Das Mittagsgebet liegt wenige Minuten zurück, der Nachmittagstee lässt auf sich warten. Auf dem gepflasterten Hof hinter dem Doppelhaus an der Pöttmeser Straße wird diese Woche kein Zelt stehen, wie die Mitglieder der türkisch-islamischen Gemeinde es sich gewünscht hätten.

Großer Treffpunkt

Am 11. August beginnt in diesem Jahr der islamische Fastenmonat Ramadan. Traditionell treffen sich die Gläubigen dann allabendlich zum gemeinsamen Fastenbrechen in großer Runde. Im vergangenen Jahr war das Zelt im Hinterhof der Fatih-Moscheegemeinde Treffpunkt für zahlreiche Familien bis in den späten Abend hinein. Die Nachbarn fühlten sich durch Lärm und ständiges Kommen und Gehen gestört. Deshalb verzichtet die Gemeinde nun auf das Zelt.

Auch die Tischtennisplatte auf dem Hof ist ein Zugeständnis an die Nachbarn im Wohngebiet. Wenn hier früher die Jugend Fußball spielte, flog allzu oft der Ball in Nachbarsgärten und landete auch schon mal auf einem Esstisch. "Es gibt keinen Streit", versichert Abdullah Erarslan, der seit drei Monaten den Verein leitet. Er hat gerade proDialog absolviert, eine interne Qualifizierungsmaßnahme des Dachverbands Türkisch-Islamische Union Ditip, dem die Gemeinde in der Pöttmeser Straße angehört. Der Verband hat die Bedeutung des Dialogs der Religionen und Kulturen erkannt und schult in einem dreijährigen Projekt bundesweit zwei bis drei ehrenamtliche Beauftragte pro Gemeinde.

Mehmet Topçu gehört zu den Imamen, die die türkische Religionsbehörde im Wechsel von fünf Jahren an die Partnergemeinden in Deutschland entsendet. Grundkenntnisse der deutschen Sprache sind mittlerweile Voraussetzung. Topçu, der seit anderthalb Jahren der Schrobenhausener Gemeinde vorsteht, hat einen Deutschkurs im Goethe-Institut Ankara absolviert und bedauert, hier vor Ort keinen geeigneten Kurs zum Ausbau seiner Sprachkenntnisse gefunden zu haben. Ohne gemeinsame Sprache kein Dialog, weiß Topçu, hält seine Predigten aber nach wie vor auf Türkisch. Eine deutsche Zusammenfassung der Predigt wünscht sich der Vereinsvorsitzende Erarslan. Dann kämen auch mehr nicht-türkische Muslime wie Albaner, Mazedonier oder Bosnier in die Moschee.

Mehr Deutsch

Abdullah Erarslan zog 1981 als Kind zur Familie in Deutschland nach. Mit seinen vier Kindern gehört er heute selbst zu den Vätern der dritten Generation türkischer Migranten. Auch um die Jugend zu halten, sei mehr Deutsch nötig, meint er. Während deutsche Stellen häufig über mangelnde Deutschkenntnisse vieler türkischer Mitbürger klagen, vermisst Erarslan bei den Jugendlichen ausreichende Türkischkenntnisse. "Wir haben niemanden, der ihnen die Religion auf Deutsch nahebringen könnte", bedauert er.

Zu den größten Problemen der über 1000 Menschen türkischer Herkunft in Schrobenhausen, rund ein Drittel davon mit deutschem Pass, zählt er auch die Arbeitslosigkeit. Erarslan selbst ist in Ingolstadt tätig, weiß aber genau, wovon er spricht. "Meine Tochter musste das Kopftuch ablegen, um Arbeit zu finden." Heute ist sie in ihrem Beruf als Anwaltsgehilfin tätig. Ihre jüngere Schwester dagegen hatte bei ihrem Bewerbungsmarathon noch keinen Erfolg.

Solche Sorgen kennt Imam Topçu nicht. Seine Familie, derzeit auf Sommerurlaub in Bayern, lebt in Ankara, weil die Eltern die Kinder nicht aus dem Studium reißen wollten. Für Topçu liegt der Schlüssel zum Dialog und zur Integration in der Bildung. Da kann Erarslan als Erfolg vermelden, dass sich die Zahl der Gymnasiasten aus der türkischen Gemeinde in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt hat.

Gleich hinter der Tischtennisplatte geht es in die Moschee hinein. Im Vorraum mahnen Schilder, die Schuhe auszuziehen, für sie stehen raumhohe Regale bereit. Den Boden des Innenraums für rund 200 Betende bedecken dicke Teppiche. Arabische Kalligraphien und zwei Gemälde von Moscheen im Großformat zieren die Wände. Seiten und Trennwand zur Frauenabteilung, knapp halb so groß wie der Saal für die Männer, sind mit Holz vertäfelt. Den üblichen Kalender mit Gebetszeiten ersetzt eine unübersehbare Digitalanzeige.

Umzug ein Thema

Im kommenden Fastenmonat wird der Raum wieder aus allen Nähten platzen. "Die Räume reichen einfach nicht aus", klagt Abdullah Erarslan. Im Jahr 2000 wurde das Anwesen vom Roten Kreuz übernommen, 2001 zur Moschee umgestaltet. Nun aber denkt die Gemeinde an Umzug. "Wir haben ein Grundstück im Gewerbegebiet im Visier", verrät Erarslan. Dort soll ein zweigeschossiges Gebäude entstehen und vielleicht auch ein Minarett. Das Projekt befinde sich kurz vor der Genehmigungsphase, die Schrobenhausener Kommune habe grundsätzlich grünes Licht signalisiert.

Miteinander reden

Ein Zelt zum gemeinsamen Fastenbrechen wird es frühestens in einigen Jahren wieder geben, vorausgesetzt, der Neubau der Moschee wird genehmigt. Im Rahmen des neuen Dialogkonzepts will die türkisch-islamische Gemeinde Angehörige anderer Religionen aber schon in diesem Sommer zur Feier des Fastenbrechens einladen. Zum Tag der offenen Tür Anfang Mai waren auch die Nachbarn gern gekommen.

"Hunde beschnuppern einander, um sich kennenzulernen, Menschen müssen miteinander reden", zitiert Imam Mehmet Topçu ein türkisches Sprichwort. Fußballfan Abdullah Erarslan meint: "Wir spielen doch alle dasselbe Spiel, nur auf verschiedenen Seiten."

Die Autorin, Sabine Adatepe, kommt aus Hamburg; sie war Teilnehmerin der Lisa-Akademie.