuletzt im Juli 2001 in der Sprechstunde gewesen war. Der Mediziner sagte aus, dass Rupp zuckerkrank und auf Medikamente angewiesen gewesen sei. Der Patient sei darauf hingewiesen worden, dass er angesichts seiner Trinkfreudigkeit eine nur eingeschränkte Lebenserwartung habe, zumal ihm bereits durch die Diabetes bedingt eine Zehe amputiert worden war. Andererseits seien die Leberwerte des Mannes in Ordnung gewesen, was nicht für einen exzessiven Alkoholmissbrauch des Landwirts gesprochen habe. – Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.
Bernd Heimerl
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