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11.01.2009 21:13 Uhr | x gelesen
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Prominente Jüdin ergreift Partei für die Palästinenser


Bild: Prominente Jüdin ergreift Partei für die Palästinenser .  Pfaffenhofen (DK) Selten hat der Nahost-Konflikt so viele Menschen emotional bewegt. Sie gehen in ganz Deutschland und Europa auf die Straße in Solidarität mit den Menschen im Gazastreifen. Eine schizophrene Haltung ist bei der Analyse des Konfliktes in Deutschland zu erleben: Der Zentralrat der Juden in Deutschland erklärt, die Hamas habe den Konflikt \

Pfaffenhofen (DK) Selten hat der Nahost-Konflikt so viele Menschen emotional bewegt. Sie gehen in ganz Deutschland und Europa auf die Straße in Solidarität mit den Menschen im Gazastreifen. Eine schizophrene Haltung ist bei der Analyse des Konfliktes in Deutschland zu erleben: Der Zentralrat der Juden in Deutschland erklärt, die Hamas habe den Konflikt "durch Raketenterror" ausgelöst, nachzulesen in einer am Samstag deutschlandweit geschalteten Anzeige. Dagegen stehen die zahlreichen Solidaritätskundgebungen für die Palästinenser. Eine ihrer exponierten Fürsprecherinnen ist die deutsche Jüdin Evelyn Hecht-Galinski. Die Tochter des früheren Zentralratspräsidenten Heinz Galinski stellt sich in diesen Tagen landauf, landab hin und verkündet in Anlehnung an das Kennedy-Zitat (Ich bin ein Berliner): "Ich bin eine Palästinenserin."


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Kritischer Geist: Evelyn Hecht-Galinski bei ihrem Auftritt in Pfaffenhofen. - Foto: Ingenthron
Sie tut dies mit all der ihr zur Verfügung stehenden moralischen Autorität. "Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen." Das Lebensmotto ihres Vaters sei auch für sie als Berliner Jüdin bindend, sagt Hecht-Galinski. Und die Menschen hören ihr zu. Über 100 Besucher waren es am Samstagabend im Rathaussaal in Pfaffenhofen.

Die Palästinenser seien es, "die unter einem unvorstellbaren Staatsterror, der von Israel ausgeht" litten. Israel als eine der größten Militärkräfte der Welt, eine Nuklearmacht, behaupte dagegen in Selbstverteidigung handeln zu müssen. Für Hecht-Galinski ist die von den israelischen Militärs so getaufte "Operation gegossenes Blei" eine "Operation vergossenes Blut", ein "mörderischer Angriffskrieg auf dicht besiedeltes Gebiet". Im Gazastreifen, einer Fläche so groß wie Bremen, siedeln 1,5 Millionen Menschen, Kinder und Jugendliche in der Überzahl.

Ursache des Krieges sei die von Israel verhängte Blockade: Kein Wasser, keine Medikamente, keine Strom, kein Treibstoff und keine Lebensmittel erreichten die Region. Die Folge seien die Kassam-Raketen der Hamas und nicht umgekehrt. Eine Lösung des Nahost-Konfliktes sieht Hecht-Galinski in weite Ferne gerückt. Er wenn Israel seine Siedlungspolitik, die unrechtmäßige Besatzung und die Freiheitsbeschränkungen der Flüchtlinge aufgeben und die Grenzen von 1967 – also vor der Besetzung des Gazastreifens, der Golanhöhen und des Westjordanlandes – anerkenne, könne Frieden gefunden werden. Diese Chance sei nach dem "Massaker" für lange Zeit vertan.

Jüngst verglich der Menschenrechtsbeauftragte des Vatikans, Kardinal Renato Martino, den Gazastreifen mit einem Konzentrationslager. "Zutiefst beschämt" zeigt sich Galinski über das Verhalten der Politiker, Gewerkschaften und Intellektuellen in diesem Land, die zu solchem Unrecht schwiegen. Die Hamas sei mehrheitlich demokratisch gewählt, werde aber als islamistisch verunglimpft. Sogar die deutsche Bundesregierung, respektive Bundeskanzlerin Angela Merkel, übernehme Erklärungen der israelischen Regierung, wenn sie behaupte, die Hamas habe die Waffenruhe gebrochen. So wie die Mehrzahl deutscher Medien von "radikal-islamischer Hamas" spreche und damit blind die Position Israels wiedergebe. Deutsche Schuldgefühle lässt Hecht-Galinski nicht gelten: "Wenn Israel Menschenrechtsverletzungen begeht, hat das nichts mit dem Holocaust zu tun."

Hecht-Galinski sprach in diesem Zusammenhang sogar von "Gehirnwäsche". Aus Angst, als antisemitisch gebrandmarkt zu werden, ignoriere der Westen das Leid der Palästinenser. Übermächtig sei aber auch die "jüdisch-israelische Lobby mit ihren Netzwerken". Das Blatt zu wenden, traut sie selbst dem neuen US-Präsidenten Barack Obama nicht zu. Zu tief seien die staatspolitischen Verstrickungen, zu groß die geopolitischen Interessen der Länder an einem starken Israel. Nach dem kühnen Waffengang gegen Gaza dürfte an der Stärke Israels niemand mehr zweifeln.

Henryk M. Broder, jüdischer Publizist und wortgewaltiger Kämpfer für die Sache Israels, sagte über die jüdische Vorkämpferin für die Rechte der Palästinenser, Hecht-Galinskis "Spezialität" seien "antisemitische und antizionistische Aussagen". Zuvor hatte sie die israelische Behandlung der Palästinenser mit der nationalsozialistischen Judenpolitik verglichen. Doch solche Verunglimpfungen fechten die unabhängige Jüdin nicht wirklich an. Als ein Zuhörer den "Mut" ihres Vortrags lobt, sagt sie: "Ich bin nicht mutig. Wir leben in einer Demokratie. Da darf man die Wahrheit sagen."


Von Gabriele Ingenthron

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