Samstag, 04.02.2012 |

 

06.03.2008 22:02 Uhr | 1280x gelesen
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Mit einer Flasche Wasser im Koffer nach Chicago


Bild: Mit einer Flasche Wasser im Koffer nach Chicago .  Geisenfeld (DK) Auf das richtige Wasser kommt es an. Da ist sich Edith Milchmeier sicher. Deshalb haben die 25-jährige Stylistin aus Geisenfeld und ihre Mutter, Maria Milchmeier, beide ein große Plastikflasche heimisches Leitungswasser im Koffer mit nach Chicago genommen.

Geisenfeld (DK) Auf das richtige Wasser kommt es an. Da ist sich Edith Milchmeier sicher. Deshalb haben die 25-jährige Stylistin aus Geisenfeld und ihre Mutter, Maria Milchmeier, beide ein große Plastikflasche heimisches Leitungswasser im Koffer mit nach Chicago genommen.



Die Stylistin und ihr Modell: Edith Milchmeier (links) siegte bei der Friseur-WM in Chicago. Natasha aus Russland brachte den Titel. - Foto: oh
Mit diesem Wasser, an das Edith schon von unzähligen Trainingseinheiten gewöhnt ist, hat das langjährige Modell Natasha auch am Tag der großen Entscheidung die Haare gewaschen bekommen. "Weil bei einem anderen Härtegrad das Haar ganz anders auf Festiger und Spray regiert", sagt Edith Milchmeier.

Und der Wassertransport in die USA hat sich gelohnt: Die junge Geisenfelderin ist Friseur-Weltmeisterin im "Damenfach Technik" geworden, zusammen mit ihren drei Mitstreiterinnen in der deutschen Nationalmannschaft hat sie den Titel gewonnen.

"Mein größter Traum ist in Erfüllung gegangen", erzählt sie. Doch irgendwie wirkt sie auch ein wenig traurig – so ganz ohne konkreten, neuen Traum. Es ist in ihrem Beruf einfach nichts mehr da, was sie noch nicht gewonnen hat, seit sie vor gut fünf Jahren ihre Wettkampfkarriere gestartet hat.

Das Talent und auch der Ehrgeiz sind der Geisenfelderin in die Wiege gelegt. Ihre Mutter ist Inhaberin von neun Friseursalons. In zwei von diesen, in Geisenfeld und in Ingolstadt, schneidet und föhnt Edith – wenn sie nicht gerade an einem Wettbewerb irgendwo auf der Welt teilnimmt oder sich beim deutschen Bundestrainer darauf vorbereitet. Schließlich gilt es, sich durch Erfolge bei Wettbewerben für das deutsche Nationalteam zu qualifizieren.

Edith Milchmeiers Pokalsammlung ist einzigartig. Bayerische Meisterin, Deutsche Meisterin und Europameisterin wurde sie bei Junioren und Senioren, und bei den Jüngeren zudem zweimalige Weltmeisterin im Team. Bisheriges Glanzlicht war der Vize-WM-Titel gewesen, den sie vor zwei Jahren mit den Senioren in Moskau geholt hat.

Und jetzt also die WM-Krone in Chicago. Auch diesem Wettkampf waren Monate der Vorbereitung vorausgegangen. "Schließlich werden für jede Meisterschaft neue Frisuren kreiert" – gemäß den aktuellen Trends und nach den Ideen des Trainers und des Teams. Und da wird dann mit Farben, Strähnen, Schnitten und Haarteilen getüftelt und experimentiert. "Hin und wieder kann es schon vorkommen, dass einem Modell zehn Mal am Tag der Kopf gewaschen wird", schmunzelt Edith.

"Stehen" die Wettkampf-Frisuren endgültig, dann geht es im Training um den entscheidenden Faktor, die Zeit. In genau 20 Minuten galt es, bei der WM für jeden Starter der gut 20 Nationalteams, aus dem vorgeschnittenen, vorgefärbten und nassen Haar eines Modells eine Tagesfrisur zu zaubern. Anschließend musste binnen 35 Minuten aus dem wieder durchgebürsteten Haar des Modells unter Einarbeitung von drei Haarteilen eine Abendfrisur kreiert werden.

"Das nennt sich Hair by Night" und ist so etwas wie der "Ferrari unter den Frisuren". Wobei es nicht nur darauf ankommt, dass die Frisuren handwerklich hochwertig sind und zum Modell-Typ passen. "Im Idealfall sollen alle vier im Team geschaffenen Frisuren völlig identisch aussehen", sagt die frisch gebackene Weltmeisterin.

Vielleicht klappte es bei Edith Milchmeier auch dank des mitgebrachten Wassers aus Deutschland. "Der Jubel war natürlich riesig, als wir vor Korea und Frankreich zum Sieger ausgerufen wurden", erzählt die Geisenfelderin. Weil die Hotelbar geschlossen hatte, wurde der WM-Titel bis früh morgens um vier Uhr mit einer Party auf dem Zimmer gefeiert.

Die WM war Edith Milchmeiers dritter Wettbewerb in Chicago, doch von der Stadt selbst hat sie "außer Flughafen, Hotel und Messezentrum" noch so gut wie nichts gesehen. "Man kommt einfach nicht dazu", sagt sie, und in den anderen Metropolen, in denen sie an der Start ging, sei es kaum anders gewesen.

Doch warum opfert ein junger Mensch für so viel Stress und Maloche seine komplette Freizeit? "Weil es schon etwas Besonderes ist, in seinem Beruf zu den besten zu gehören und ausgewählt zu werden, für sein Heimatland an den Start zu gehen", antwortet die Geisenfelderin. Außerdem bringe das viele Training ja auch für die tagtägliche Arbeit im Salon etwas. Natürlich seien die kunstvollen Wettbewerbsfrisuren nicht "eins zu eins" nach Hause zu übertragen, aber durchaus die erlernten Schnitt-, Farb- und Strähnentechniken.

Edith Milchmeier will sich deshalb auch weiter bei Schulungen im Ausland fortbilden und vielleicht selbst mal als "Trainerin aktiv sein". Doch den Lebensabschnitt mit den vielen internationalen Wettbewerben und Meisterschaften – gesponsort von einer Haarkosmetikfirma und finanziell unterstützt von ihrer Mutter – sieht sie als beendet an. "Was das angeht, sind ja alle Ziele erreicht."

Zumindest in den nächsten Wochen steht bei der 25-Jährigen nun eher Reiten als Föhnen und Färben auf dem Programm, und darüber wird sich besonders Wallach "Chrystal" freuen. "Auf dem", sagt Edith, "bin ich schon seit drei Monaten nicht mehr gesessen."


Von Gerhard Kohlhuber

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