Schrobenhausen: Was Frankenstein mit Schrobenhausen verbindet
Hanns Schultes hat eine Kopie des Gemäldes von Josef Wohlmuth daheim, das ihn seit vielen Jahren schon fasziniert. Inzwischen hat er auch herausgefunden, warum. Und die Geschichte hinter dem Bild ist bemerkenswert. - Foto: Petry
Schrobenhausen

Hanns Schultes, der in den 70er-Jahren Schrobenhausener Kulturreferent war und den schönen Künsten bis heute zugeneigt ist, sagt es so: "Dieses Bild hat etwas mit Frankenstein und der Erfindung des Fahrrads gemeinsam."

Aha. Na, dann nehmen wir es doch einmal genauer unter die Lupe. Vorne, vor dem Rathaus, die Menschen, sehr dunkel gekleidet, die meisten behütet. Die Stadtpfarrkirche dahinter, sieht anders aus als gewohnt. Wie Bernhard Hanke vom Pfarramt St. Jakob weiß, wurde die einstige Barocklaterne im Oktober 1802 durch den Aichacher Stadtzimmermeister mit einem Spitzhelm versehen, also 14 Jahre vor der Hungersnot. Wohlmuth könnte also hier der alten Kirchturmspitze ein Denkmal gesetzt haben.

Andererseits hatte es der gute Maler Wohlmuth nicht so sehr mit den Perspektiven, wie man unschwer rechts am Postgebäude erkennen kann. Möglich, dass ihm oben, am Bildrand einfach der Platz ausging und dass er geschummelt hat.

Der Schrobenhausener Heimatforscher und Kreisheimatpfleger Bernhard Rödig hat weitere Hintergründe zu dem Bild zusammengetragen (siehe grauer Kasten). Der Hinweis auf Frankenstein, er fehlt allerdings.

"Schauen Sie sich mal den Himmel an!", sagt Hanns Schultes. Schönes Wetter ist anders, das fällt sofort auf. Alles grau, bewölkt, mit einem Hauch ins Gelbe. "Und das hat Gründe", sagt Schultes. Denn 1816 ging als das "Jahr ohne Sommer" in die Geschichte ein. Jenseits des Teichs bekam es den Beinamen "Eighteen hundred and frozen to death", in Deutschland sagte man: "Achtzehnhundertunderfroren".

In diesem Sommer 1816 gab es keinen weiß-blauen Himmel über Bayern, und das hatte Folgen: Missernte, Dauerregen, Pferde starben, weil es nicht mehr genügend Futter gab, und die Erfindung der Draisine wurde mit Hochdruck vorangetrieben. Denn der Himmel war nicht nur über Bayern das ganze Jahr über grau, sondern auch rundherum.

"In jenem Sommer reiste die britische Schriftstellerin Mary Shelley zu Freunden am Genfer See, darunter auch Lord Byron", erzählt Schultes. Dort regnete es so sehr, "man konnte teilweise tagelang nicht mehr vor das Haus, damals." Sozusagen gegen die Langeweile vereinbarten die Freunde, Gruselgeschichten zu schreiben und sie sich gegenseitig vorzulesen. Lord Byron vollendete seine Geschichte nicht, Mary Shelley aber schon. So wurde das Jahr ohne Sommer zum Geburtshelfer für "Frankenstein".

Wie es zu jenem "Jahr ohne Sommer" kam, das wusste man damals noch nicht. Erst mehr als ein Jahrhundert später fand der amerikanische Klimaforscher William Humphreys die Erklärung dafür, 1920 war das. Seine These steht bis heute unwidersprochen: Im April 1815 war - Tausende Kilometer weiter östlich, auf der Insel Sumbawa der Vulkan Tambora ausgebrochen - der stärkste Ausbruch in der Zeit der Geschichtsschreibung, viermal so intensiv wie der Krakatau, 170 000 Mal so stark wie die Hiroshimabombe. Im Umkreis von 600 Kilometern verdunkelte sich der Himmel zwei Tage lang vollständig.

"Teile der Asche, Schwefel, Gase - alles Sonnenlicht verschlingende Substanzen - zogen um die Welt, verdunkelten und verfärbten den Himmel über Jahre hinweg", sagt Schultes. Die komplette Lichtabsorbtion, die jedes Pflanzenwachstum bedingt, sei temporär blockiert gewesen, ein Aspekt, der ihn mit seinem wissenschaftlichen Hintergrund als Apotheker natürlich besonders fasziniert. Mit krassen Auswirkungen aufs Weltklima - und auf die Menschen, die nicht ahnten, wie ihnen geschah.

Und mit Folgen, deren Zusammenhänge sich laut Hanns Schultes zum Teil erst in den letzten Jahrzehnten erschlossen haben. 1817 blühte in Bayern die lange unterdrückte Volksfrömmigkeit wieder auf - logisch, Unwissenheit löst Angst aus. Der Chemiker Justus von Liebig nahm die Hungersnot zum Anlass, die Bedingungen von Pflanzenwachstum genauer zu untersuchen - und entwickelte Mineraldünger.

Und es gab einen Einfluss auf die Kunst, wie Hanns Schultes recherchiert hat: Die Sonnenuntergänge zeigten sich, als die Sonne 1817 wieder die dicke Wolkenschicht durchdrang, noch nach Jahren in ungeahnter Pracht, angereichert mit Farbtönen wie Rot, Orange, Violett, Blau und Grün - wie man sie in Gemälden von Spitzweg und Turner wiederfindet. "Alles Folgen des Vulkanausbruchs von Tambora", hat Hanns Schultes auf der Suche nach der Geschichte hinter dem Wohlmuth-Bild herausgefunden.

Das Gemälde hat übrigens seinen Platz im Museum im Pflegschloss - und als Kopie in Hanns Schultes' Arbeitszimmer. Basierend auf der Hungersnot von 1816, die sich heuer zum 200. Mal jährt.