Aus der Luft wird die Anordnung der LB-Antennen deutlich. Zu sehen sind allerdings nur die Matten, die der Abschirmung dienen. Links oben im Bild ist der Technikcontainer. - Foto: Haßfurter
Diese Einsamkeit hat auch die Wissenschaftler des Garchinger Max-Planck-Instituts für Astrophysik (MPA) begeistert. Garching liegt ja direkt vor den Toren der Millionenstadt München – am Nachthimmel sieht man dort vielleicht Sirius und Arkturus, die hellsten Sterne am nördlichen Firmament, kann eventuell noch starke Sternbilder wie Orion und den Großen Wagen erkennen, doch schon die Plejaden sind Opfer der Lichtverschmutzung, die von der Landeshauptstadt ausgeht. Und über das Stadium, Sterne zu kartografieren und zu Sternbildern zusammenzusetzen, ist die Astrophysik bekanntlich seit einigen Jahrhunderten hinaus. Heute lauscht man in die Tiefen des Weltalls, um mehr über die Ursprünge, über das, was man gemeinhin den Urknall nennt, herauszufinden. Die Sache hat nur einen Haken: Bei all den Fernseh-, Radio, Funk- und Handy-Wellen, die durch die Luft schwirren, hat die äußerst schwache Weltraumstrahlung kaum mehr eine Chance, auf die Erde und in die Messgeräte der Wissenschaftler zu gelangen.

Anders bei Weilenbach. Natürlich summt und schwirrt es an diesem warmen Apriltag auch hier auf dem Acker – Bienen suchen in den Frühlingsblumen, die vereinzelt aus dem staubigen Boden spitzen, nach Nektar. Und wenn man sich dem einsamen Metallcontainer nähert, surrt es sogar immer lauter. Denn der Metallkasten hat es in sich: Ein riesiger Schaltschrank nimmt den größten Teil des ungefähr zwei mal vier Meter großen und zwei Meter hohen Innenraums ein und lässt den vier Männern, die hier arbeiten, kaum Platz, aneinander vorbeizugehen. Sie stöpseln an etwas, das aussieht wie der Server eines mittleren Unternehmens, Kabel ein. Für jede der 96 Stabantennen draußen, im hinteren Teil Felds, zwei.

Seit vier Tagen arbeiten die Männer vom niederländischen Wissenschaftsinstitut Astron schon hier. Heute wollen sie fertig werden. Dann sind die 96 Stabantennen, so genannte Low Band Antennas (LBA) für die niedrigeren Frequenzbereiche, angestöpselt. Im Sommer, erklärt Heinz-Ado Arnolds, Netzwerkingenieur im Lofar-Team des MPA, sollen dann auch die ebenfalls 96 High Band Antennas (HBA) für den vorderen Teil des Felds geliefert werden.

Warten auf die Antennen

Eigentlich sollte die ganze Anlage ja schon seit einem Jahr laufen, aber "bei solch großen Projekten sind Verzögerungen immer drin", meint Arnolds. Er und seine Kollegen vom Lofar-Team waren ursprünglich davon ausgegangen, schon Ende 2007 das Antennenfeld in Betrieb nehmen zu können, mussten dann allerdings immer wieder Verzögerungen akzeptieren, weil sich die Entwicklung der Antennen als aufwendiger erwies als gedacht. Zwar könnte der LBA-Teil des Aresinger Antennenfelds schon seinen Betrieb aufnehmen – das extra für die Astrophysiker bis zum Knotenpunkt in Wollomoos (Gemeinde Altomünster) verlegte Glasfaserkabel ist bereits da, es müsste nur noch eingestöpselt werden. Doch das würde wenig bringen, erklärt Arnolds. Denn erst im Verbund vieler gleichartiger Anlagen in ganz Europa entstehen in einem Supercomputer im niederländischen Groningen Weltraumbilder mit einer Auflösung und Tiefenschärfe, die den Wissenschaftlern bei ihren Forschungen weiterhilft. Und die anderen Antennenfelder sind auch noch nicht weiter als das Aresinger – in Weilenbach das große Kabel einzustecken, würde also nur Netzgebühren kosten . . .

Dazu muss man wissen: Lofar ist ein Teleskop – ein Teleskop 2.0 sozusagen. Anstatt mit einer riesigen Schüssel ins All zu blicken, machen das die an dem Projekt beteiligten Astrophysiker mit über ganz Europa verteilten Antennenfeldern. Die sammeln Daten, schicken sie an den Zentralcomputer, und der bastelt daraus mit immenser Rechenpower Bilder von bisher ungekannter Auflösung. Wie bei Wikipedia, der Internetenzyklopädie, die Dank der Mitarbeit vieler ein ungeheures Fachwissen versammelt. Nur, dass bei Lofar ausschließlich ausgewiesene Fachleute am Werk sind (die, wie Benedetta Ciardi oder Simon White, sogar eigene Wikipedia-Einträge haben).

Damit diese Fachleute neue Daten bekommen, ist jetzt erst einmal Menno Norden gefragt. Den Niederländer mit den lichten Haaren hat sich Heinz-Ado Arnolds gerade zur Seite genommen. Die beiden ziehen eine der Platinen aus dem Schaltschrank, betrachten sie genau und fachsimpeln. Norden hat die Platinen selbst konstruiert, wie überhaupt einen Großteil der Hardware, die dafür zuständig ist, dass die Daten, die die Antennen sammeln, verstärkt, digitalisiert und ins Glasfasernetz nach Groningen geschickt werden. Dabei war nicht nur High Tech gefragt, sondern auch Kostenbewusstsein. So sind die unterirdisch verlegten Kabel zwischen Antennen und Schaltschrank ganz normale Koax-Kabel, wie man sie von der heimischen Satellitenschüssel kennt. "Jede Station hat 40 Kilometer Kabel", sagt Norden trocken, da lohne es sich schon, wenn jeder Meter ein paar Cent günstiger komme.

Keine bunten Bilder

Norden und Arnolds tauschen noch ein paar – für nicht Eingeweihte völlig belanglos klingende, aber offensichtlich für die Zukunft des Lofar-Projekts nicht unwichtige – Fachbegriffe aus, dann quetscht sich der Niederländer auf einen Stuhl hinter dem Schaltschrank und drückt ein paar Tasten auf seinem Laptop. Es ist eine Premiere: die ersten Bilder des Aresinger Teleskops. Während Arnolds verzückt lächelt, erlebt der Laie eine herbe Enttäuschung: Keine bunten und gestochen scharfen Bilder von galaktischen Nebeln oder Supernovae, sondern – eine Linie. Noch dazu eine langweilige Linie fast ohne Ausschläge nach oben oder unten. Doch gerade das begeistert Arnolds so. Die Ausschläge sind von Menschen gemachte Störstrahlungen, und je weniger davon da ist, desto besser. Eventuell würde die Linie – für den Laien – spannender aussehen, wenn der einst bei Weilach geplante Handymast in Betrieb wäre. "Wir haben dazu eine Stellungnahme abgegeben, dass wir das nicht so gerne sehen", sagt Arnolds. Der Mobilfunkanbieter hat inzwischen von seinen Plänen bei Weilach Abstand genommen.

Wenn am Abend alle Kabel eingestöpselt sind und die dicke Tür des mehrfach gedämmten und abgeschirmten Containers (schließlich soll weder die Sommerhitze den Computern schaden noch die elektromagnetische Strahlung der Rechner die Antennen irritieren) geschlossen wird, fällt der Acker in Sichtweite des Flammensbacher Biergartens wieder in seinen Dornröschenschlaf. Im Herbst, hofft Heinz-Ado Arnolds, können die Astrophysiker endlich "den dicken Schalter umlegen" und mit der Bevölkerung eine kleine Einweihungsparty feiern. Wenn sich nicht die Lieferung der HBA-Antennen weiter verzögert. Man weiß es nicht. Verlässlich ist nur der Sternenhimmel, und der wird sich, wenn es dunkel wird und sich keine Wolken dazwischenschieben, wie seit ewigen Zeiten über die idyllische Landschaft spannen. Antennen hin oder her.