Wolnzach: Ganz neue Töne
Eine große Truppe hatte Hans-Heiner Bettinger als Dirigent der Marktkapelle am Sonntag zu führen: Neben seinen Musikanten wirkte bei der Rohrauer Messe auch ein fast 40-köpfiger Chor mit - Foto: Zieglmeier
Wolnzach

Ganz ehrlich: Eine Messe für Blaskapelle und Chor? Einige Zweifel, wie das funktionieren soll, begleiten einen da als Sänger und Laien im Vorfeld schon. Erste Bedenken allerdings verflogen – zumindest was die Auswahl des Stückes betrifft – in den ersten Chorproben: Die Rohrauer Messe ist ein ansprechendes Werk, in das man sich einfach verlieben muss. Und das taten auch alle der rund 40 Sänger, weibliche wie männliche, die dem Aufruf der Marktkapelle gefolgt waren: Ein großer Chor formierte sich schon vor mehreren Monaten unter der Leitung von Astrid Elender. Diese hatte aber bei Weitem nicht nur ihre Kirchenchormitglieder aktiviert, sondern darüber hinaus weitere leidenschaftliche Sänger, unter anderem vom Liederkranz Wolnzach, dazugeholt.

Bereut hat es keiner. Denn spätestens bei der ersten Gesamtprobe von Chor und Kapelle legten sich weitere Zweifel: Das Zusammenspiel von Blaskapelle und Chor funktioniert tatsächlich, auch wenn sich die Gesangsstimmen gehörig ins Zeug legen müssen, um sich neben den Blasinstrumenten behaupten zu können. Gänsehaut im positiven Sinn hatten viele der Chorsänger jedenfalls damals schon.

Und Gänsehaut bekamen nach eigenen Aussagen auch viele der Besucher am Sonntag in der Pfarrkirche. Schon als die Kapelle mit ihrem ersten Stück „Ammerland“ von Jacob de Haan auf das Konzert einstimmte. Und dann, als die ersten Takte der Rohrauer Messe erklangen: Fast schon mystisch beginnt das Kyrie und zieht unweigerlich in seinen Bann, wenn der Chor erst einstimmig, dann mehrstimmig einsetzt. Gefällig, sehr melodiös und trotzdem immer wieder überraschend ist die Rohrauer Messe, komponiert von dem im Südafrika geborenen Komponisten Shane Woodborne, der heute in Salzburg lebt. Gewidmet ist sie Michael Haydn, dem jüngeren und unbekannteren Bruder von Joseph Haydn, anlässlich seines 200. Todestages. 2007 wurde sie in Rohrau, dem Geburtsort von Michael Haydn, erstmals aufgeführt. „Ausgegraben“ hatte die relativ unbekannte Messe Kapellendirigent Hans-Heiner Bettinger, so wurde das Konzert in Wolnzach zur deutschen Uraufführung. Rund 25 Minuten dauerte der Auszug aus der Messe: Dem geheimnisvoll-fließenden Kyrie folgte das fröhlich-festliche Gloria, das majestätische Sanctus und das getragene Agnus Dei. Deutlich mehr Augenpaare als sonst richteten sich am Sonntag auf Dirigent Hans-Heiner Bettinger, der im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun hatte angesichts der vielen Einsätze: Er führte erfolgreich nicht nur seine Musikanten, sondern auch den Chor, der bisher das Dirigat von Astrid Elender gewohnt war, die sich aber nun selbst in den Chor einreihte.

Das Gemeinschaftsprojekt ist gelungen, für die Rohrauer Messe gab es tosenden Applaus von den rund 600 Zuhörern. Das ist ein schöner Lohn, aber nicht der einzige: Als Mitwirkender im Chor war es schlicht und einfach eine Freude und eine Ehre, im Jubiläumsjahr dabei zu sein und gemeinsam zu musizieren. Danach durften sich die Sänger zurücklehnen, denn die Marktkapelle hatte noch drei weitere sakrale Stücke einstudiert: Nach „Psaltrada“ von Jan de Haan mit teils fanfarenartigen Klängen folgte der Choral „Praise to the lord“ mit Variationen auf das Motiv von „Lobe den Herrn“. Ein perfekter Schluss im klassischen Sinn war ein Arrangement von Bachs „Air“. „Dass die Kirche nicht unbedingt der natürliche Lebensraum einer Blaskapelle ist“, wie es Bettinger eingangs scherzhaft formulierte, davon war nichts zu merken, die Kapelle und ihre Solisten überzeugten und begeisterten mit ihren neuen Tönen voll und ganz. Die stehenden Ovationen am Ende sagten mehr als Lobesworte.

Diese gab es aber natürlich auch, begleitet von Glückwünschen zum 35-jährigen Bestehen: Chorleiterin und Kulturreferentin Astrid Elender wünschte den Musikanten Mut zu „neuen Wegen“, nicht zu verstehen als Abwege, sondern als Neuland. Kapellenvorsitzender Hans Frank war stolz auf das Projekt, das auf die Beine gestellt wurde. Und bei Pfarrer Johann Braun weckte das Konzert „weitere kirchenmusikalische Begehrlichkeiten“. Überlegungen, ob und wann man die Rohrauer Messe nochmals im Rahmen eines Gottesdienstes aufführen könnte, gibt es bereits. An Pfarrer Braun gehen auch die 1801 Euro, die mit dem Konzert für die Kirchturmrenovierung eingespielt wurden.