Erich Irlstorfer
Erich Irlstorfer stellte sich seinen Nichtwählern.
Winkelhausen
Nur ganz langsam füllte sich der Saal in Winkelhausen. Losgehen sollte es um 19 Uhr, da waren aber gerade einmal 30 der späteren 50 Interessierten da, einige davon nicht Gegner, sondern - wie etwa CSU-Kreisvorsitzender Alfred Lengler - Unterstützer. "Macht nichts", sollte Erich Irlstorfer viereinhalb Stunden später sagen, "die Zeiten, in denen Hunderte zu sowas kommen, sind vorbei. Ich bin zufrieden."

Die Gäste waren aufgefordert, vor das Publikum zu treten und vorzutragen, warum sie fanden, dass Erich Irlstorfer den Wahlkreis in Berlin nicht angemessen vertreten würde. Davon allerdings war kaum die Rede. Keiner der 13 Redner aus dem Publikum hatte anscheinend ein Problem mit ihm. Vielmehr aber mit der Partei. Und was man da hörte, war nicht neu.

So erklärte etwa Wolfgang Rostek, Arzt aus Aresing, dass die CSU erhebliche Schuld am Niedergang des Gesundheitswesens trage. "Die einzige Partei, die erkannt hat, dass uns das bald alles um die Ohren fliegt, ist die FDP", schloss er. Landwirt Mathias Steinberger sagte, er habe seiner Familie sogar verboten, die CSU zu wählen. Da werde zu wenig für die Landwirtschaft getan. Martin Kappelmaier aus Gachenbach hielt einen feurigen Vortrag darüber, warum er lieber auf Grün statt Schwarz setze und hatte gleich mehrere Punkte vorzutragen: Der Soli, die Sozialabgaben, die zunehmende Verkehrsbelastung, zu wenig Einsatz für Menschen in Pflegeberufen und zu wenig echt grüne Energie. Kritik hagelte es außerdem für das Rentensystem der Regierung und für Angela Merkels Asylpolitik. Ein Gast aus Pfaffenhofen outete sich sogar als AfD-Wähler. "Nicht, weil ich rechts bin, sondern aus Protest", gab er zu. Er habe immer CSU gewählt, aber so könne es ja nicht weitergehen. Und eben das schien der Tenor des Abends zu sein: Die CSU und auch die CDU könnten nicht weitermachen wie bisher.

Erich Irlstorfer hörte sich die Ausführungen der doch teilweise sehr erregten Redner schweigend an, schrieb emsig alles mit und nur hin und wieder äußerte er sich. Zum Beispiel zum Thema Rente: "Wer wenig einbezahlt, bekommt wenig raus." Zur Asylpolitik: "Wer Hilfe braucht, soll die bekommen, wer straffällig wird, hat sein Recht auf Asyl verwirkt." Zur Ehe für alle: "Ich bin nicht gegen Homosexualität, aber die Ehe ist etwas zwischen Mann und Frau."

Winkelhausen: Viereinhalb Stunden Kritik
Foto: Alexandra Burgstaller
Winkelhausen

So lief der Abend dahin, Stunde um Stunde. "Nächste Wortmeldung", fragte Irlstorfer nach jedem Redner. Die Augen so manchen Gastes wurden mit jeder vergehenden Minute ein wenig kleiner und auch Erich Irlstorfer schien nach fast vier Stunden zu schwächeln und musste sich mit einem Wurstsemmerl stärken. Fast fragte man sich schon, ob die Veranstaltung nicht womöglich ihren Sinn verfehlt haben könnte. Sicherlich, so manchem der Anwesenden tat es sichtlich gut, einfach mal den Dampf abzulassen, seinem Ärger über die Politik Luft zu machen. Aber eigentlich hatte Erich Irlstorfer ja wissen wollen, warum sein persönliches Wahlergebnis hätte besser sein können und was er in seinem Wahlkreis besser machen soll - und nicht, wo Seehofer und Merkel versagt hatten.

Und dann gegen Ende, als die Schrobenhausener SPD-Stadträtin Martha Schwarzbauer ans Mikro trat und Irlstorfer direkt fragte, wie der Wahlkampf seiner Partei für die Landtagswahl 2018 aussehen soll - das Thema Asyl und Obergrenze sei verbraucht -, da erklärte Erich Irlstorfer: "Ich bin Bundestagsabgeordneter, was im Wahlkampf auf Landesebene passiert, da habe ich keine große Mitsprache." Was man von ihm 2018 erwarten könne, das allerdings wusste er schon und darüber wollte er wohl auch viel lieber reden.

Denn Erich Irlstorfer war ja nicht nach Winkelhausen gekommen, um für die bayerische Landtagswahl vorzuarbeiten und eine Lanze für seine Partei zu brechen. Nicht nur zumindest. Erich Irlstorfer war gekommen, um eine Lanze für Erich Irlstorfer zu brechen. Zu zeigen: Schaut her, ich bin in der CSU, ich bin aber nicht die CSU. Ich habe eine eigene Meinung und die traue ich mich auch sagen. "Vor Ort wird die Politik entschieden und da nimmt die Farbe der Partei eine untergeordnete Rolle ein", ist er überzeugt. So sei er beispielsweise gegen eine dritte Startbahn am Münchner Flughafen, auch wenn der Rest der CSU sich dafür ausspreche. "Die Politik muss an den Bürger ran", sagte er. Treffen wie eben jenes in Winkelhausen seien sinnvoll, um Details zu erfahren, um zu erfahren, was die Bürger wirklich wollen. Er selbst gehe diesen Weg, wo er nur könne, unterhalte sich viel mit Menschen. "Ich bin auch dafür, dass man wieder ehrlicher wird in der Politik", sagte er. Es dürfe keine Tabus geben, jedes Thema müsse offen angesprochen werden dürfen - "auch wenn es unangenehm ist". Der Wertekompass in der Partei, aber auch in der Gesellschaft, müsse neu justiert werden.

Gegen halb zwölf war dann das letzte Wort gesprochen. Die vielen Anregungen versprach Irlstorfer mit nach Berlin zu nehmen. Ob der Abend die CSU und ihre ehemaligen Wähler versöhnt hatte? Wohl kaum. Für Erich Irlstorfer ganz persönlich schien der Abend trotzdem ein Erfolg gewesen zu sein. Er war nicht nur einmal dafür gelobt worden, sich seinem Misserfolg so tapfer zu stellen und seine launigen Parolen stießen zwar nicht bei allen, aber bei vielen merklich auf Zustimmung. Er wollte sich als Person Erich Irlstorfer nahbar machen, ein wenig lösen vom CSU-Dasein - und das hat er getan. Kein Wunder also, dass er nach einem Abend voll der Kritik breit grinsend sagte: "Ich bin zufrieden."