Wolnzach: „Was dem Wurm passt, passt der Pflanze“
Wenn es dem Regenwurm gut geht, dann geht es auch dem Boden gut, sagt Experte Maximilian Stadler.
dpa-Archiv
Wolnzach

Wie muss man sich die Welt unter unseren Füßen vorstellen, Herr Stadler?

Maximilian Stadler: In einer Handvoll Erde leben rund zehn Milliarden Mikroben, Einzeller oder kleine Lebewesen, das ist mehr als die Anzahl der Menschen auf der ganzen Welt. Ansonsten geht es dort ähnlich zu wie über der Erde: Es gibt zum Beispiel Räuber wie die Laufkäfer, aber auch Aas- oder Kotfresser. Die meisten Mikroorganismen sind so klein, dass man sie mit dem bloßen Auge nicht sehen kann. Sie wirken zusammen mit den anderen Substanzen im Boden daran mit, dass der Boden seine für uns so wichtigen Aufgaben erfüllt.

 

Und die wären?

Stadler: Er baut zum Beispiel Stoffe ab, ohne einen guten Boden gäbe es unser Leben, wie wir es heute kennen, nicht. Dann wäre es überall so wie in den Mooren, in denen die organische Substanz wegen des vielen Wassers nur sehr langsam abgebaut wird. Das Laub von den Bäumen würde nicht mehr verrotten und es würde sich meterhoch auftürmen. Außerdem werden auf dem Weg in die tiefen Bodenschichten Schad- und Nährstoffe aus dem Wasser gefiltert - so schützt der Boden unser Trinkwasser. Teilweise werden die Schadstoffe auch umgewandelt.

 

Wann ist ein Boden besonders fruchtbar?

Stadler: Wenn er zum Einen möglichst viel Humus, also tote organische Bodensubstanz, enthält. Dieser macht bei einem idealen Boden rund 80 bis 85 Prozent des organischen Materials aus, das wiederum nur fünf bis sieben Prozent des Bodens beträgt. Der Großteil sind mineralische Bestandteile sowie Poren, am besten je zur Hälfte mit Luft und Wasser befüllt. Dass der Boden eine ausgewogene Struktur hat, ist sehr wichtig. So fließt das Regenwasser gut ab und auch die Mikroorganismen, die den Prozess im Boden gehörig beeinflussen, bekommen einen Lebensraum.

 

Was tun die Mikroorganismen?

Stadler: Die Pflanze stellt mittels Photosynthese aus energieärmeren Stoffen mithilfe des Lichts hochenergetische Stoffe her, die im Boden von den Mikroorganismen wieder abgebaut werden. Das ist der Grund, weshalb Laub überhaupt braun wird und verrottet. Auch größere Lebewesen verwerten die Reste der anderen, zum Beispiel Kot auf einer Kuhweide.

 

Wie kann der Landwirt das Leben im Boden schützen?

Stadler: Er sollte vermeiden, bei nassen Bodenverhältnissen auf dem Acker zu fahren, weil er dann alles platt drückt und damit die Strukturen im Boden zerstört. Der Anbau verschiedener Pflanzen in der Fruchtfolge - das heißt, jedes Jahr steht eine andere Kultur auf dem Feld - oder als Anbau-Mischungen fördert wegen der Wurzelausscheidungen das Bodenleben in seiner Vielfalt. Zum Beispiel können manche Mikroorganismen Symbiosen mit Pflanzen eingehen. Knöllchenbakterien infizieren die Wurzeln von Leguminosen, wie etwa Klee, ziehen sich Zucker von der Pflanze und binden Stickstoff aus der Luft. Das ist wiederum gut für die Pflanze. Den Mykorrhizapilzen fehlen Enzyme, die nötig wären, um komplexe Kohlenhydrate abzubauen und sich so zu ernähren. Sie gehen deshalb in Kontakt mit dem Wurzelsystem der Pflanzen und ziehen sich einen Teil der durch die Photosynthese der Pflanzen erzeugten Assimilate. Die Pilze können Mineralstoffe und Wasser besser aus dem Boden lösen, sodass auch die Pflanze profitiert.

Das heißt, der Boden reguliert sich selbst ziemlich gut. Wie sollten wir uns am besten in unserem Privatgarten verhalten?

Stadler: Tatsächlich kann man den Kräften des Bodens vertrauen. Vielfältige Anpflanzungen helfen zudem, den Artenreichtum unter der Erde zu verbessern. Also nicht nur Salatreihen, sondern zum Beispiel auch noch Kräuter dazu anbauen. Ansonsten ist es auch hier wichtig, nicht überall herumzutrampeln, am besten legt man sich zwischen dem Gemüse Wege an. So wird auch der für den Boden so wichtige Regenwurm nicht gestört. Denn grundsätzlich gilt: Was dem Regenwurm passt, passt auch der Pflanze.

 

Also ist der Regenwurm eine Art Gratmesser für die Qualität des Bodens?

Stadler: Ja, denn die Würmer graben die Kanäle, durch die zum Beispiel das Wasser abfließen kann. Diese Kanäle werden auch gerne von Pflanzenwurzeln genutzt. So wurzeln sie schnell in die Tiefe und finden auch bei Trockenheit im Sommer Wasser. Außerdem schafft der Regenwurm das tote Material unter die Erde, wo es weiterverwertet wird. Er züchtet zum Beispiel selbst seine Nahrung, indem er abgestorbene Strohhalme unter die Erde zieht. Dort bespeichelt er sie, wodurch Pilze wachsen, die der Wurm dann später frisst.

 

Das Gespräch führte

Desirée Brenner.