Hilfe vor Ort: Für diese afghanischen Kinder schafft Reinhard Erös (Mitte) ein neues Zuhause. Hier wird die Grundsteinlegung für ein Waisenhaus im Nordosten von Afghanistan gefeiert. - Foto: oh
Erös bezieht seine Informationen aus erstklassigen Quellen. Der pensionierte Bundeswehr-Arzt war erst vor wenigen Wochen vier Tage im Hauptquartier der Nato in Brüssel, wo er Spitzenmilitärs zur Lage in Afghanistan beraten hat.

In der Nato-Führung wird laut Erös inzwischen nicht mehr darüber debattiert, wie der Krieg am Hindukusch zu gewinnen sei. Im Mittelpunkt aller Überlegungen stehe vielmehr eine "Wording-Strategie": Mit welchen Worten formulieren wir die Nachricht vom Nato-Abzug, damit sich der Rückzug trotzdem als Erfolg verkaufen lässt?

Erös zieht ein niederschmetterndes Fazit: "Jeder Dollar für den Afghanistan-Einsatz ist hinausgeworfenes Geld, jeder Soldat der fällt, ist ein sinnloses Opfer." Die kanadische und die holländische Regierung hätten aus dieser bitteren Erkenntnis bereits die Konsequenz gezogen. Die beiden Länder, die bislang das viert- und fünfstärkste Nato-Kontingent in Afghanistan stellten, ziehen ihre Truppen ab – keine Überraschung angesichts von etwa 100 im Einsatz gestorbenen kanadischen Soldaten. Die Hauptlast würden damit jetzt Amerikaner, Briten und die Bundeswehr tragen.

Erös verbringt jedes Jahr mehrere Monate in Afghanistan. Er kennt das Land, dessen Menschen und Mentalitäten seit den 1980er Jahren. Vor elf Jahren gründete der vollbärtige Urbayer, der in Mintraching im Kreis Regensburg lebt, die Kinderhilfe Afghanistan. Diese Organisation sammelt jährlich einen siebenstelligen Eurobetrag und betreibt im Osten des Landes Schulen für rund 35 000 Kinder sowie einige andere Hilfsprojekte. Zudem schrieb Erös mehrere Bücher über Land und Leute, die zu Bestsellern wurden.

Angesichts seiner Erfahrungen und der Kenntnis der afghanischen Denkweise, schätzte Erös den Sinn der Stichwahl zwischen Präsident Hamid Karsai und seinem Herausforderer Abdullah Abdullah völlig anders ein, als im Westen üblich. "Abdullah hätte ohnehin keine Chance gehabt", glaubt Erös. Denn er sei Tadschike. Präsident könne aber nur ein Paschtune wie Karsai werden, da ausschließlich stammesbezogen gewählt werde und die Paschtunen die größte Volksgruppe seien. "Bei Wahlen in Afghanistan geht es nie um irgendwelche politischen Programme, sondern nur um Personen und Clans." Zudem gelte Karsai den meisten Afghanen als der Mann, der die meisten Hilfsgelder im Westen organisieren könne.

Erös nennt aber noch einen dritten Grund, warum das einfache Volk einer Fortsetzung der Herrschaft von Karsai positiv gegenübersteht. Die Menschen wüssten, dass sich Karsai und sein Clan die Taschen längst vollgestopft hätten. Würde es jetzt einen Wechsel geben, dann müsste ein neuer Präsident weitere Pfründe an seine Großfamilie verteilen – so die Logik der Afghanen.

Den erwiesenen Wahlbetrug hält Erös nicht für zentral gesteuert. Hier seien übereifrige Dorfälteste am Werk gewesen, die glaubten, Karsai einen Gefallen schuldig zu sein, vermutet Erös. Weitaus gefährlicher als eine manipulierte Wahl sei für die Zukunft Afghanistans die Unterernährung von immer mehr Menschen. Erös schätzt, dass dieses Schicksal inzwischen rund fünf Millionen der etwa 30 Millionen Afghanen trifft. Nur acht Prozent der Landesfläche sei kultivierbar. Dazu komme eine Bevölkerungsexplosion mit durchschnittlich 7,8 Kindern pro Familie. Der Preis für Saatgut habe sich verdoppelt. "Die stolzen Afghanen müssen sich von der UN durchfüttern lassen", bedauert Erös.

Hilfe vor Ort: Für diese afghanischen Kinder schafft Reinhard Erös (Mitte) ein neues Zuhause. Hier wird die Grundsteinlegung für ein Waisenhaus im Nordosten von Afghanistan gefeiert. - Foto: oh