Doch mehr Duett als Duell
Berlin (DK) Ist die Kanzlerin eine Marktradikale? Frank-Walter Steinmeier stutzt: "Das kann ich nicht mit letzter Sicherheit beantworten." Angela Merkel lächelt – süffisant. Wieder hat ihr Kontrahent eine Vorlage verpasst.
An Vorlagen für den SPD-Kandidaten mangelt es nicht: Gleich zu Beginn darf Steinmeier begründen, warum die Kanzlerin nicht wieder gewählt werden soll: "Weil es eine bessere Alternative gibt, nämlich mich!", sagt er forsch und schnell. Doch als sei ihm das schon fast zu keck, lobt er darauf die große Koalition. Und Angela Merkel steht ihm in Lob für die letzten vier Jahre nicht nach: Warum Steinmeier der Schlechtere sei? Da antwortet sie nicht, sondern: "Die große Koalition hat in der Tat gut gearbeitet – unter meiner Führung!" So macht Merkel im Nebensatz klar, wer Koch und wer Kellner ist. Die Moderatoren, Maybrit Illner, Frank Plasberg, Peter Limbourg und Peter Kloeppel wirken von der großkoalitionären Harmonie genervt, unruhig: Mehr "Duett als Duell", sei das. Merkel schnappt zurück: "Ob das Duett oder Duell ist, wollen wir den Zuschauern überlassen". Duell zwischen Moderatoren und Kandidaten statt den Duellanten auf dem Podium.
Die Uhr läuft, beide referieren, statt sich zu attackieren: Finanzkrise, Opel, Mindestlöhne – Merkel und Steinmeier warten mit Fachwissen und Detailkenntnis auf. Steinmeiers Angriffe kommen weiter schaumgebremst daher: "Die große Koalition ist unter ihren Möglichkeiten geblieben", heißt es dann oder: "Das wird auch nicht genügend auf Ihrer Seite gesehen." Mehr an verbaler Offensive ist nicht drin. Steuersenkungen? "Das ist nicht möglich", insistiert Steinmeier.
Stattdessen immer wieder Scharmützel mit den Moderatoren. "Das ist nicht fair", geht Frank-Walter Steinmeier um 21.41 Uhr RTL-Moderator Peter Kloeppel an. Der hatte von Steinmeiers Plan gesprochen, 2013 aus Afghanistan abzuziehen. Falsch zitiert sei das, grollt Steinmeier. Er wolle bis 2013 Voraussetzungen für den Abzug schaffen. Das Afghanistan-Papier als Überraschungscoup hatte Steinmeier noch am Wochenende lanciert.
Erst am Ende kommt Stimmung auf – und es ist Merkel, die attackiert: "Mangel an Glaubwürdigkeit" wirft sie Steinmeier vor. Er habe nicht verhindert, dass die SPD mit den Linken eine eigene Kandidatin für das Bundespräsidentenamt wählen wollte. Dafür müsse er sich "entschuldigen".
Im Studio H, direkt neben dem Sendestudio, sind die Anhänger der Kandidaten, die Spin-Doktoren, ein wenig Prominenz und viele Journalisten untergebracht. Zwei Großbildleinwände, weiße Lederhocker, Stuhlreihen für die Anhänger, blaue und rote Riesenlampen im 70er-Jahre-Stil an der Decke - eine Mischung aus Lounge-Atmosphäre und Boxring. "Das wird ein guter Start heute", gab SPD-Chef Franz Müntefering die Parole für die Aufholjagd aus. Doch echte Stimmung kommt beim Live-Duell nicht auf – mal Gelächter, mal verhaltener Beifall. Ein befreiter Jubel nach einem verbalen Treffer – darauf warten auch die Anhänger vergebens.
In Studio B ist die Duell-Kulisse aufgebaut: Die Pulte der beiden 2,40 Meter entfernt, Merkel steht aus Zuschauersicht links, der Herausforderer rechts auf rotem Teppich. Um buchstäblich Augenhöhe zwischen Kanzlerin und Kandidat zu gewährleisten, ist ein mit Teppich überzogener Holzblock als Podest hinter Merkels Pult eingearbeitet.
Von Christoph Slangen und Andreas Herholz
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