Ein Mann und seine Musik: 50 000 Tonträger umfasst Chuck Herrmanns Sammlung. Hier hält er gerade "Johnny Cash With His Hot And Blue Guitar", Johnny Cashs erste Langspielplatte aus dem Jahr 1957, in der Hand. - Foto: Felkel
Chuck trifft Chuck

Es genügt ein Stichwort, und Herrmann, der sich nach seinem Idol Chuck Berry "Chuck" nennt, beginnt eine Anekdote nach der anderen zu erzählen, Erlebnisse aus einem Leben für und mit Musik: 1990 war’s, da durfte er mit seiner Band Chuck Herrmann & Honky Tonk im Münchner "Schlachthof" im Vorprogramm der Rock-’n’- Roll-Legende auftreten. "Wir waren am Nachmittag gerade beim Soundcheck, da geht die Tür auf, und Chuck Berry spaziert herein, in einer Hand seinen Gitarrenkoffer, an der anderen Hand seine Tochter. Er sagt, ,Hi, mein Name ist Chuck‘, darauf ich: ,Hi, mein Name ist auch Chuck‘." Und der Holzkirchener Chuck erzählt dem Chuck aus St. Louis lang und breit, wie großartig er seine Musik findet. "Am Ende hat er mich gefragt, ob ich ihm ein Gitarrenplektrum geben könnte. Er hätte seines verloren." Der unvergesslichste Moment seiner Karriere? Herrmann nickt.

Angefangen hat diese Karriere, als der 16-jährige Wolfgang AFN zu hören beginnt, den Sender für die US-Streitkräfte in Deutschland. Sendungen wie "Bouncing In Bavaria", "Fiesta" oder "Stickbuddy Jamboree": Salsa, Boogie, Rock ’n’ Roll, Swing, Country, Polkas sogar – der Teenager aus Holzkirchen lauscht mit glühenden Ohren. 1957 gründet er, mittlerweile stolzer Besitzer eines Plattenspielers und einiger Singles, mit seinem Spezi Poldi Hieber den Holzkirchener Rock-’n’-Roll- Club im späteren Café Franz. Jeden Sonntagabend von 18 bis 22 Uhr ist Tanz angesagt. "Wir waren die Außenseiter, aber wir hatten die schönsten Mädchen, und deswegen sind sie nach und nach alle gekommen" – die Fußballer, die Mitglieder des Trachtenvereins und all die anderen, die das seltsame Treiben erst einmal misstrauisch aus der Ferne beäugt hatten.

Viel später, in den 70ern: Chuck Herrmann gilt als einer der renommiertesten Discjockeys Südbayerns, seine regelmäßigen Plattenauflege-Abende in München, etwa der "Fifties Record Hop" im "Popclub" (seit 1986 in der Max-Emanuel-Brauerei), die Soul-Nächte im "Cadillac" oder die Salsa-Fiestas, sind zu Kultveranstaltungen avanciert. Sein Publikum besteht mittlerweile aus "Vorstädtern, die Boogie tanzen, und Filmstars oder Adligen, die den Vorstädtern beim Tanzen zuschauen". Wim Wenders ist unter den Gästen, auch Mario Adorf oder Karin Baal, der Chuck einige Tanzschritte zeigt. Doch nicht immer ist sein Job so angenehm: Eines Abends – "ich glaube, es war in der ,Kristallgrotte‘" – kommt eine nackte Frau die Treppe heruntergestolpert, ihr auf den Fersen ein Zuhälter mit gezückter Pistole. "Ich habe mich hinter das DJ-Pult geduckt, bis alles vorbei war."

Wegducken hilft ihm allerdings nichts, als ihm bei anderer Gelegenheit ein gefährlich aussehender Typ einen 50-Mark-Schein in die Brusttasche steckt und mit drohender Miene das "Kufsteinlied" fordert – und das während eines Soul-Abends. Irgendwelche Einwände lässt der finstere Hüne nicht gelten. Also legt Chuck Herrmann eine Mixcassette ein, spurtet zum nahen "Bierbrunnen" am Sendlinger Tor, wo sie immer Volksmusik spielen, kauft dem dortigen Plattenaufleger die Single mit dem "Kufsteinlied" ab – für 25 Mark –, und spielt das gute Stück ein paar Minuten später zwischen Kool & The Gang und Chic, als wär’s das Normalste von der Welt. Das Publikum ist verwirrt bis verärgert, der geplagte Discjockey erlebt die längsten drei Minuten seiner Karriere.

Immerhin hinterlässt diese Episode keinen bleibenden Imageschaden: Auch heute noch ist DJ Chuck mindestens an drei, häufiger an fünf Abenden pro Woche unterwegs – bei Faschingsfesten, Geburtstags- und Firmenfeiern mit seiner mobilen Diskothek. Bei seinen Rock-’n’-Roll-, Salsa-, Soul- und Swing-Tanzabenden in Münchner Clubs. "Meine Träume", sagt er, "haben sich erfüllt."

Die meisten, allen voran sein Vater, erklären ihn für verrückt, als er im Oktober 1963 seine sichere Stellung als Verwaltungsangestellter bei der Gemeinde aufgibt, "weil ich als Beruf angeben wollte: Hillbilly-Sänger". Zwei, drei Griffe kann er, der Autodidakt, auf der Gitarre, als er mit Freunden seine erste Band gründet: die Apaches. Seine Entscheidung habe er nicht bereut, versichert er. Nie hätten ihn Existenzängste geplagt, obwohl 1964 seine Tochter Claudia zur Welt kam und er fortan für eine Familie zu sorgen hatte.

Sympathie für die Hippies

So um 1968 herum entwickelt der Rock ’n’ Roller und Countrysänger Sympathien für die Hippie-Bewegung. Alles interessiert ihn: das Aufbegehren der Studenten, der Kampf für die Bürgerrechte, die Proteste gegen den Vietnamkrieg. Und er erlebt, was Rassenhass bedeutet: Spielt er in den Clubs der US-Kasernen Soul, schimpfen die Weißen über "diese Nigger-Musik" und verlassen den Raum. Tritt er mit seiner Country-Band auf, in Stiefeln und Fransenlederjacke, höhnen die Schwarzen über "diesen Hinterwäldler-Sound". Und doch: Es ist diese Zeit, so um 1970 herum, in die Herrmann per Zeitmaschine am liebsten zurückreisen würde. "Da ist aus meiner Sicht die beste und interessanteste Musik entstanden. Alles was danach kam, war meistens nur noch ein Abklatsch jener Jahre."

In den 80ern spielen Chuck Herrmann und Honky Tonk einmal beim Ulmer City-Fest vor 50 000 Zuschauern, 1990 folgt das schon erwähnte Konzert mit Chuck Berry – was soll jetzt noch kommen? 1994 hängt Chuck die Gitarre – von gelegentlichen Gastauftritten abgesehen – an den Nagel und konzentriert sich ganz auf seine Tätigkeit als DJ, der keine Grenzen kennt, der alles auflegt "außer Techno, Heavy Metal und volksdümmlicher Musik".

Damit auch noch aufzuhören, ist für ihn überhaupt kein Thema: "Ich habe mal gesagt, dass ich mit 60 kürzer treten will. Als ich 60 geworden bin, habe ich gedacht, okay, mit 65. Und jetzt? Vielleicht mit 70 – wer weiß" Auch nach 50 Jahren Musik: Müde ist Chuck Herrmann, der so viel jünger wirkt als 67, noch lange nicht. Am 2. Februar wird er beim Spider-Murphy-Ball in Planegg auflegen, am Tag darauf bei der "Fiesta Latina" im Bayerischen Hof in München – und man spürt, wie er sich darauf freut.

Nur manchmal, wenn er drei Abende hintereinander am DJ-Pult gestanden ist, ist er froh über ein, zwei Tage ohne Musik, daheim in Holzkirchen. Denn obwohl Chuck in Mühldorf am Inn geboren ist – wo die Herrmanns ein paar Jahre wohnten, weil der Vater dort arbeitete –, hängt sein Herz an diesem kleinen Ort südlich von München, in dem seine Familie "schon seit 100 Jahren" lebt. Da hinten, sagt er und zeigt aus dem Fenster seines Wohnzimmers, "hinter dem Spielplatz kommt eine Wiese, dahinter liegt ein Wald, der geht bis Dietramszell. In diesem Wald gibt es ein Tal, den Teufelsgraben, da fließt ein Bach durch. Das ist mein Urwald, meine Karibik. Da ist es ganz still."