Mysteriöse Szenen im Dorf-Idyll
Thanham (DK) Michael Gwisdek legt sich vorsichtig neben das alte Fahrrad auf den Boden. Er spielt heute einen Pfarrer, der auf der Straße zusammenbricht. Maschinen blasen kräftig unheimlichen Nebel in den ohnehin schon wolkenverhangenen Mittag hinein, der Rasen ist mit weißem Kunstschnee besprüht.
Rätselhafter Mordfall
Hier im verschlafenen niederbayerischen 100-Einwohner-Dorf Thanham im Kreis Passau werden auf dem Leitl-Hof gerade Außenaufnahmen für den Kinofilm "Kaifeck Murder" gedreht. Hinter dem englischen Titel, der wohl mehr Zuschauer ins Kino locken soll, verbirgt sich die Verfilmung einer der rätselhaftesten Mordfälle der deutschen Kriminalgeschichte: Im März 1922 entdeckt der 63-jährige Austragsbauer Andreas Gruber, dem eine Liebesaffäre mit seiner Tochter nachgesagt wird, auf seinem Einödhof Hinterkaifeck nahe Schrobenhausen Spuren im Schnee, die auf sein Anwesen zugehen – aber nicht wieder weg. In der Nacht zum 1. April werden der gesamten Bauernfamilie und der Magd mit einer Kreuzhacke die Schädel eingeschlagen. Vier Tage lang bleiben die Leichen unentdeckt. Ein Unbekannter versorgt in dieser Zeit das Vieh. Nach Entdeckung des Mordes werden den sechs Leichen zu Ermittlungszwecken die Köpfe abgetrennt, die man zu einer Wahrsagerin schickt. Der Täter kann jedoch nie überführt werden.
Dreharbeiten Kaifeck Murder
"Kaifeck Murder" thematisiert zwar den historischen Sechsfachmord. Der Mystery-Thriller arbeitet aber auch Traumsequenzen sowie germanische Mythen mit ein und bettet alles in eine ganz neue Geschichte: Den Fotografen Marc (Benno Fürmann) verschlägt es mit seinem Sohn Tyll (Henry Stange) in den bayerischen Ort Kaifeck. Ihre Pensionswirtin Juliana (Alexandra Maria Lara) erzählt ihnen von dem früheren Blutbad. Marc spürt daraufhin eine mysteriöse Verbindung zu den Geschehnissen von damals. Es passieren seltsame Dinge, und sein Leben sowie das seines Sohnes geraten in Gefahr.
"Wer einen Dokumentarfilm über Hinterkaifeck erwartet, wird enttäuscht sein", prophezeit Peter Leuschner, der heute auch zum Set gekommen ist. Der Buchautor aus Hofstetten (Landkreis Eichstätt) ist nicht ganz unbeteiligt am Film, denn das Drehbuch basiert auf seinen Recherchen. Bereits 1998 verkaufte Leuschner die Rechte an seinen Sachbüchern über Hinterkaifeck der Münchner Filmproduzentin Monika Raebel, die später die Produktionsfirma 24 Frames gründete. Die Umsetzung des Projekts ließ knapp zehn Jahre lang auf sich warten. Erst in diesem Jahr konnte mit dem Dreh begonnen werden, am 8. Januar 2008 ist voraussichtlich Kinostart. Ein Wettlauf gegen die Zeit, denn 24 Frames hat nur einige Monate Vorsprung vor der Produktionsfirma Wüste Film West, die zusammen mit Constantin Film unter Hochdruck an der Verfilmung von "Tannöd" arbeitet. "Es wird sich aber herausstellen, ob wir überhaupt konkurrieren. Denn es werden voraussichtlich zwei völlig verschiedene Filme werden", spekuliert Voß.
Neugierige Dorfbewohner
Obwohl es heute bitterkalt ist – bis zu minus sechs Grad – werden die Darsteller wieder den ganzen Tag im Freien vor der Kamera stehen. "Manchmal kommt man an seine Grenzen", sagt die 29-jährige Alexandra Maria Lara, die sich mit mehreren Schichten Unterwäsche, einem Nierengurt mit Heizpflastern, Handschuhen und Moonboots warmhält. "Aber dafür gibt es auch eine extrem schöne Winterstimmung im Film."
Der Hof ist abgesperrt für alle Außenstehenden. Die vielen Filmleute, die schweren Laster, die Nebelmaschinen und der Kunstschnee auf den Wiesen bringt Trubel in das sonst völlig ruhige Thanham. Die Dreharbeiten beherrschen den Dorfklatsch. Therese Hofer, die in einem gelben Haus nebenan wohnt, hat sich gerade mit ihrem Gehwägelchen auf den Weg zum Leitl-Hof gemacht.
Die 83-Jährige will zusammen mit ihrer Tochter mal nachsehen, was dort drüben vor sich geht. Dass Thanham im Film der Ort des Schreckens sein wird, können sich die beiden gar nicht vorstellen. "Hier ist zwar die Zeit stehen geblieben, aber unheimlich ist es überhaupt nicht."
Von Cordelia Hiller
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