Mittwoch, 30.05.2012 |

 

26.04.2005 08:56 Uhr | 2170x gelesen
Drucken Text vergrößern

Schaufelte sich der Landwirt Rudolf Rupp das eigene Grab?


Ingolstadt (DK) Ein Alkoholtest im Gerichtssaal, die drohende Festnahme eines Zeugen, der zeitweise Ausschluss des Publikums und ein mögliches neues Motiv – im Mordprozess Rupp am Landgericht Ingolstadt war gestern einiges geboten.


Die 1. Jugendkammer hörte in einer fast zwölfstündigen Sitzung mehrere Gutachten, die den vier Angeklagten zum einen unterdurchschnittliche Intelligenz und Debilität bescheinigten, andererseits keine Zweifel an ihrer Schuldbeziehungsweise Steuerungsfähigkeit ließen. Und sie bekam mit den Untersuchungsberichten des Leitenden Landgerichtsarztes Hubert Haderthauer ein mögliches neues Motiv serviert.
 
Selbst Tatbeitrag geliefert?
 
Demnach soll der Landwirt Rudolf Rupp aus Neuburg-Heinrichsheim seine beiden Töchter über Jahre hinweg massiv sexuell missbraucht haben, die ältere selbst dann noch, als ihr Verlobter Matthias E. bereits auf dem Hof lebte. „Vielleicht hat der Vater selbst einen ganz wesentlichen Tatbeitrag geliefert“, sagte Haderthauer, dessen Ausführungen bis in den Abend hinein dauerten. Seine Erkenntnisse zieht der Mediziner aus Gesprächen, die er mit allen vier Familienmitgliedern geführt hat. Wie berichtet, werden der 21-jährige Matthias E., die Ehefrau Hermine Rupp sowie deren Töchter bezichtigt, den Bauern im Oktober 2001 umgebracht, zerstückelt und die Leiche an die Hunde im Anwesen verfüttert zu haben.
 
Der Verdacht, dass bei den Rupps inzestuöse Verhältnisse herrschten, war einer Jugendpsychologin am Neuburger Krankenhaus schon im Sommer 2000 gekommen, als sie das ältere Mädchen begutachtete. Die damals 15-Jährige war wegen ihres gestörten Sozialverhaltens aufgefallen, das Jugendamt hatte eine Unterbringung in einem geschlossenen Heim beantragt. Die Ärztin hatte bei ihrer Untersuchung bemerkt, dass „die Mutter die Schülerin nicht mehr im Griff hatte, der Vater ihr aber alles durchgehen ließ“. Spekulativ habe sie eine sexuelle Beziehung zwischen Vater und Tochter in Erwägung gezogen, diese Vermutung aber nicht weiter verfolgt.
 
 
Seine Aussagen rückten den Vermisstenfall Rupp gestern in ein völlig neues Licht: Landgerichtsarzt Hubert Haderthauer. (Foto: Richter)
 
Aktenkundig wurden die möglichen Übergriffe des verschwundenen Bauern erst, als der Leitende Landgerichtsarzt die beiden Mädchen voriges Jahr im Rahmen des Ermittlungsverfahrens untersuchte. Die ältere Tochter soll demnach ihren Vater seit ihrem zwölften Lebensjahr ein bis zwei mal pro Woche „bedient“ haben, wie Hubert Haderthauer sagte, und auch die jüngere habe dem Mann wiederholt zu Willen sein müssen. „Alles erstunken und erlogen“, kommentierte Hermine Rupp gestern diese Ausführungen und wollte nichts davon wissen.
 
Die Kinder des Landwirts, aber auch Matthias E. hatten dem Gerichtsarzt im Wesentlichen deckungsgleiche Schilderungen des Tatablaufs gegeben. Auf die Frage, warum er denn nach so langer Zeit ein Geständnis ablege, antwortete ihm der Verlobte der 20-Jährigen: „Es hat ’raus müssen, damit ich frei bin. Selbst jetzt in der Zelle sehe ich diese Bilder noch vor mir.“ Am schlimmsten sei ihm die Erinnerung, wie er dem toten Rupp den Kopf abgetrennt habe. Zur Tatzeit habe er 10 bis 15 Halbe Bier intus gehabt, sein normales Quantum in damaligen Tagen. Dennoch habe er sich nicht betrunken gefühlt.
 
Zwei Wochen vorher geplant
 
Der Maurer E. war nicht nur mit der einen Rupp-Tochter verlobt, sondern hatte zudem eine sexuelles Verhältnis mit der jüngeren. „Damit ist er in das Revier des Vaters eingedrungen, der ebenfalls intime Beziehungen zu beiden Mädchen unterhielt“, erläuterte Haderthauer. Wohl deshalb habe der Landwirt den Nebenbuhler vom Hof jagen wollen. Den Plan, den 52-Jährigen zu töten, hatte E. bereits zwei Wochen vor dem Mord gefasst, wie er dem Mediziner erzählte. Vier Tage davor besprach er ihn noch einmal mit dem Rest der Familie. Hermine Rupp sei sofort einverstanden gewesen, die Töchter hätten erst überredet werden müssen. Die Tatsache, dass die Kinder mitspielten, lässt sich laut Haderthauer ebenfalls erklären. „Nach vielen Jahren des Missbrauchs haben sie diese Lösung akzeptiert, allerdings in ihrer Tragweite auch begriffen.“ Wenn die große Tochter ebenfalls mit dem Hammer auf den bereits leblos am Boden liegenden Rupp eingedroschen habe, so könne dies ein Abreagieren und eine Art Befreiungsschlag gewesen sein, erläuterte er die psychologische Sicht.
 
Die Familie sei an der Bluttat zerbrochen, berichteten die Töchter weiter. Matthias E. habe noch exzessiver getrunken und sei im Rausch immer wieder gewalttätig geworden, das jüngere Mädchen habe mitunter Vergessen im Drogenrausch gesucht, und man habe zunehmend nebeneinander hergelebt. Der Mord sei ein Tabuthema gewesen und totgeschwiegen worden, bis vergangenes Jahr plötzlich die Polizei im Haus stand.
 
Schwierig gestaltete sich gestern die Vernehmung des Mitarbeiters eines Schrotthändlers, in dessen Betrieb im Donaumoos laut Anklage der Mercedes des verschwundenen Bauern nach dem Verbrechen entsorgt worden war. Der 37-Jährige hatte das bei einer polizeilichen Anhörung zunächst bestätigt, wollte von dieser Aussage vor Gericht aber nichts mehr wissen. „Ich bin unter Entzug gestanden und hab irgendwas erzählt“, erklärte der alkoholkranke Mann. Die Angst, seinen Chef zu belasten, war ihm förmlich anzusehen, denn dem Schrotthändler fühlt er sich verbunden: „Er ist der einzige Mensch, der mir geholfen hat“, sagte er und berichtete, wie der Mann ihm nach einem Gefängnisaufenthalt aufgenommen und ihm einen Arbeitsplatz angeboten hatte. Erst als Vorsitzender Georg Sitka und Oberstaatsanwalt Christian Veh mit der Festnahme wegen Falschaussage drohten, räumte der 37-Jährige ein, dass in der fraglichen Nacht tatsächlich ein Mercedes im Schrotthandel seines Chefs beseitigt worden war. Die Freundin des Zeugen bestätigte zudem, dass der Arbeitgeber sie beide angehalten hatte, falsch auszusagen. Der Verdacht, dass der 37-Jährige betrunken vor Gericht erschienen war, bestätigte sich indes nicht. Ein im Saal durchgeführter Alcomattest ergab 0,0 Promille – und das, obwohl der Mann drei Halbe „gefrühstückt“ hatte, wie seine Lebensgefährtin sagte. 
 
Der Prozess geht morgen weiter.

Von unserem Redakteur Horst Richter

Artikel weiterempfehlen  Empfehlen Artikel verlinken  Artikel verlinken

Wenn Sie diesen Artikel von donaukurier.de verlinken möchten, können Sie einfach folgenden HTML-Code verwenden:

 

Drucken  Drucken  Leserbrief schreiben   Leserbrief Kommentare lesen/schreiben  Kommentieren

Kommentare

Symbol = Kommentar melden= Kommentar melden
Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. mehr
Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert.

 

Um Artikel kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Jetzt kostenlos Community-Mitglied werden und mitmachen!

Benutzername  
Passwort      
Noch keinen Zugang?
Jetzt kostenlos registrieren!
Anmeldung über Cookie merken