Mittwoch, 30.05.2012 |

 

25.02.2009 20:58 Uhr | 123x gelesen
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Streit um zwei alte Bücher


Eichstätt (DK) Mehr als ein Jahr nach der Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft hat das Landgericht Ingolstadt jetzt das Hauptverfahren wegen Untreue gegen die Leiterin der Universitätsbibliothek Eichstätt, Angelika Reich, eröffnet. Allerdings nur in einem Fall.


Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt hatte der Bibliothekschefin Untreue in fünf Fällen vorgeworfen. Wie ausführlich berichtet, soll die Eichstätter Bibliotheksleiterin Angelika Reich containerweise Bücher aus dem Bestand der Bibliothek der Vernichtung über die Altpapierverwertung preisgegeben haben.

Die Werke hatten die bayerischen Kapuziner der Universitätsbibliothek überlassen, nachdem immer mehr Niederlassungen aufgegeben werden mussten und sich der Orden nicht mehr in der Lage gesehen hatte, den Bestand zu verwalten. Darunter sollen auch Werke mit Erscheinungsdatum vor 1802 gewesen sein. Die allerdings gehören dem Überlassungsvertrag zwischen Universität und Orden zufolge nach wie vor dem Freistaat Bayern.

In dem Fall, den das Landgericht Ingolstadt nun an das Schöffengericht beim Amtsgericht verwiesen hat, handelt es sich laut Vizepräsident Paul Weingartner um zwei Bücher mit Erscheinungsjahr vor 1802, die Angelika Reich nach Besichtigung zur Vernichtung freigegeben haben soll. Dass die Werke dennoch nicht in den Altpapiercontainer wanderten, sondern in den Bestand der Handschriftensammlung eingestellt wurden, ist Mitarbeitern der Unibibliothek zu verdanken.

Beschwerde möglich

Bei den weiteren vier Fällen – die Staatsanwaltschaft hatte in ihrer Anklageschrift von insgesamt 14 veruntreuten Büchern gesprochen – sah das Gericht von der Eröffnung des Hauptverfahrens ab, weil diese wenig Aussicht auf eine Verurteilung hätten, so Weingartner.

Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt prüft nun, ob sie die Rechtsauffassung der Kammer des Landgerichts teilt, oder innerhalb einer Woche Beschwerde beim Oberlandesgericht München einlegen soll, wie Staatsanwalt Wolfram Herrle erklärte.

Die Eichstätter Unibibliothek unter der Leitung von Angelika Reich war vor mehr als zwei Jahren ins Gerede gekommen, nachdem der Mäzen und Ehrendoktor der Universität, Professor Hans Schneider, die Verscherbelung einer der Bibliothek überlassenen Schallplattensammlung seines Schwiegervaters Hinrich Sievers angeprangert hatte. Daraufhin weiteten sich die Vorwürfe gegen die Bibliothekschefin aus. Unter ihrer Regie sollen etwa 80 Tonnen Bücher in 17 Containern in die Altpapierverwertung gekommen sein. Die Werke stammten aus der Bibliothek der bayerischen Kapuziner. Darunter waren auch Bestände, die vor dem Jahr 1802 erschienen und somit noch im Eigentum des Freistaats Bayern waren.

"Nicht alles in Ordnung"

Nachdem die Leitung der Universität zunächst von gegenstandslosen Vorwürfen gesprochen hatte, wurde der Bibliothekschefin schließlich die weitere Bearbeitung der Kapuzinerbestände untersagt.

Außerdem führte die Leitung der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zusammen mit der Bayerischen Staatsbibliothek eine interne Untersuchung durch. Das Ergebnis: Es sei zwar bei der Beseitigung von 80 Tonnen Bücher in 17 Containern "nicht alles in Ordnung" gewesen, aber von einer Massenvernichtung wertvoller Bestände könne – "von Ausnahmen abgesehen" – keine Rede sein. Auch Werke, die vor dem Jahr 1802 erschienen waren, seien nicht betroffen, teilten der damalige Kanzler Gottfried Freiherr von der Heydte und der frühere Präsident, Ruprecht Wimmer, mit.

Dieses uniinterne Gutachten wurde in Fachkreisen als "Apologie" oder "Persilschein" bezeichnet. Das Ergebnis sei von vorne herein zwischen Kirche, Unibibliothek und der bayerischen Bibliotheksverwaltung abgesprochen gewesen, hieß es.

Seinen "Gesamteindruck" beschrieb ein langjähriger Hauptabteilungsleiter der Staatsbibliothek sarkastisch so: "Die Zentralbibliothek der Kapuziner ist ein Konglomerat von Schimmel und Vogelschiss, für dessen Beseitigung Frau Reich ein Umweltpreis gebührt."


Von Hermann Redl

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