Wolnzach: Im Bann der Worte
Text und Mikrofon - daneben braucht ein Poetry-Slammer beim Auftritt nur noch seine Stimme, die richtig eingesetzt werden will, um Emotionen auszudrücken und das Publikum in den Bann zu ziehen. Unser Foto zeigt Judith Schmid bei ihrem Vortrag bei den Bayerischen Meisterschaften in München. - Foto: Birgit Schmid
Wolnzach

Auf der Bühne sind keine Requisiten erlaubt und auch keine Verkleidung. Was zählt, ist allein der Text - selbst geschrieben und meist nicht länger als fünf bis sieben Minuten - und die Performance, also die Darstellung und der Ausdruck des Vortragenden. Das sind die wichtigsten Regeln beim Poetry-Slam. Das ist es dann aber auch schon, "ansonsten ist alles möglich", so Judith Schmid. Ob Prosa oder Lyrik, ob ernsthaft oder lustig, ob über Politik oder ganz Persönliches - in Form und Inhalt sind die Poeten völlig frei. Und nichts anderes sind die Poetry-Slammer, nämlich Dichter, die sich in einem Wettstreit messen. "Einem sehr freundschaftlichen Wettstreit allerdings", das betont die Wolnzacher Gymnasiastin. Letztlich gehe es beim Poetry-Slam ums Auftreten und Spaß haben - "ein Sieg ist da mehr ein schöner Nebeneffekt".

Das war bei den Bayerischen Meisterschaften Ende März in München, bei der Judith Schmid zwar nicht gewann, aber es bis ins Finale in der Kategorie U 20 schaffte, nicht anders. Noch jetzt pflegt sie Kontakt zu den anderen Finalisten, man tauscht sich aus, lernt aber auch voneinander in Sachen Stil und Auftritt.

Warum schreiben junge Leute eigene Texte und stellen sich damit auf die Bühne? Darauf hat die Abiturientin sofort eine Antwort parat: "Weil es eine Möglichkeit ist, etwas zu sagen." Und auch, um gehört zu werden. Den jungen Leuten werde oft unterstellt, sich nicht für Politik, Literatur und Kultur zu interessieren, so Judith. Die Poetry-Slammer zeigen aber: "Das gilt nicht für alle." Das Klischee des desinteressierten, nur vor dem Computer sitzenden oder Alkohol konsumierenden Jugendlichen bedienen die Poetry-Slammer jedenfalls nicht. Im Gegenteil würden sie beweisen, "dass man auch mit 15, 16 oder 17 Jahren eine Meinung zu bestimmten Themen haben kann".

Die Themen, die Judith in ihren eigenen Geschichten und Gedichten aufgreift, sind ganz unterschiedlich, aber meistens sehr emotional. Wie zum Beispiel die Geschichte, die sie im Münchner Halbfinale vortrug und dabei Zuhörer sogar zu Tränen rührte: Sie handelt von einer jungen Frau, die ihren dementen Vater pflegt. "Entweder sehr realistisch oder aber sehr fantasievoll", beschreibt sie das, was sie zu Papier bringt. Meistens übrigens handschriftlich, erst später gibt sie den Text dann in den Computer ein. Manchmal ist ein persönlicher Bezug da - so entsteht schon mal ein Text, in dem Judith verarbeitet, "wenn es mal Ärger mit den Eltern oder dem Bruder gibt". Oft habe der Inhalt aber auch gar nichts mit ihr selbst zu tun.

Gelesen hat Judith immer schon gerne ("Mein Zimmer ist eine halbe Bibliothek"), auch das Schreiben und Erzählen fällt ihr leicht. Beim Poetry-Slam geht es aber noch einen Schritt weiter und gerade der reizt Judith besonders: "Ich stehe unglaublich gerne auf der Bühne", gibt sie zu. Das habe sie schon bei ihren anderen Hobbys gemerkt; die 17-Jährige spielt Geige und Klavier, singt im Chor, tanzt und schauspielert gerne. Dazu hat sich nun das Poetry-Slammen gesellt. Diese neue Leidenschaft hat sie übrigens der Schule und speziell ihrem Deutschlehrer Bastian Mahler zu verdanken: In der elften Klasse belegte Judith bei ihm das Projektseminar "Poetry-Slam", an dessen Ende ein schuleigener Wettbewerb, der "Hopfenslam", stand. Aus diesem ging Judith als Siegerin hervor und qualifizierte sich so für die Bayerischen Meisterschaften. Aus einem Schulfach entwickelte sich also mit dem Schreiben und Vortragen etwas, das Judith in Zukunft unbedingt beibehalten möchte: "Es macht, genauso wie Tanzen, Zeichnen und Musik, mein Leben rund."