Geroldshausen: Stürmische Zeiten für Windräder
Eine Kapelle, ein Windrad, ein Baum. Gar nicht weit weg von Geroldshausen - diese Aufnahme entstand gestern am Riedhof gleich hinter Geisenhausen - prägen jetzt auch Windenergieanlagen die Landschaft. - Foto: Trouboukis
Geroldshausen

"Die Energiewende ist eine Augenwischerei." "Wir sollten den Energieverbrauch drastisch senken und nicht das Land mit Windrädern zupflastern, nur, weil es dafür das meiste Geld gibt." Der von Windkraftanlagen ausgehende Infraschall beeinträchtige die Gesundheit, das sei wissenschaftlich nachweisbar: "Die Belästigung durch tieffrequenten Schall wird als sehr ernst zu nehmendes Problem eingeschätzt, das bisher von den Behörden unterschätzt und nicht mit adäquaten Methoden erhoben wird."

Bürger informieren Bürger - so war dieser Montag im Gasthaus Gscheider überschrieben. Aber eigentlich war es hauptsächlich der Referent des Abends, der informierte und mit fortschreitender Zeit auch mehr und mehr in die Rolle des Moderators schlüpfte: Der Mediziner Johannes Mayer (kleines Foto, Trouboukis) beschäftigt sich seit über zwei Jahren mit den Auswirkungen von Infraschall auf die Gesundheit. Er hat über 200 Studien bearbeitet und medizinische Gutachten für die Verfassungsklage gegen Windräder verfasst. Und jetzt war er in Geroldshausen, einem Dorf, in dem an diesem Abend die Häuser leer waren: In Strömen kamen die Interessierten, drängten in den Gscheidersaal, quetschten sich neben Nachbarn aus Geisenhausen, Schweitenkirchen, Sünzhausen und verfolgten die Ausführungen des in Sachen Windenergieanlagen und deren Auswirkungen äußerst bewanderten und auch in der Präsentation seiner Aussagen erfahrenen Redners.

Sie taten das mit wachsender Unruhe, denn die Informationen, die er servierte, machten ihnen Angst vor Windanlagen, auch wenn es solche in Geroldshausen noch nicht gibt. "Man findet nur das, was man misst", erklärte Mayer, warum moderne Windenergieanlagen immer wieder das Prädikat "gesundheitlich unbedenklich" bekämen: "Infraschall kommt beim Landesamt nicht vor", erklärte er, denn er liege unter 20 Hertz. Somit werde er vom Gehör zwar nicht wahrgenommen - "vom Körper aber schon". Infraschall verändere die Hirnströme, setze die Atemfrequenz herab, vermindere die Sauerstoffzufuhr im Blut, beeinflusse die Hormonausschüttung der Nebennierenrinde - das könne den Menschen krank machen.

Wie Betroffene das empfinden, das schilderten einige von ihnen: Bernd Huhnt hat vor einem halben Jahr sein Haus im Landkreis Aichach-Friedberg verkauft, "20 Prozent Wertverlust". Er leide unter dem sogenannten Windturbinensyndrom (WTS), dessen typische Symptome Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Herzrasen, Ohrendruck oder Panikattacken sind: "Ich ziehe jetzt in die Stadt, da kommt der Infraschall nicht hin." Ähnliches schilderte Monika Ständecke, die im August von Göbelsbach wegziehen wird. Sie habe ihre Beschwerden dem Landratsamt geschildert und einen von mehreren Betroffenen unterschriebenen Brief geschickt. Aber: "Wir warten seit dem 25. Januar auf eine Antwort."

Hatte der Referent unterstützt von Martin Ott, dem eigentlichen Moderator, zunächst angekündigt, gerne zu medizinischen Fragen Stellung zu nehmen, so wurde die Diskussion nach der Pause immer politischer, die Stimmung im Gscheidersaal immer aufgeheizter. "Geh doch nach Hause", musste sich gar Sigi Ebner aus Besucherreihen mehrfach anhören. Er sprach für den Bund Naturschutz und damit pro Windkraftanlagen - was im Saal zu diesem Zeitpunkt offenbar keiner mehr hören wollte. Auch Referent Johannes Mayer nicht, der via Mikrofon harte Geschütze auffuhr: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland streiche für Windenergieanlagen massive Ausgleichszahlungen ein. Wenig Gehör fanden an diesem Abend die Politiker, obwohl sie geballt anwesend waren: Max Wallner von der FDP-UW-BGW im Wolnzacher Gemeinderat nutzte den Gscheidersaal als Bühne, schließlich habe er als einziger Wolnzacher Marktgemeinderat gegen den im Landkreis geltenden Teilflächennutzungsplan gestimmt; der Wolnzacher Bürgermeister Jens Machold bekräftigte, dass weder aus Wolnzach, noch aus Geisenhausen oder Schweitenkirchen aktuell Anträge auf den Bau von Windanlagen vorlägen; Landtagsabgeordneter Karl Straub versuchte, eine Lanze für die 10 H-Regelung zu brechen, mit der Bayern als einziges Bundesland überhaupt einen Schutz für seine Bürger festgezurrt habe.

Die 10 H-Regelung bietet nach Mayers Darstellung aber keinen wirklichen Schutz: "Es gibt viele Flächen, wo 10 H nicht greift" - und überhaupt immer mehrere Ausnahmeregelungen. Wenn das Windrad vor der Nase sitzt, dann helfe auch 10 H nichts, tat der Referent das unter dem tosenden Beifall der Zuhörer ab. Da ging auch Gabi Kaindls Wortbeitrag fast unter: Als Zweite Bürgermeisterin aus Schweitenkirchen wehrte sie sich dagegen, dass alle Kommunalpolitiker hingestellt würden, "als wollten wir jemandem schaden". Als der Referent nur mehr medizinische Fragen zulassen wollte und selbst das den politischen Wind nicht mehr aus dem Windkraftabend nehmen konnte, war es Martin Ott, der die Veranstaltungen mit einem Dank an alle beendete.

Doch der Abend wirkt nach. "Was ich gehört habe, hat mir Angst gemacht", so der Geroldshausener Bürger Oswald Schenker. "Entweder ich habe 10 H oder nicht." Fassungslos gab sich Landtagsabgeordneter Karl Straub am Morgen danach: "Das war wie im falschen Film." Mayers Vortrag habe er noch als Beleg gesehen, alles richtig gemacht zu haben: Schließlich wurde unter der Überschrift "Wie kann man sich wehren" vom Referenten eine Folie gezeigt, auf der zu lesen steht: "Sinnvoll über 10 H und die Flächennutzungspläne. Dabei müssen die Gemeinderäte hinter den Bürgern stehen." Aber danach habe Mayer eben diese 10 H-Regelung konterkariert. Generell sei der Abend am Ende entglitten. Straub: "Für einen konstruktiven Austausch, der alle weiterbringt, hat da eindeutig der Respekt im Umgang miteinander gefehlt."