Die Qual der Wahl: Die Initiatoren der Satire-Demo in Eichstätt hatten Dutzende von Pappschilder und Transparenten vorbereitet – eine Genehmigung für die Aktion einzuholen, hatten sie vergessen. - Foto: Fahn
Als sich ihre gut 60 Mitstreiter in feinem Zwirn und im kleinen Schwarzen vor der Unibibliothek sammeln und die ersten Parolen skandieren, telefoniert sie noch hektisch mit der Polizei. Die Veranstalter haben zwar alles genau geplant, schließlich soll der Protest ja Aufmerksamkeit erregen und möglichst viele Eichstätter sollen mitbekommen, wenn die Studenten am anderen Ende der Stadt unter dem Motto "Die Bildung geht baden" in die Altmühl springen. Aber ohne polizeiliche Genehmigung kein Protestzug. So einfach ist das. Auch als die Polizei bestimmt, dass der Protestzug nicht durch die Stadt, sondern praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit einen Weg entlang der Altmühl nehmen muss, regt sich kein Widerspruch unter den Studenten. So richtig spontan wirkt das nicht.

"Viele trauen sich nicht"

Merlin Greger ist einer von denen, die demonstrieren. Der 22-Jährige aus Berlin studiert in Eichstätt Französisch und Englisch. Und er ärgert sich – nicht nur über die verkorkste Bildungspolitik, die ihn und seine Mitstudenten zum Protest treibt, auch über die "Berührungsängste", die die Kollegen offenbar mit der Demonstration haben. "Viele trauen sich nicht", sagt er.

Dabei stehen die Studenten mit ihren Forderungen nicht allein: Zwar wehren sich die meisten Professoren nicht gegen die Studiengebühren von 500 Euro pro Semester, bringen die doch zusätzliches Geld für die Ausstattung der Hochschulen. Dafür stößt der zweite Punkt, gegen den sich die Bildungsproteste richten, auch bei den Lehrenden auf Widerstand: der so genannte Bologna-Prozess, der Studiengänge straffen und dafür sorgen soll, dass die Abschlüsse international vergleichbar sind. "Da muss man schwer nachbessern", befindet Rupprecht Wimmer, langjähriger Präsident der einzigen katholischen Universität im deutschen Sprachraum, als ihm der Protestzug entgegenkommt. Deshalb hat es schon "einen guten Grund", dass die Studenten sich lautstark zu Wort zu melden.

Unverständnis

Die kämpfen derweil mit ganz anderen Problemen: Schließlich versteht kaum einer der Passanten, warum da Studenten in feinem Zwirn und im kleinen Schwarzen Sektgläser schwenkend nach "höheren Studiengebühren" rufen und "Arbeiter in die Fabriken zurück" fordern. "Die spinnen komplett", befindet eine ältere Dame. Das kleine Pappschild, das am Ende des Zuges "Vorsicht, Satire!" verkündet, sieht die Frau nicht.

Nebenjobs zum Überleben

Lustig findet eigentlich auch Mitinitiator Jan Heiermann die ganze Angelegenheit nicht: Der Germanistikstudent aus Duisburg muss schauen, dass er über die Runden kommt. Er ist ein typisches Arbeiterkind: Der Vater ist Maler, die Mutter Floristin. "Die können mir mein Studium nicht finanzieren", sagt der 21-Jährige, der noch drei kleine Geschwister hat. Die Ausbildungsförderung, die der Staat als Darlehen gewährt, reicht nicht, deshalb arbeitet Heiermann als Hilfskraft an der Uni und gibt Nachhilfe – neben dem Studium. "Da ist klar, dass ich länger brauche bis zum Abschluss, als meine Kommilitonen, die von Zuhause ausreichend Unterstützung bekommen", ergänzt er. Ohne Studiengebühren wäre es ein ganzes Stück einfacher.

Derweil ist der bunte Zug am Herzogsteg angekommen. Umbach erklärt die Protestaktion für beendet, das gemeinsame Bad in der Altmühl hat die Polizei dann doch nicht genehmigt: "Was ihr jetzt macht, ist Eure Privatangelegenheit." Jetzt gibt es kein Halten mehr: Eine Gruppe von Touristen aus Aschaffenburg reibt sich verwundert die Augen reibt, als sich die ersten Studenten aus den Anzügen schälen und mit dem Schrei "Die Bildung geht baden" in die braunen Fluten der Altmühl springen. Merlin Greger spart sich das Ausziehen, in voller Montur hechtet er in den Fluss. Doch nur wenige Augenblicke später steht er schon wieder am Ufer und angelt sein Handy aus der triefenden Jacke. "Das habe ich im Eifer des Gefechtes vollkommen vergessen." Aber für die gute Sache müsse man eben Opfer bringen.