Fersenpolsterung ist für bettlägerige Patienten wichtig. Trotz Polsterung und regelmäßigem Cremen gibt es ab und zu offene Stellen.
Bei einigen müssen nur der Blutzucker gemessen und Insulin gespritzt werden, andere sind bettlägerig, müssen gewaschen, eingecremt und gewickelt werden. Schwester Anne kommt zu diesen Patienten mehrmals am Tag, um die Angehörigen, die solche schwer pflegebedürftigen Menschen die restliche Zeit versorgen, zu entlasten. Am Ende der Frühschicht, gegen 14 Uhr, zeigt der Tacho auf dem kleinen, giftgrünen Auto des ambulanten Pflegedienstes, für den die gelernte Krankenschwester arbeitet, eine Fahrtstrecke von 75 Kilometern an. Nach drei Stunden Pause, in der an diesem Tag auch noch eine Dienstbesprechung ansteht, beginnt die Spätschicht. Dann heißt es noch einmal vier Stunden lang: Waschen, Verbandswechsel, Medikamentenabgabe und – soweit es die Zeit erlaubt – ein paar tröstende Worte.

Anne Janata ist zehn Tage am Stück im Dienst. Ihr Arbeitstag hat in der Regel elf Stunden. Dann hat sie fünf, manchmal sechs Tage frei. Es ist ein Knochenjob, der manchmal an die Substanz geht. Der Lohn dafür ist alles andere als üppig. Ihr Anfangsgehalt vor zwei Jahren lag bei 1250 Euro netto. In einem Krankenhaus oder Altenheim würde sie mehr verdienen, erzählt die Schwester. Dennoch arbeitet sie viel lieber beim ambulanten Pflegedienst. "Die Arbeit hier macht einfach mehr Spaß."

Es ist Mittwoch, 6.50 Uhr, Tag des Fußball-Halbfinalspieles Deutschland-Türkei: Schwester Anne trinkt auf dem Betriebsgelände des ambulanten Pflegedienstes im Gaimersheimer Gewerbegebiet noch schnell einen Kaffee. Gegen 7 Uhr wird sie in einem Wohnblock im Norden Ingolstadts erwartet. Bevor sie aus dem Auto steigt, notiert sie die Zeit: "Patient xy: 7.09 – 7.21 Uhr" wird, wenn sie zurückkommt, in ihrem Terminkalender festgehalten. Die Krankenkasse bezahlt davon nur drei bis vier Minuten. So lange darf die Schwester für das Anziehen von Kompressionsstrümpfen gegen Thrombose, für das der Pflegedienst gebucht wurde, brauchen. Die restlichen acht Minuten, sagt sie, "zahlt der Chef".

Die Zeit ist nötig, weil – wie so oft – noch etwas anderes anliegt. "Wir hatten heute eine schlechte Nacht", empfängt die Ehefrau (84) des fast 96-jährigen Patienten Schwester Anne. "Um Viertelfünf hatte er einen Asthmaanfall." Asthmatiker ist der Mann nicht: "Es könnte sein, dass das an den Tabletten liegt", mutmaßt die Schwester und mahnt, schnellstens einen Termin beim Hausarzt zu vereinbaren.

Nächste Station ist Lenting: Seit zwei Jahren wird der alte Mann vom Pflegedienst versorgt. Jetzt will es die Frau selbst probieren. Schwester Anne kommt an diesem Tag zum letzten Mal. Zum Abschied hat sie Blumen mitgebracht. 20 Minuten darf laut Krankenkasse eine Teilwaschung dauern. Diesmal wird der Zeitplan eingehalten.

Warten auf die Schwester

Für eine "Medikamentenabgabe" darf die Schwester gerade mal zwei Minuten benötigen. "Da müsste ich reingehen, die Tabletten geben und sofort wieder gehen", sagt sie. Was in der Praxis nicht funktioniert. Etwa bei der freundlichen alten Dame, die allein lebt, jedoch, weil sie mittlerweile vergesslich geworden ist, jemanden braucht, der ihr die Tabletten gibt. Die 72-Jährige wartet jeden Morgen sehnsüchtig auf den Besuch der Schwester. Auf dem Esstisch liegt aufgeschlagen der DONAUKURIER. "Ich hab’ die Zeitung schon gelesen", erzählt sie stolz. Weil an diesem Morgen die Redakteurin dabei ist, hat sich die alte Dame richtig in Schale geworfen. "Wollen Sie meine Wohnung sehen", fragt sie erwartungsvoll. Das geht leider nicht. Die zwei Minuten sind ohnehin schon längst überschritten.

Etwas Ansprache brauchen alte Menschen auch. Die Kassen, die die von Gesundheits-Fachleuten ausgehandelten Kriterien umsetzen müssen, interessiert das wenig. Was zählt, ist allein die Zeit. Viele Leistungen werden überhaupt nicht bezahlt. Eine 63-Jährige beispielsweise, die ihren 82-jährigen Vater rund um die Uhr pflegt, kann davon ein Lied singen. Sie müsste den Verband um die Magensonde, die ihren Vater mit Flüssigkeit versorgt, allein wechseln. Das traut sie sich nicht. Schwester Anne übernimmt. Der Pflegedienst bekommt für diese Leistung kein Geld.

Ein älterer Mann, der mit zwei Sittichen in einem Wohnblock in Oberhaunstadt lebt, hat seit zehn Jahren Zucker. Einmal, als die Schwester geklingelt hat, hat er nicht geöffnet. Anne Janata handelte schnell: Die Polizei öffnete die Wohnung, der Rettungsdienst und Schwester Anne fanden den Mann bewusstlos vor – er lag im Zuckerkoma. Der Mann wurde gerettet. Seitdem hat Schwester Anne einen Schlüssel zur Wohnung. Ironie am Rande: Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für das Spritzen durch den Pflegedienst nicht. "Ich darf die Spritze nur aufziehen." Geben muss sie sich der Patient selbst.

Bei einem der nächsten Einsätze, in einer Umlandgemeinde, erwartet die Schwester ein völlig verdrecktes Haus. In einem schmuddeligen Zimmer liegt die Patientin – eine 73-Jährige, die mit ihrer Tochter und deren Freund in dem Haus lebt. Alle drei haben einen Betreuer. Dass einmal die Woche der Haushaltsservice des Pflegedienstes kommt, ist der Wohnung nicht anzusehen. "Wir haben sogar zwei Leute draußen, um zumindest das Bad und den Zugang zum Bett einigermaßen freizuhalten. Wenn die entrümpeln, schaut es kurz danach wieder aus", sagt der Chef des Pflegedienstes, Christian Ponzer. Obwohl Gesundheitsamt, Krankenkasse und der Medizinische Dienst von den Verhältnissen wissen, gibt es keine rechtliche Handhabe. Solange es Wille der 73-Jährigen ist, hier zu bleiben, habe man keine Chance.

Die Frau ist zuckerkrank. Schwester Anne wäscht sie am ganzen Körper. Dann misst sie den Blutzucker und gibt ihr eine Insulin-Spritze. Das Mittagessen, das die Frau über den "Schlemmerservice" des Pflegedienstes bezieht, hat sie gleich mitgebracht. "Sonst müssten zwei Leute hier rausfahren."

Nächster Einsatzort Wettstetten: Ernst Fieger und seine Frau warten schon. Der 85-Jährige war Bäcker mit Leib und Seele. Mit seligem Gesichtsausdruck erzählt er von Semmeln, Spitzeln und Brezen. Die hat er am liebsten gebacken. Weil er sich nie von seiner Backstube trennen konnte, hat Fieger sein Krankenbett im ehemaligen Verkaufsraum. "Ohne Pflegedienst würde ich vom Bett gar nicht rauskommen", sagt er. Viermal am Tag kommt die Schwester. "Sonst müsste ich ins Heim."

Notrufservice

Ohne ambulanten Pflegedienst wären viele von Schwester Annes Patienten längst im Pflegeheim. Die regelmäßige Unterstützung durch den Pflegedienst erlaubt ihnen, solange es geht in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben. Für viele alte Menschen ist das der größte Wunsch. Der Pflegedienst bietet auch einen Notrufservise an. Nächtliche Notrufe gehen direkt an Christian Ponzer. Der fährt selbst raus und schaut nach dem Rechten "In den meisten Fällen ist jemand hingefallen und kommt allein nicht mehr hoch", weiß die Schwester.

Für eine 81-Jährige, die im Rollstuhl sitzt, ist der Sender um den Hals eine Art Lebensversicherung. "Sonst könnte ich nicht mehr allein in meinem Haus sein", sagt sie, nachdem sie von Schwester Anne nach dem Zuckermessen eine Insulinspritze in den Bauch bekommt. "Meine Anni, die ist einmalig", schwärmt die alte Dame. "Sie ist immer freundlich und nett. Nur schade, dass sie nicht soviel Zeit hat." Schwester Anne streichelt ihr zärtlich über den Arm. Dann muss sie weiter. Der nächste Patient wartet schon.