Frustrierter Glos, verärgerter Seehofer
München/Ingolstadt (DK) Es ist eine kurze Nacht gewesen, als sich Horst Seehofer gestern Vormittag ans Telefon klemmt und den Schrobenhausener Unternehmer Thomas Bauer anruft. Erst gegen halb drei Uhr nachts ist der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident erschöpft vom Gala-Diner der Münchner Sicherheitskonferenz in der Residenz nach Ingolstadt gefahren. Den dortigen CSU-Ball, eigentlich ein Pflichttermin, hat Seehofer aus nahe liegenden Gründen geschwänzt.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos hatte seinem Parteifreund ja auch gründlich die Laune verdorben. Womöglich aus Rache für einen Bericht im DONAUKURIER, wonach Seehofer den CSU-Schatzmeister Bauer als künftigen Wirtschaftsminister im Auge habe, erwies Glos seinem alten Weggefährten am Samstag einen letzten "Freundschaftsdienst": Per Brief bot er Seehofer seinen Rücktritt an – aber ohne vorher mit dem Ingolstädter auch nur ein Wort zu reden. Stattdessen hatte der Unterfranke seinen alten Journalistenfreund Martin Lambeck von der "Welt" und auf diesem Umweg die Öffentlichkeit über seine Pläne informiert.
Chaos perfekt
Seehofer, der auf der Sicherheitskonferenz diese Nachricht erhält, ist wie vom Donner gerührt. Er fährt in die Staatskanzlei, wo er Glos kurz vor 18 Uhr nach einigen Mühen erreicht. Der designierte Wirtschaftsminister a. D. berichtet von seinem Frust und wirft Seehofer ein "abgekartetes Spiel" mit dem DONAUKURIER vor. Hernach tritt ein angefressener CSU-Chef vor die wartenden Journalisten. "Michael Glos hat mein Vertrauen", spielt Seehofer notgedrungen auf Zeit. Er habe dem Wirtschaftsminister mitgeteilt, dass er dessen Entlassungswunsch "nicht entspreche". Damit ist das Chaos erst einmal perfekt. Denn so ziemlich alle CSU-Größen sind sich zu diesem Zeitpunkt schon einig, dass der 64-jährige Glos nach seiner schrägen Nummer nicht mehr als allenfalls noch ein paar Tage zu halten sein werde.
Ohnehin ist der langjährige CSU-Landesgruppenchef in Bonn und Berlin mit dem Amt, zu dem er nach Edmund Stoibers Berlin-Flucht 2005 wie die Jungfrau zum Kinde gekommen war, nie so recht warm geworden. Schon nach Seehofers Machtübernahme im Herbst hat der glücklose Ressortchef daher angeboten, den Posten zu räumen. Damals gab es Gerüchte, der jetzige Europa-Spitzenkandidat Markus Ferber aus Schwaben könne Glos beerben.
Seehofer hatte indes andere Pläne. Jedenfalls fragte er schon vor Weihnachten bei dem Schrobenhausener Vorzeigeunternehmer Thomas Bauer an, ob er sich einen Wechsel in ein derartiges Amt vorstellen könne. Es gehe ihm darum, mit der Erneuerung der CSU für Aha-Erlebnisse beim Wahlvolk zu sorgen, verkündete der Ingolstädter fortan immer wieder. Die Berufung des Chefs eines MDAX-Konzerns, ein Mann der Praxis mit unbestrittenen Führungsqualitäten, wäre ein solcher Coup.
Bei der CSU in Ingolstadt, wo Bauer als Nachfolger Seehofers für den Bundestag kandidieren könnte, stößt die Personalie jedenfalls auf Begeisterung, "Das wäre ein super Sache", jubelt CSU-Kreischef Hans Süßbauer. Mit Bauers Hilfe könne sich die Region auch in Zukunft "gut entwickeln".
Bauer selbst signalisiert seine Bereitschaft, Glos’ Posten zu übernehmen. "Für mich wäre das vorstellbar", kommt der 53-Jährige aus der Deckung (siehe auch Interview). Während in Schrobenhausen der Familienrat tagt, muss Seehofer in Ingolstadt seinen Handy-Akku nachladen. Ununterbrochen tauscht er SMS-Nachrichten mit Parteifreunden aus und spricht mit Gott und der Welt in der CSU.
Denn dort gibt es auch Widerstände gegen einen Seiteneinsteiger als Bundesminister. Vor allem in Franken kommt bei dem Gedanken, dass schon wieder einer der ihren durch einen Oberbayern ersetzt werden könnte, wenig Freude auf. Tief sitzt in Bayerns Norden immer noch der Schmerz, dass Parteivize Ingo Friedrich im Januar bei der Aufstellung der CSU-Europaliste aussortiert worden war: während die Oberbayerin Monika Hohlmeier auf dem Oberfranken-Ticket einen sicheren Platz ergatterte.
Alternativen durchgespielt
Seehofer spielt deshalb auch Alternativen durch. Sein junger Generalsekretär Karl Theodor zu Guttenberg (38) aus Oberfranken beispielsweise gilt nicht nur in CSU-Kreisen grundsätzlich als ministrabel. Doch Wirtschaftspolitik war bisher überhaupt nicht sein Metier. Außerdem bräuchte die Partei dann ausgerechnet im Superwahljahr 2009 schon wieder einen neuen Generalsekretär: Als Kandidat wird hier der CSU-Europaabgeordnete Manfred Weber aus dem Landkreis Kelheim genannt.
Vor einer möglichen Entscheidung spricht Seehofer am Abend in der Staatskanzlei noch einmal unter vier Augen mit Glos. Der spule seine Termine herunter und habe, so heißt es jedenfalls in seinem Umfeld, schon wieder mehr Spaß an seinem Job. Da droht Seehofer womöglich eine schlaflose Nacht.
Von Jürgen Fischer
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